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Arabischer Nationalismus in der Levante

Regionale Ausgangslage der Levante

Wenn von arabischem Nationalismus die Rede ist, denken viele zuerst an Ägypten oder an den gesamten „arabischen Raum“. Für den israelisch palästinensischen Konflikt ist jedoch besonders wichtig, wie sich Nationalismus in der Levante entwickelt hat. Zur Levante zählen im engeren Sinn die heutigen Gebiete Syrien, Libanon, Jordanien und Palästina beziehungsweise Israel.

Am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte diese Region zum Osmanischen Reich. Die meisten arabischsprachigen Bewohner verstanden sich zunächst nicht als „Syrer“ oder „Palästinenser“ im modernen Sinn, sondern eher über Religion, Stadt, Dorf, Stamm oder über ihre Zugehörigkeit zum Reich. Gleichzeitig begannen in den Städten neue Ideen zu kursieren, die von gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Geschichte und einem „arabischen Volk“ sprachen.

Diese Entwicklungen standen in engem Zusammenhang mit Veränderungen im Osmanischen Reich, mit dem Einfluss europäischer Mächte und mit der wachsenden Rolle einer gebildeten städtischen Elite, besonders in Beirut, Damaskus, Jerusalem und anderen Zentren der Levante.

Frühe intellektuelle Strömungen

Der arabische Nationalismus in der Levante entwickelte sich zuerst in intellektuellen Kreisen. Lehrer, Journalisten, Geistliche und Beamte diskutierten in Zeitungen, Salons und Vereinen darüber, was „arabische Identität“ bedeuten könnte.

Besonders wichtig war die sogenannte „Nahda“, die arabische kulturelle und sprachliche Erneuerungsbewegung. In Beirut, Damaskus und Jerusalem wurden neue Zeitungen gegründet. Druckereien veröffentlichten Wörterbücher, Geschichtsbücher und Literatur in moderner arabischer Sprache. Sprache wurde zum Kernargument: Wer Arabisch spricht, gehört zu einer größeren Gemeinschaft, unabhängig von seiner Religion.

Viele der frühen Denker in der Levante waren Christen, etwa in Beirut und im heutigen Libanon. Sie spielten eine zentrale Rolle beim Ausbau der Bildung, beim Verfassen von Lehrbüchern und beim Aufbau von Zeitungen. Später schlossen sich muslimische Eliten und auch einige jüdische Intellektuelle arabischer Sprache den Debatten an. Dadurch entstand die Vorstellung, dass eine „arabische Nation“ verschiedene Religionen umfassen könne, verbunden durch Sprache und Kultur.

Beziehung zum Osmanischen Reich

Zu Beginn war der arabische Nationalismus in der Levante nicht unbedingt gegen das Osmanische Reich gerichtet. Viele arabische Intellektuelle suchten zunächst nach Reformen innerhalb des Reiches. Sie forderten mehr Autonomie für arabische Provinzen, Anerkennung von Arabisch als Verwaltungssprache und eine gerechtere Beteiligung arabischer Eliten an der Macht.

Mit der Zeit verschärften sich jedoch die Spannungen. Die jungtürkische Bewegung, die in Istanbul die Macht übernahm, setzte stärker auf einen türkisch geprägten Zentralstaat. In arabischen Städten der Levante entstand dadurch das Gefühl, politisch und sprachlich an den Rand gedrängt zu werden.

Während des Ersten Weltkriegs führten Repressionen gegen arabische Aktivisten, etwa Hinrichtungen in Damaskus und Beirut, dazu, dass sich der Ton vieler Nationalisten radikalisierte. Die Forderung nach Reform wandelte sich bei manchen Gruppen zur Forderung nach Unabhängigkeit oder zumindest nach einem eigenständigen arabischen Staat in Syrien und Palästina.

Arabische Identität und religiöse Vielfalt

In der Levante lebten Muslime, Christen und kleinere religiöse Minderheiten dicht nebeneinander. Der aufkommende arabische Nationalismus versuchte, eine gemeinsame Identität über religiöse Grenzen hinweg zu formulieren.

Zentral war die Idee, dass „arabisch“ keine Religion bezeichnet, sondern eine kulturelle und sprachliche Zugehörigkeit. Ein Christ aus Beirut und ein Muslim aus Damaskus sollten sich beide als Teil einer arabischen Nation verstehen, da sie Arabisch sprechen und ähnliche kulturelle Traditionen teilen.

Gleichzeitig blieben religiöse Zugehörigkeiten wichtig. Viele Bewegungen waren von islamischer Symbolik geprägt, andere betonten eher eine säkulare, kulturelle Vorstellung von „Arabertum“. In der Levante überlappten sich so verschiedene Ebenen der Identität: städtisch oder ländlich, religiös, arabisch, osmanisch und später auch regional, etwa „syrisch“ oder „palästinensisch“.

Arabischer Nationalismus und regionale Vorstellungen

In der Levante entstand früh die Idee eines „Großsyrien“. Damit war kein heutiger Nationalstaat gemeint, sondern ein größerer Raum, der das heutige Syrien, den Libanon, Jordanien und Palästina umfasste. Viele Nationalisten sahen diese Region als historisch, geografisch und kulturell verbunden.

Parallel dazu entstanden unter britischem und französischem Einfluss neue Grenzen. Die Mandatsmächte teilten die Levante in einzelne Verwaltungseinheiten auf, aus denen später Staaten wurden. Diese Grenzziehungen trafen auf bereits vorhandene, aber noch nicht gefestigte Vorstellungen von arabischer Einheit. Auf der einen Seite stand der Wunsch nach einem einigen arabischen Gebiet in der Levante, auf der anderen Seite die Realität neuer, von außen gesetzter Grenzen.

Für den späteren israelisch palästinensischen Konflikt ist wichtig, dass Palästina von vielen arabischen Nationalisten nicht isoliert gesehen wurde, sondern als Teil dieser größeren syrisch arabischen Einheit. Nationalistische Bewegungen in Damaskus oder Beirut betrachteten Entwicklungen in Jerusalem oder Jaffa daher häufig als Teil derselben politischen Frage.

Reaktionen auf europäischen Einfluss

Der arabische Nationalismus in der Levante war auch eine Reaktion auf den wachsenden Einfluss europäischer Mächte. Frankreich und Großbritannien griffen politisch, wirtschaftlich und kulturell in die Region ein. Missionarschulen, europäische Konsulate und Handelsbeziehungen veränderten das Alltagsleben, förderten aber auch Bildung und neue Ideen.

Viele arabische Intellektuelle kritisierten die Abhängigkeit von Europa, gleichzeitig nutzten sie europäische politische Konzepte. Begriffe wie „Nation“, „Volkssouveränität“ und „Selbstbestimmung“ wurden aufgenommen und in arabische Debatten übertragen. Damit entstand eine Mischung aus europäischen Ideen und lokalen Traditionen.

In der Levante führte diese Entwicklung zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber kolonialen Projekten. Vereinbarungen, in denen europäische Mächte die Zukunft der Region unter sich aufteilten, trafen direkte Empfindlichkeiten arabischer Nationalisten, die eine eigenständige, arabisch geführte Ordnung anstrebten.

Nationalismus und Palästina im levanteweiten Kontext

Auch wenn sich erst später eine ausdrücklich palästinensische Nationalbewegung herausbildete, war Palästina früh Teil der nationalistischen Vorstellungswelt in der Levante. Intellektuelle und Politiker aus Damaskus, Beirut und Jerusalem diskutierten gemeinsam über die Zukunft des gesamten Gebiets.

Viele sahen Palästina zu dieser Zeit nicht als völlig getrenntes politisches Projekt, sondern als Teil eines größeren arabischen oder syrischen Ganzen. Dennoch war Palästina aufgrund seiner religiösen Bedeutung und seiner Lage für die arabische Nationalbewegung besonders sensibel.

Die wachsende Präsenz neuer politischer Projekte im Land, darunter insbesondere zionistische Bestrebungen, wurde deshalb nicht nur lokal, sondern in der ganzen Levante als Herausforderung für arabische Interessen wahrgenommen. Der arabische Nationalismus der Region legte damit einen Rahmen fest, in dem spätere Konflikte im Land zwischen Mittelmeer und Jordan als Frage der gesamten arabischen Nation verstanden wurden.

Sozialer Hintergrund und Trägergruppen

Der arabische Nationalismus in der Levante war zunächst ein Projekt städtischer Eliten. Lehrer, Juristen, Journalisten und Beamte in Städten wie Damaskus, Beirut, Jerusalem und später Amman waren besonders aktiv. Sie verfügten über Bildung, Sprachenkenntnisse und Zugang zu Druckereien und Vereinen.

Im Laufe der Zeit breiteten sich nationalistische Ideen langsam auch in breitere Schichten aus, etwa über Schulen, Freiwilligenvereine oder Veteranen des Ersten Weltkriegs. Trotzdem blieb es schwierig, ländliche Bevölkerungsgruppen vollständig einzubinden, da ihre Identitäten stärker über Dorf, Großfamilie und religiöse Gemeinschaft geprägt waren.

In den Städten der Levante entstanden jedoch politische Klubs, Studentenvereine und kulturelle Gesellschaften, die Forderungen nach arabischer Selbstbestimmung erhoben. Diese Gruppen sollten später bei Protesten, Aufständen und Verhandlungen mit kolonialen Mächten eine wichtige Rolle spielen.

Spannungen und Hoffnungen vor der Mandatszeit

Am Vorabend der britischen und französischen Mandatszeit war der arabische Nationalismus in der Levante weder einheitlich noch voll entwickelt. Er war ein Geflecht aus Ideen, Organisationen und Personen, die teilweise unterschiedliche Ziele verfolgten. Manche strebten einen großen arabischen Staat an, andere betonten regionale Identitäten wie Syrien oder Großsyrien, wieder andere legten den Akzent auf kulturelle Erneuerung statt auf politische Unabhängigkeit.

Gemeinsam war diesen Strömungen jedoch der Wunsch, dass die Menschen der Region selbst über ihre Zukunft entscheiden sollten. Viele verbanden mit dem Ende des Osmanischen Reiches die Hoffnung auf eine gerechte, arabisch geprägte Ordnung in der Levante.

Diese Erwartungen trafen nach dem Ersten Weltkrieg auf die Realität der Mandatsherrschaft und neuer Grenzziehungen. Im Zusammenspiel mit anderen nationalen Bewegungen in der Region prägten sie den Rahmen, in dem der israelisch palästinensische Konflikt später entstanden und verstanden worden ist.

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