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Empathie und multiple Perspektiven

Warum Empathie im Kontext dieses Konflikts schwierig ist

Empathie bedeutet, sich in die Gefühle und Erfahrungen anderer Menschen hineinzuversetzen, ohne die eigenen Überzeugungen vollständig aufzugeben. Im israelisch palästinensischen Kontext ist das besonders anspruchsvoll, weil viele Menschen mit starkem persönlichen, religiösen oder politischen Bezug sprechen. Gewalt, Traumata und anhaltende Ungerechtigkeit prägen die Wahrnehmung auf beiden Seiten.

Wer versucht, empathisch zu denken, stößt oft auf die Angst, durch Verständnis für die „andere Seite“ die eigene Seite zu verraten oder Leiden zu relativieren. Hinzu kommt, dass der öffentliche Diskurs häufig in einfachen Gegensätzen verläuft. Begriffe wie „Täter“ und „Opfer“, „Angreifer“ und „Verteidiger“ werden pauschal verwendet, obwohl die Realität viel komplexer ist.

Empathie in diesem Kontext heißt nicht, alle Positionen gutzuheißen oder alle Handlungen gleich zu bewerten. Es bedeutet, das menschliche Erleben hinter politischen Parolen zu erkennen. Die Aufgabe ist, gleichzeitig das Leiden der einen Seite ernst zu nehmen und das der anderen Seite nicht zu verdrängen.

Unterschied zwischen Empathie und Zustimmung

Es ist wichtig, Empathie von Zustimmung zu unterscheiden. Wer sich in israelische oder palästinensische Perspektiven hineinversetzt, stimmt damit nicht automatisch allen politischen Forderungen oder Handlungen zu.

Man kann zum Beispiel das Sicherheitsbedürfnis vieler Israelis nachvollziehen, ohne jede militärische Maßnahme zu unterstützen. Umgekehrt kann man das Gefühl von Entrechtung und Hoffnungslosigkeit vieler Palästinenserinnen und Palästinenser verstehen, ohne jede Form von Gewalt zu legitimieren.

Empathisches Denken bedeutet, zwei Ebenen auseinanderzuhalten. Auf der einen Ebene stehen Bewertung und Kritik von Handlungen, politischen Strategien und Strukturen. Auf der anderen Ebene steht das Bemühen, die Emotionen, Ängste und Hoffnungen von Menschen wahrzunehmen, die in diesen Strukturen leben. Gerade in diesem Konflikt wird diese Trennung oft vermischt, was Gespräche zusätzlich verhärtet.

Emotionale Kernthemen in israelischen Perspektiven

Um multiple Perspektiven zu verstehen, ist es hilfreich, zentrale emotionale Bezugspunkte zu erkennen, die viele Israelis teilen, unabhängig von parteipolitischen Unterschieden. Diese Punkte sind nicht bei allen gleich stark, bilden aber typische Muster, die Empathie erleichtern können.

Ein zentrales Thema ist Sicherheit im Schatten historischer Verfolgung. Die Erinnerung an den Holocaust und an frühere Pogrome prägt das kollektive Bewusstsein. Für viele ist der Staat Israel nicht nur ein „normaler“ Staat, sondern ein existenzielles Schutzprojekt. Bedrohungen werden deshalb häufig nicht nur als aktuelle militärische Risiken gesehen, sondern als potenzielle Wiederholung existenzieller Gefahren. Auch scheinbar kleine Bedrohungen wirken vor diesem Hintergrund übergroß.

Ein weiteres Thema ist das Motiv des „kleinen Landes in feindlicher Umgebung“. Viele Israelis erleben sich als zahlenmäßig unterlegen, umgeben von Staaten und Akteuren, die in der Vergangenheit Kriege gegen Israel geführt haben oder seine Legitimität infrage stellen. Das verstärkt die Bereitschaft, harte Sicherheitsmaßnahmen zu akzeptieren, selbst wenn diese international stark kritisiert werden.

Auch die Erfahrung wiederkehrender Gewalt spielt eine Rolle. Raketenbeschuss, Terroranschläge, Sirenen und der Verlust von Angehörigen hinterlassen tiefe Spuren. Für Menschen, die so leben, erscheinen Forderungen nach einseitigen Zugeständnissen oft naiv oder bedrohlich. Empathie heißt hier, diese Sicherheitsängste ernst zu nehmen, auch wenn man die politischen Schlussfolgerungen ablehnt.

Emotionale Kernthemen in palästinensischen Perspektiven

Auf palästinensischer Seite prägen andere Erfahrungen das emotionale Koordinatensystem. Zentral sind Themen wie Verlust, Entrechtung und das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Viele Palästinenserinnen und Palästinenser tragen Erzählungen von Vertreibung und Flucht über Generationen weiter. Der Verlust von Häusern, Land, Dörfern und ganzer Lebenswelten ist nicht nur historisches Wissen, sondern Teil der Familienidentität. Das erzeugt ein starkes Gefühl von Unrecht, das bis heute ungesühnt erscheint.

Hinzu kommen die alltäglichen Erfahrungen von Kontrolle und Einschränkung für Menschen, die in besetzten Gebieten leben oder in Flüchtlingslagern aufgewachsen sind. Checkpoints, rechtliche Ungleichheiten und wirtschaftliche Abhängigkeiten vermitteln das Gefühl, dem Handeln anderer ausgeliefert zu sein. Aus dieser Perspektive erscheint internationale Rhetorik über „Frieden“ oder „Sicherheit“ oft hohl, solange grundlegende Rechte als verweigert erlebt werden.

Ein weiteres emotionales Thema ist die anhaltende Unsicherheit der eigenen politischen Zukunft. Viele Palästinenserinnen und Palästinenser haben das Gefühl, dass ihr Schicksal ständig von Entscheidungen anderer abhängt, sei es von Israel, von regionalen Mächten oder von internationalen Akteuren. Empathie bedeutet hier, die Mischung aus Frustration, Wut, Trauer und Resignation wahrzunehmen, ohne jede Form von Reaktion darauf zu rechtfertigen.

Innere Vielfalt: Mehr als zwei Lager

Empathie und multiple Perspektiven bedeuten auch, vereinfachende Bilder von „den Israelis“ und „den Palästinensern“ zu hinterfragen. Beide Gesellschaften sind vielfältig, mit inneren Konflikten, Minderheiten und gegensätzlichen Stimmen.

In Israel gibt es etwa große Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Bürgerinnen und Bürgern, zwischen säkularen und religiösen Gruppen, zwischen Menschen mit Herkunft aus Europa, arabischen Ländern oder Äthiopien. Auch bei zentralen Fragen Sicherheit, Grenzen, Religion, Rechte von Minderheiten existiert eine breite Spannweite von Positionen. Es gibt Stimmen, die auf maximale Sicherheit setzen, und andere, die auf weitgehende Kompromisse für Frieden drängen.

Ähnlich vielfältig ist das palästinensische Spektrum. Menschen im Gazastreifen, im Westjordanland, in Ostjerusalem und in der Diaspora leben unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Politische Strömungen reichen von strikt säkularen bis zu religiösen Bewegungen. Manche Gruppen setzen vor allem auf Diplomatie, andere auf gewaltsamen Widerstand. Innerpalästinensische Rivalitäten prägen die Realität ebenso wie die Auseinandersetzung mit Israel.

Wer multiperspektivisch denkt, versucht daher, nicht nur „zwei Seiten“, sondern viele Ebenen von Erfahrungen und Interessen zu sehen. Das schließt auch jüdische und arabische Minderheiten in anderen Ländern, palästinensische Flüchtlinge in Nachbarstaaten oder israelische und palästinensische Friedensaktivistinnen und aktivisten ein, die oft zwischen allen Stühlen sitzen.

Konkrete Techniken, um Perspektiven zu wechseln

Um Empathie nicht nur abstrakt zu fordern, sondern praktisch zu üben, können bestimmte Techniken helfen. Eine einfache Methode ist das bewusste Formulieren von „Innensichten“. Man versucht, eine Situation mit den vorstellbaren Gedanken und Gefühlen der jeweils betroffenen Personengruppe zu beschreiben, ohne sofort zu urteilen.

Hilfreich ist auch, Fragen in der Ich Form zu stellen, etwa „Wie würde ich mich fühlen, wenn …“. Dabei kann man versuchen, sowohl Szenarien mitzudenken, die typisch für israelische Erfahrungen sind, als auch solche, die typisch für palästinensische Erfahrungen sind. Diese Vorstellungsexperimente ersetzen keine direkten Quellen, können aber die Bereitschaft erhöhen, echte Berichte ernst zu nehmen.

Eine weitere Technik besteht darin, gezielt Texte, Interviews oder künstlerische Werke aus beiden Gesellschaften zu rezipieren. Romane, Gedichte, Filme und persönliche Zeugnisse eröffnen oft Zugänge, die nüchterne Analysen allein nicht bieten. Sie machen deutlich, dass hinter politischen Begriffen konkrete Menschen stehen, mit Familien, Träumen und Ängsten.

Schließlich kann man üben, bei Diskussionen bewusst die Perspektive zu wechseln. Nachdem man eine Position aus der Sicht der „eigenen“ Seite vertreten hat, versucht man, dieselbe Situation aus der Sicht der anderen Seite zu formulieren. Wichtig ist dabei, nicht karikierend zu sprechen, sondern so, wie eine Person aus dieser Gruppe sich selbst plausibel darstellen würde.

Umgang mit kognitiven Dissonanzen

Wer sich auf multiple Perspektiven einlässt, erlebt oft kognitive Dissonanz. Das bedeutet, dass unterschiedliche, scheinbar widersprüchliche Wahrheiten nebeneinanderstehen. Zum Beispiel kann es sein, dass man sowohl die reale Bedrohung für israelische Zivilisten als auch die reale Unterdrückung palästinensischer Zivilisten erkennt, ohne beide Erfahrungen auf einen einfachen Nenner bringen zu können.

Die Versuchung ist groß, diesen inneren Spannungszustand zu reduzieren, etwa indem man die Leiden einer Seite relativiert oder die Verantwortung klar bei nur einem Akteur verortet. Multiperspektivisches Denken erfordert jedoch, diese Spannung auszuhalten. Es heißt, anzuerkennen, dass mehrere Seiten legitime Ängste und Ansprüche haben können, dass aber trotzdem harte Konflikte um Territorium, Macht und Recht existieren.

Ein reifer Umgang mit kognitiver Dissonanz bedeutet, sich selbst zu erlauben, unsicher zu sein und Bewertungen zu differenzieren. Man kann etwa sagen, dass bestimmte Handlungen klar verurteilbar sind, während andere Fragen offen oder ambivalent bleiben. Gerade in einem so emotional aufgeladenen Konflikt ist dieses Eingeständnis von Unsicherheit ein Zeichen von intellektueller Redlichkeit, nicht von Schwäche.

Sprache als Schlüssel zur Empathie

Die Art, wie wir sprechen und schreiben, spiegelt oft unbewusst unsere Perspektive wider. Begriffe wie „Terrorist“, „Märtyrer“, „Befreiungskämpfer“, „Siedler“, „Besatzer“ oder „Verteidiger“ transportieren Bewertungen, noch bevor Inhalte diskutiert werden. Empathisches und multiperspektivisches Denken bedeutet nicht, alle Begriffe zu vermeiden, aber sich ihrer Wirkung bewusst zu sein.

Eine praktische Übung besteht darin, wichtige Begriffe bewusst zu neutralisieren, wenn man zunächst nur verstehen möchte, bevor man bewertet. Man kann zum Beispiel stattdessen beschreibende Formulierungen wählen wie „bewaffnete Gruppe“, „Zivilistinnen und Zivilisten“, „Militäreinheit“, „Kontrollpunkt“. Dies schafft Raum, unterschiedliche Sichtweisen auf die gleichen Akteure zu hören.

Gleichzeitig kann man darauf achten, Leid nicht zu vergleichen oder zu hierarchisieren. Formulierungen wie „die wahren Opfer“ oder „eigentlich leiden nur …“ blenden notwendig erlebtes Leid anderer aus. Eine empathische Sprache anerkennt, dass Gewalt und Unterdrückung auf unterschiedliche Weise viele Menschen treffen, auch wenn Ursachen, Verantwortlichkeiten und Kontext nicht identisch sind.

Empathie ohne „Bothsidesism“

Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, Empathie für mehrere Perspektiven führe zu einer Art „Bothsidesism“, also der Behauptung, alle Seiten seien gleichermaßen verantwortlich oder alles sei gleich komplex und daher nicht klar zu bewerten. Multiperspektivisches Denken bedeutet jedoch nicht, jede Unterscheidung aufzugeben.

Es ist möglich, strukturelle Machtungleichheiten und völkerrechtliche Kategorien ernst zu nehmen und trotzdem Empathie für Menschen auf allen Seiten zu entwickeln. Man kann etwa feststellen, dass eine Seite in bestimmten Bereichen mehr Kontrolle und Verantwortung trägt, ohne deshalb die individuellen Erfahrungen von Menschen auf dieser Seite abzuwerten.

Empathie richtet sich in erster Linie auf Menschen, nicht auf Ideologien oder Systeme. Sie hilft dabei, zu verstehen, warum konkrete Personen bestimmte Haltungen einnehmen oder Handlungen unterstützen, ohne diese Haltungen automatisch zu teilen. Auf dieser Basis kann Kritik an Strukturen oder Politik sogar klarer und differenzierter formuliert werden, weil sie nicht auf entmenschlichenden Bildern aufbaut.

Eigene Position reflektieren und offenlegen

Wer über den Konflikt spricht oder schreibt, bringt immer eine eigene Perspektive mit. Herkunft, Religion, politische Sozialisation, Medienumfeld und persönliche Kontakte beeinflussen, mit wem man sich spontan eher identifiziert. Ein bewusster Umgang damit ist Voraussetzung dafür, echte Empathie und Mehrperspektivität zu entwickeln.

Es ist hilfreich, sich selbst Fragen zu stellen. Welche Geschichten habe ich zuerst gehört, die israelischen oder die palästinensischen. Welche Bilder prägen meine Vorstellungen. Welche Begriffe benutze ich spontan. Solche Reflexion macht transparent, von welchem Ausgangspunkt aus man sich dem Konflikt nähert.

Offenheit über die eigene Perspektive erhöht zudem die Glaubwürdigkeit. Wer nicht vorgibt, völlig neutral zu sein, sondern zeigt, dass er oder sie sich der eigenen Prägungen bewusst ist, signalisiert Gesprächsbereitschaft. Aus dieser Position heraus fällt es leichter, andere Sichtweisen nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung oder Korrektiv zu sehen.

Praktische Schritte für Lernende

Für Lernende, die sich zum ersten Mal intensiver mit diesem Konflikt beschäftigen, kann der bewusste Aufbau von Empathie und multiplen Perspektiven Teil eines Lernplans sein. Ein möglicher Zugang besteht darin, systematisch auf Quellen aus verschiedenen Kontexten zu achten und sie nicht isoliert, sondern im Vergleich zu lesen.

Man kann sich vornehmen, zu einem bestimmten Ereignis mindestens zwei oder drei Beschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu lesen, etwa aus israelischen, palästinensischen und internationalen Medien. Danach kann man schriftlich festhalten, welche Emotionen und Argumente auf jeder Seite dominieren und welche Gemeinsamkeiten es gibt.

Ein weiterer Schritt besteht darin, Räume zu suchen, in denen respektvoll über den Konflikt gesprochen wird. Das können Seminare, Diskussionsrunden, Online Veranstaltungen oder Begegnungsprojekte sein, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen. Die Begegnung mit realen Personen hilft, abstrakte Kategorien aufzubrechen und macht deutlich, wie unterschiedlich Betroffenheit erlebt wird.

Schließlich kann man persönliche „Empathie Regeln“ formulieren, etwa vor einer Diskussion bewusst zu beschließen, nicht über Gruppen, sondern über konkrete Erfahrungen zu sprechen, anderen ausreden zu lassen, nachzufragen, bevor man widerspricht, und das eigene Nicht Wissen klar zu benennen. Solche individuellen Leitlinien unterstützen dabei, Empathie und Mehrperspektivität nicht nur als theoretische Ideale zu betrachten, sondern im eigenen Denken und Sprechen umzusetzen.

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