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Überblick über eine neue Epoche
Mit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert beginnt im heutigen Israel und Palästina eine neue politische Ära. Aus einer Region innerhalb großer Reiche wird langsam ein Raum, in dem verschiedene Gruppen beginnen, sich als eigene „Nationen“ zu verstehen. Diese Entwicklung ist nicht einzigartig, sondern Teil größerer Umbrüche in Europa und im Osmanischen Reich. In diesem Kapitel geht es darum, wie aus religiösen, sprachlichen und kulturellen Gemeinschaften moderne nationale Bewegungen werden und warum gerade in dieser Region die verschiedenen Projekte so stark miteinander in Konflikt geraten.
Nationalismus als neues politisches Denken
Nationalismus ist die Idee, dass eine Gruppe von Menschen, die sich als „Volk“ versteht, ein Recht auf politische Selbstbestimmung hat. Viele Bewegungen in Europa greifen diese Vorstellung auf, zum Beispiel in Italien oder auf dem Balkan. Ähnliches geschieht auch im Osmanischen Reich und in der arabischen Welt.
In der Region Palästina leben zu dieser Zeit verschiedene Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Loyalitäten. Sie definieren sich lange nicht primär als „Nationen“, sondern etwa als Muslime, Christen, Juden, als Bewohner bestimmter Städte oder als Untertanen des Sultans. Unter dem Eindruck äußerer Bedrohungen, europäischer Ideen und innerer Krisen entstehen jedoch immer stärker Organisationen und Ideologien, die das „Volk“ oder die „Nation“ in den Mittelpunkt stellen. Aus dieser Entwicklung gehen sowohl der moderne Zionismus als auch Formen arabischer und palästinensischer Nationalbewegung hervor.
Internationale Einflüsse und Machtverschiebungen
Die Entstehung nationaler Bewegungen in dieser Region lässt sich nicht ohne den internationalen Kontext verstehen. In Europa nehmen Nationalstaaten an Bedeutung zu und konkurrieren um Kolonien und Einfluss in Übersee. Das Osmanische Reich gerät wirtschaftlich und militärisch unter Druck, Gebiet geht verloren, europäische Mächte mischen sich immer stärker ein. Gleichzeitig verbreiten sich moderne Medien, Schulen und Verkehrsmittel. Zeitungen, Pamphlete und Bücher verbreiten politische Ideen schneller als zuvor.
Für Juden in Europa bedeutet diese Zeit eine widersprüchliche Erfahrung. Einerseits gewinnen sie in manchen Staaten Bürgerrechte, andererseits werden sie mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert. Für arabische Eliten im Osmanischen Reich ist es eine Periode der Unsicherheit. Sie erleben Reformen, aber auch die Angst, dass die europäische Dominanz weiter zunimmt und die eigene Kultur oder Sprache an den Rand gedrängt wird. In diesem Spannungsfeld erscheinen nationale Bewegungen vielen als Antwort auf Krisen und als Weg zu Würde, Sicherheit und Selbstbestimmung.
Moderne Kommunikation und neue Organisationen
Die Herausbildung nationaler Bewegungen wäre ohne neue Kommunikationsformen kaum denkbar. Zeitungen berichten über politische Ereignisse, veröffentlichen Gedichte, Aufsätze und politische Programme. Intellektuelle diskutieren in Kaffeehäusern und Salons, Studenten organisieren sich in Vereinen, wohlhabende Akteure gründen Komitees und Kongresse. Religiöse Führer, Schriftsteller und Lehrer beginnen, über „unsere Sprache“, „unsere Geschichte“ und „unser Land“ in einer neuen Weise zu sprechen.
Gleichzeitig entstehen nationale Institutionen, die nicht nur politische Forderungen formulieren, sondern auch Schulen, Wohltätigkeitseinrichtungen oder kulturelle Vereine aufbauen. Dadurch wird Nationalismus im Alltag spürbar. Schulen lehren bestimmte Versionen von Geschichte, Kinder lernen, Fahnen und Hymnen mit einer „Nation“ zu verbinden. Heimat wird zunehmend nicht nur als Wohnort, sondern als politischer Anspruch verstanden.
Konkurrierende Ansprüche auf dasselbe Gebiet
Besonders prägend für den israelisch palästinensischen Konflikt ist, dass verschiedene nationale Projekte dasselbe Territorium als „historische Heimat“ beanspruchen. Für zionistische Denker ist die Region, die sie oft „Eretz Israel“ nennen, der zentrale Ort der jüdischen Geschichte und Religion. Für arabische und später palästinensische Nationalbewegungen ist „Palästina“ Teil ihrer historischen, kulturellen und sprachlichen Heimat.
In vielen anderen Regionen der Welt entwickeln sich nationale Bewegungen auf teilweise getrennten Territorien. In Palästina jedoch überschneiden sich die Vorstellungen. Nationale Symbole, Begriffe und Landkarten überlagern einander. Es entstehen Geschichten darüber, wer „zuerst“ da war, wer „wirklich“ dazugehört und wessen Verbindung zum Land „tiefer“ sei. Diese symbolischen Kämpfe um Geschichte und Identität verstärken die materiellen Konflikte um Landbesitz, politische Macht und Einwanderung.
Soziale Spannungen und Klasseninteressen
Nationale Bewegungen sind nicht nur ideologische Projekte, sie entstehen auch aus konkreten sozialen Lagen. In der Region leben Großgrundbesitzer, Kleinbauern, städtische Eliten, Händler, Handwerker und Tagelöhner. Jede dieser Gruppen erlebt den Wandel anders. Landverkäufe, wirtschaftliche Krisen, neue Steuern oder Arbeitslosigkeit beeinflussen, wie attraktiv nationale Ideen erscheinen.
Manche Eliten nutzen nationale Rhetorik, um ihre Führungsrolle zu sichern und Anhänger zu mobilisieren. Andere Gruppen sehen im Nationalismus einen Weg, sich gegen ausländische Herrschaft, Ausbeutung oder Diskriminierung zu wehren. So verbinden sich nationale Forderungen mit sozialen und wirtschaftlichen Interessen. Dies verleiht den Bewegungen zugleich Stärke und innere Spannungen, denn nicht alle Beteiligten wollen und erwarten dasselbe.
Übergang von Loyalität zum Reich zu nationaler Identität
Im Verlauf dieser Entwicklungen verschiebt sich die Frage politischer Zugehörigkeit. Viele Menschen verstehen sich lange Zeit als Untertanen des Sultans oder als Mitglieder religiöser Gemeinschaften, die in einem vielschichtigen Reich zusammenleben. Mit der Zeit gewinnt jedoch die Vorstellung an Kraft, dass man einer „Nation“ mit einem spezifischen Territorium angehört.
Dieser Wandel verläuft nicht plötzlich und nicht überall gleich. Für manche ist nationale Identität zunächst nur ein Thema von Intellektuellen und Politikern. Doch durch Schule, Militärdienst, Verwaltung und Medien sickern die neuen Begriffe langsam in den Alltag. Begriffe wie „Volk“, „Nation“, „Heimatland“ und „Selbstbestimmung“ werden zum Teil der politischen Sprache. Daraus entsteht eine neue Art, Konflikte und Forderungen zu formulieren.
Die wachsende Spannung zwischen nationalen Projekten
Mit der Verfestigung nationaler Bewegungen steigt die Wahrscheinlichkeit von Konflikten. Was für die eine Gruppe ein legitimes Streben nach Selbstbestimmung ist, erscheint der anderen als Bedrohung der eigenen Existenz. In der Praxis stoßen so unterschiedliche Erwartungen aufeinander, etwa bezüglich Einwanderung, Kontrolle von Land, politischer Vertretung und religiösen Stätten.
Zunächst gibt es noch gelegentlich Kooperation und gemeinsame Interessen, etwa gegenüber den osmanischen Behörden oder gegenüber europäischen Mächten. Zugleich aber nehmen Misstrauen und Konkurrenz um Einfluss zu. Über die Zeit rücken Kompromisslösungen in den Hintergrund, während Positionen stärker als unteilbare Rechte betrachtet werden. Aus der Vielfalt von Identitäten und Loyalitäten entsteht ein Konfliktfeld, das in den folgenden Kapiteln genauer verfolgt wird.
Bedeutung dieser Epoche für das Verständnis des Konflikts
Der Aufstieg nationaler Bewegungen bildet den Hintergrund, vor dem der spätere israelisch palästinensische Konflikt verständlich wird. Ohne das Entstehen moderner Nationalismen bleibt unklar, warum bestimmte Gruppen so stark an territorialen und symbolischen Ansprüchen festhalten. Ebenso lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb internationale Entwicklungen, Migration und innere Reformen in dieser Region zu einem so dauerhaften und tiefgreifenden Konflikt führen.
In dieser Epoche werden Begriffe, Geschichten und Institutionen geschaffen, die beide Seiten noch lange prägen. Die Spuren dieser frühen nationalen Formierungen reichen bis in die Gegenwart. In den folgenden Unterkapiteln werden die konkreten Ausprägungen dieser Bewegungen und ihre wechselseitigen Beziehungen im Detail betrachtet.