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Alltag unter Besatzung

Einleitung: Alltag als Brennglas des Konflikts

Der Begriff Besatzung beschreibt rechtliche und politische Strukturen. Wie sich diese jedoch tatsächlich auswirken, zeigt sich im Alltag der Menschen, die unter diesen Bedingungen leben. In diesem Kapitel geht es darum, wie Besatzung im Westjordanland, in Ostjerusalem und, in anderer Form, für die Bevölkerung im Gazastreifen den Tagesablauf, Lebensentscheidungen und Zukunftsvorstellungen prägt. Es geht nicht um politische Bewertungen, sondern um Erfahrungswelten, wie sie von Betroffenen beschrieben werden, und darum, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen die gleichen Strukturen sehr verschieden wahrnehmen.

Raum und Bewegung

Für den Alltag unter Besatzung spielt die Frage, wer sich wann, wohin und wie bewegen kann, eine zentrale Rolle. Im Westjordanland beschreiben viele Palästinenserinnen und Palästinenser ihren Tag als durchzogen von Unsicherheit bei Wegen zur Arbeit, zur Schule, zu Verwandten, zu Feldern oder zu Krankenhäusern. Checkpoints, militärische Straßensperren und zeitweise Straßenblockaden bedeuten, dass eine einfache Strecke von wenigen Kilometern unvorhersehbar lange dauern kann. Ein Arzttermin, eine Prüfung in der Universität oder ein wichtiger Behördengang können an einem geschlossenen Kontrollpunkt scheitern.

Pendler berichten, dass sie deutlich früher aufbrechen müssen, um mögliche Verzögerungen einzuplanen. Eltern kalkulieren die Schulwege ihrer Kinder mit der Frage, ob es heute an dieser Straße Spannungen geben könnte. Landwirte versuchen, ihre Felder nicht nur nach Bodenqualität, sondern auch nach Erreichbarkeit zu bewirtschaften. Besonders sensibel sind Wege zu Krankenhäusern. In Zeugenaussagen wird geschildert, dass Geburten in Autos oder an Kontrollpunkten stattfinden, weil rechtzeitige Ankunft nicht garantiert ist.

Für jüdische Siedler im Westjordanland zeigt sich der Alltag anders. Sie nutzen meist separate Straßennetze, die oft direkter und besser ausgebaut sind. Auch dort gibt es Angst vor Angriffen, etwa bei Fahrten entlang bestimmter Straßenabschnitte, was wiederum militärische Sicherungsmaßnahmen verstärkt. So entstehen parallele Alltagswelten im gleichen geografischen Raum.

In Gaza ist Bewegung vor allem durch die Blockade und geschlossene Grenzübergänge begrenzt. Das betrifft nicht nur Auslandsreisen, sondern schon einfache Dinge wie das Verlassen des Küstenstreifens für Studium, medizinische Behandlung oder Familienbesuche. Viele junge Menschen berichten, dass sie noch nie außerhalb Gazas waren. Mobilität ist hier nicht durch Checkpoints innerhalb des Gebietes strukturiert, sondern durch die Schwierigkeit, das Gebiet überhaupt zu verlassen.

Wohnen, Infrastruktur und Versorgung

Alltag unter Besatzung ist stark von der Qualität und Zuverlässigkeit der grundlegenden Infrastruktur geprägt. In vielen palästinensischen Städten und Dörfern im Westjordanland sind Strom- und Wasserversorgung vorhanden, aber oft ungleich verteilt. Bewohner sogenannter Area C Gebiete, also ländlicher Zonen mit voller israelischer Kontrolle, berichten von Schwierigkeiten bei Baugenehmigungen, Stromanschluss und Wasserzugang. Häuser können als „illegal gebaut“ gelten und dem Risiko des Abrisses ausgesetzt sein, auch wenn Familien dort seit Jahrzehnten leben.

Für palästinensische Familien hat das unmittelbare Auswirkungen. Wer nicht offiziell bauen darf, erweitert Häuser mit provisorischen Mitteln, in der Unsicherheit, ob ein Abriss droht. Eltern überlegen, ob sie in ein Gebiet ziehen, in dem Schulen und Wasserleitungen besser sind, nehmen dafür aber womöglich größere Kontrollprobleme in Kauf. Infrastrukturfragen bekommen so eine politische Dimension, die sich im ganz Konkreten zeigt: Kann ich eine stabile Wasserleitung legen, ein Solarpanel installieren, eine Straße reparieren.

In jüdischen Siedlungen im Westjordanland sind meist moderne Infrastruktur und verdichtete Dienstleistungen verfügbar. Das Nebeneinander von gut ausgestatteten Wohnanlagen und palästinensischen Dörfern mit provisorischen Bauten und unsicherer Versorgung wird von vielen Beobachtern als sichtbarer Ausdruck ungleicher Lebensrealitäten beschrieben.

In Gaza ist die Lage noch extremer. Wiederholte Zerstörungen durch Kriegshandlungen, kombinierte Effekte der Blockade und interne Probleme der Verwaltung führen häufig zu Stromausfällen, mangelnder Abwasserbehandlung und eingeschränkter Trinkwasserqualität. Familien organisieren ihren Tagesablauf nach Stromplänen, etwa wann sie Wäsche waschen oder Wasser pumpen können. Kinder machen Hausaufgaben bei Kerzenlicht oder mit Handylicht, wenn es keinen Strom gibt. Reparaturen an Häusern ziehen sich hin, weil Baumaterial nur eingeschränkt verfügbar ist.

Bildung und die Erfahrung von Unterbrechung

Schule und Universität sind für viele palästinensische Familien der wichtigste Weg, um unter schwierigen Bedingungen Zukunftsperspektiven zu schaffen. Gleichzeitig ist Bildung im Alltag immer wieder von Unterbrechungen betroffen. Lehrkräfte und Schülerinnen können Checkpoints passieren müssen, Demonstrationen oder Konfrontationen auf dem Schulweg erleben oder Schließungen während militärischer Operationen hinnehmen.

Lehrpläne werden zwar primär von palästinensischen Institutionen gestaltet, gleichzeitig stehen Inhalte teilweise unter politischer Beobachtung von außen. Das kann in der Wahrnehmung von Lehrkräften und Eltern das Gefühl verstärken, dass selbst im Klassenzimmer äußere Kontrolle spürbar bleibt. Zugleich bemühen sich viele Schulen, einen strukturierten Tagesablauf zu gewährleisten, um Kindern Normalität und Sicherheit zu vermitteln.

In Universitäten, etwa in Ramallah, Nablus oder Hebron, beschreiben Studierende ihren Alltag als Mischung aus normalem Campusleben und ständiger Ungewissheit. Prüfungen können verschoben werden, weil Wege blockiert sind oder weil Spannungen auf dem Campus zu Schließungen führen. Einige Studiengänge erfordern Praktika oder Forschungsreisen außerhalb der palästinensischen Gebiete, was durch Reisebeschränkungen erschwert oder verhindert wird. Die Berufswahl orientiert sich daher oft stärker an erreichbaren Optionen als an freien Interessen.

In Israel selbst prägt der Konflikt auch den Bildungsalltag. Israeli-jüdische und palästinensische Bürger Israels gehen meist in getrennte Schulsysteme. Sicherheitsübungen, Gespräche über Wehrdienst und Bedrohungslagen sind Teil des schulischen Kontextes. Palästinensische Bürger Israels beschreiben im Hochschulalltag teils Spannungen, die zunehmen, wenn sich die Sicherheitslage verschlechtert, etwa durch erhöhte Kontrollen, Diskriminierungserfahrungen oder Selbstzensur in politischen Diskussionen.

Arbeit, Einkommen und wirtschaftliche Abhängigkeiten

Für viele Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland ist die Arbeitswelt eng mit der Besatzung verknüpft. Einige arbeiten in Israel oder in Siedlungen, wofür spezielle Arbeitserlaubnisse nötig sind. Der Weg zur Arbeit beginnt für sie oft mitten in der Nacht, um mehrere Kontrollen zu durchlaufen. Die Genehmigung selbst kann entzogen oder nicht verlängert werden, was zu plötzlichem Einkommensverlust führt. Familien, die auf dieses Einkommen angewiesen sind, leben mit einer ständigen Unsicherheit, ob der nächste Monat finanziell zu bewältigen ist.

Andere arbeiten im lokalen öffentlichen Dienst oder in von internationalen Organisationen geförderten Projekten. Auch hier sind die Rahmenbedingungen indirekt durch die Besatzung geprägt, etwa durch Beschränkungen beim Import von Geräten, bei Bewegungsfreiheit von Fachkräften oder beim Zugang zu bestimmten Gebieten. Handwerker, Bauarbeiter und Landwirte müssen Wege um Straßensperren herum planen oder sich mit Einschränkungen auf ihren Feldern auseinandersetzen.

In Gaza ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Der Alltag vieler Familien ist durch dauerhafte Arbeitssuche, kurzfristige Gelegenheitsjobs und Abhängigkeit von Unterstützungsleistungen internationaler Organisationen geprägt. Junge Menschen mit Studienabschluss finden oft keine ihrer Qualifikation entsprechende Beschäftigung und verbringen den Tag mit Warteschlangen vor Behörden, Internetcafés und versuchten Online-Arbeitsmöglichkeiten. Zukunftspläne wie Familiengründung oder Unternehmertum werden dadurch unsicher.

Für israelische Jüdinnen und Juden beeinflusst der Konflikt die Arbeitswelt vor allem über den Sicherheitskontext. Reservistendienste, Raketenalarm, temporäre Schließungen von Geschäften in Grenznähe, aber auch Arbeitsplätze in der Sicherheitsindustrie sind Teil des wirtschaftlichen Alltags. In Phasen erhöhter Gewalt verlagern Unternehmen ihre Aktivitäten zeitweise, Beschäftigte arbeiten aus Schutzräumen, und psychosoziale Belastung nimmt zu.

Gesundheit, Pflege und psychische Belastung

Der Zugang zu Gesundheitsdiensten ist für Menschen unter Besatzungsbedingungen oft mit Hürden verbunden. Krankenhäuser höherer Versorgungsstufen liegen häufig in größeren Städten, die über Checkpoints erreichbar sind. Familien organisieren ihren Alltag rund um Arztbesuche mit großem zeitlichen Puffer. Chronisch Kranke benötigen Medikamente, deren Versorgungsketten anfällig für Unterbrechungen sind. In Gaza erschweren Blockade und wiederkehrende Zerstörungen die medizinische Versorgung zusätzlich. Ärztinnen und Ärzte berichten von veralteten Geräten, Mangel an Ersatzteilen und eingeschränkten Möglichkeiten für Weiterbildungen.

Psychische Gesundheit nimmt im Alltag einen wichtigen, wenn auch oft weniger sichtbaren Platz ein. Kinder und Erwachsene machen Erfahrungen mit Gewalt, plötzlichen Razzien, Sirenen, Verhaftungen von Angehörigen oder Zerstörung von Eigentum. Nächtliche Durchsuchungen durch Soldaten in palästinensischen Dörfern werden häufig geschildert. Eltern versuchen, ihre Kinder während solcher Ereignisse zu beruhigen, gleichzeitig sind sie selbst belastet. Schlafstörungen, Angstzustände und Misstrauen gegenüber der Umgebung prägen dann den Alltag. Schulen und lokale Organisationen bieten teilweise psychosoziale Programme an, doch die Nachfrage ist hoch und die Ressourcen begrenzt.

Auf israelischer Seite gehören Raketenalarme, Angst vor Anschlägen und der Verlust von Angehörigen im Militärdienst oder bei Angriffen zur Realität vieler Familien. Kinder in Städten in Grenznähe üben regelmäßig das Erreichen von Schutzräumen. Geräusche von Sirenen können Trigger für Stressreaktionen sein, ähnlich wie auf palästinensischer Seite militärische Geräusche. Im Alltag wird versucht, diese Bedrohungen zu normalisieren, etwa durch Humor, Routinen oder bewusste Ignoranz, doch die seelische Belastung bleibt ein Hintergrundrauschen.

Familie, Geschlechterrollen und Generationenkonflikte

Besatzungsbedingungen wirken sich auch auf familiäre Strukturen aus. In vielen palästinensischen Familien spielen Frauen eine zentrale Rolle in der Alltagsorganisation. Sie koordinieren Schulwege, Einkauf, Wasservorräte, Arzttermine und oft auch emotionale Stabilität der Kinder. Gleichzeitig sind sie mit Einschränkungen konfrontiert, die ihre eigene Bewegungsfreiheit und berufliche Entwicklung betreffen. Warten vor Checkpoints, Konfrontationen mit Soldaten oder die Angst um Söhne bei nächtlichen Razzien sind Teil vieler Erfahrungsberichte.

Männer sind häufiger direkt mit Verhaftungen, Konfrontationen und Repression in Berührung. Haftzeiten, auch ohne Verurteilung, können Familien wirtschaftlich und emotional stark treffen. Großeltern übernehmen dann Aufgaben in Kindererziehung und Haushalt. In manchen Familien führen langjährige Unsicherheit und wiederholte Traumata zu Spannungen, die sich im Alltag etwa in strengerer Erziehung oder Rückzug äußern.

Zwischen den Generationen entstehen unterschiedliche Perspektiven. Ältere Palästinenser erinnern sich an Zeiten vor bestimmten Mauern und Sperranlagen und vergleichen, wie sich Bewegungsfreiheit verändert hat. Jüngere kennen nur die Realität mit Checkpoints und digitalen Kontrollsystemen. In Gesprächen über Zukunft und Widerstand entstehen dadurch Differenzen: Einige ältere betonen Geduld und langfristige Strategien, während jüngere Frustration über fehlende Perspektiven äußern.

Auch in israelischen Familien existieren Generationsunterschiede. Eltern, die mehrere Kriege oder die Zweite Intifada erlebt haben, erziehen Kinder oft mit starkem Sicherheitsbewusstsein. Jüngere Israeli fragen eher nach Alternativen, diskutieren über Wehrdienstverweigerung oder über zivilgesellschaftliches Engagement. Der Dienst in den besetzten Gebieten prägt Männer und Frauen, die später in den Alltag zurückkehren und Erfahrungen aus dem Militär in ihre beruflichen und familiären Beziehungen mitbringen.

Religion, Alltagspraxis und eingeschränkte Zugänge

Religiöse Praktiken gehören für viele Menschen in der Region zum Tagesablauf. Unter Besatzungsbedingungen ist besonders der Zugang zu heiligen Stätten ein sensibles Alltagsthema. Muslimische Palästinenserinnen und Palästinenser aus dem Westjordanland benötigen oft spezielle Genehmigungen, um zum Freitagsgebet nach Ostjerusalem zu gelangen. In bestimmten Zeiten, etwa im Ramadan, werden Altersbeschränkungen oder erhöhte Kontrollen eingeführt. Familien, die traditionell gemeinsam an bestimmten Feiertagen nach Jerusalem reisen, müssen alternative Formen finden, etwa gemeinsames Gebet im Dorf.

Christliche Palästinenserinnen und Palästinenser sind von ähnlichen Einschränkungen betroffen, etwa beim Besuch der Grabeskirche in Jerusalem oder von Pilgerorten in Bethlehem und Umgebung, wenn Trennbarrieren die Wege verlängern. Hochzeiten, Taufen und religiöse Feiertage müssen dann oft ohne weiter entfernt lebende Verwandte stattfinden, weil deren Einreisegenehmigungen fehlen oder abgelehnt werden.

Auch jüdisch-religiöser Alltag ist vom Konflikt geprägt. Pilgerfahrten zu biblischen Stätten liegen häufig im Westjordanland, was militärischen Schutz und Koordination erfordert. Für religiöse Siedler in bestimmten Gebieten gehört die Präsenz von Armee und Waffen im Alltag dazu, etwa beim Weg zur Synagoge oder zur Yeshiva. Religiöse Feste wie Pessach oder Sukkot führen zu erhöhtem Personenverkehr in umstrittenen Gebieten, was Spannungen verstärken kann. Auf der anderen Seite versuchen religiöse Initiativen, interreligiöse Treffen oder gemeinsame Gebete zu organisieren, was unter den bestehenden Beschränkungen logistisch und politisch herausfordernd ist.

Kontrolle, Bürokratie und digitale Überwachung

Ein häufig beschriebenes Merkmal des Alltags unter Besatzung ist die Präsenz von Verwaltung und Kontrolle in vielen Lebensbereichen. Palästinenser im Westjordanland haben oft eine Vielzahl von Dokumenten: Personalausweis, unterschiedliche Genehmigungen für Arbeit, medizinische Behandlung, Bauen, Fahrzeugbewegungen. Der Gang zu Behörden und das Sammeln von Stempeln und Bescheinigungen nehmen Zeit und Energie in Anspruch. Entscheidungen können auf unterschiedlichen Ebenen getroffen werden, was den Prozess für Betroffene intransparent macht.

Checkpoint-Routinen sind selbst eine Form der Alltagsbürokratie. Menschen stellen sich in Reihen an, zeigen Ausweise, beantworten Fragen, legen Taschen aufs Band. Viele berichten, dass sie zu „Experten“ der Abläufe geworden sind und wissen, welcher Schalter schneller ist oder zu welcher Uhrzeit der Andrang geringer ist. Gleichzeitig fühlen sich viele durch wiederholte Kontrollen entmenschlicht und in ihrer Würde verletzt, während Soldaten die Situation als Teil ihrer dienstlichen Pflicht und ihres eigenen Alltags begreifen.

In den letzten Jahren haben digitale Überwachung und Datensammlung zugenommen. Kameras, Gesichtserkennung und Datenbanken zur Bewegungsanalyse sind in Teilen der besetzten Gebiete präsent. Im Alltag bedeutet dies, dass sich das Gefühl verstärkt, ständig beobachtet zu werden, auch ohne direkte körperliche Präsenz von Soldaten. Einige Menschen meiden bestimmte Straßen oder Plätze, andere haben resigniert und berichten, sie hätten „nichts mehr zu verbergen“. Auf israelischer Seite wird diese Technologie als Mittel dargestellt, Anschläge zu verhindern und Sicherheit zu erhöhen. So prallen Sicherheitslogik und Alltagsgefühl von Überwachung aufeinander.

Kultur, Medien und Strategien des Umgangs

Trotz oder gerade wegen der Belastungen entstehen vielfältige kulturelle Ausdrucksformen, die den Alltag unter Besatzung verarbeiten. In palästinensischen Städten wie Ramallah, Bethlehem oder Haifa gibt es Theater, Literaturkreise, Musikszene und Straßenkunst, die Erfahrungen von Einschränkung, Hoffnung und Widerstand thematisieren. Graffiti an Mauern, Filme über das Leben zwischen Checkpoints oder Romane, die Generationen von Flüchtlingsfamilien begleiten, gehören zur kulturellen Landschaft. All diese Werke speisen sich aus kleinen Alltagsszenen, wie einer Busfahrt, einer verpassten Verabredung oder einem Familienfest, das durch eine Razzia unterbrochen wird.

Auf israelischer Seite greifen Filme, Serien und Literatur den Alltag von Soldaten in den besetzten Gebieten, die Angst vor Anschlägen im Bus oder die Spannung zwischen normalem Stadtleben in Tel Aviv und den Realitäten nur wenige Kilometer entfernt auf. Satireprogramme, Romane und Songtexte spiegeln dabei teils Kritik an der Situation, teils Bestätigung und Festigung bestimmter Narrative.

Individuelle Strategien des Umgangs sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen versuchen, sich so weit wie möglich auf Familie, Arbeit und Hobbys zu konzentrieren und Nachrichten zu meiden. Andere verfolgen politische Entwicklungen intensiv und ordnen jeden Alltagsschritt in einen größeren historischen Rahmen ein. Einige engagieren sich in Dialogprojekten, Menschenrechtsinitiativen oder Lokalpolitik, um Handlungsmacht zu erleben. Wieder andere wenden sich eher nach innen, in Religion, Kunst oder Freundeskreise.

Kinder, Jugend und der Blick in die Zukunft

Kinder und Jugendliche erleben den Alltag unter Besatzung anders als Erwachsene. Für palästinensische Kinder im Westjordanland gehören Uniformen, Militärfahrzeuge, Kontrollpunkte und Mauern früh zum gewohnten Straßenbild. Spiele auf der Straße können plötzlich von Tränengas oder Zusammenstößen unterbrochen werden. Eltern versuchen, Schutzräume zu schaffen, etwa durch Hausregeln, wann Kinder rausgehen dürfen, oder durch Begleitung auf bestimmten Wegen.

Jugendliche berichten häufig von dem Gefühl, dass ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und ihre Zukunftspläne nicht in ihrer eigenen Hand liegen. Wer studieren möchte, richtet seine Erwartungen nach dem, was mit den bestehenden Reise- und Aufenthaltsregeln vereinbar ist. Gleichzeitig entstehen kreative Nischen: Onlinekurse, digitale Kooperationen, Kunstprojekte oder lokale Initiativen, um öffentlichen Raum zu gestalten.

In Gaza prägen wiederkehrende militärische Eskalationen die Kindheit vieler. Schulbücher, Zeichnungen und Aufsätze spiegeln häufig Erfahrungen mit Bombardierungen, Verlust und Unsicherheit. Gleichzeitig träumen viele Jugendliche von ganz alltäglichen Dingen, die anderswo selbstverständlich erscheinen: Reisen, stabile Arbeit, ein eigenes Zimmer, Zuverlässigkeit von Strom und Internet.

Israelische Kinder und Jugendliche wachsen mit einer anderen, aber ebenfalls konfliktgeprägten Normalität auf. Übungen für den Fall von Raketenangriffen, Zivilschutzunterricht und Berichterstattung über Gewalt sind Teil ihres Alltags. Für viele wird mit Erreichen des Wehrdienstalters die Frage virulent, wie sie sich zum Militärdienst verhalten. Einige sehen ihn als Pflicht und Selbstverständlichkeit, andere als moralisches Dilemma. Diese Entscheidungen wirken unmittelbar auf den weiteren Lebensweg und damit auf Zukunftsvorstellungen.

Fazit: Normalität im Ausnahmezustand

Alltag unter Besatzung bedeutet für die betroffenen Menschen, das Außergewöhnliche in eine Form von Normalität zu verwandeln. Besatzungsstrukturen, Blockade, Gewalt und Unsicherheit sind nicht nur „große Politik“, sondern wirken in tausend kleinen Entscheidungen: Wann gehe ich aus dem Haus. Wen kann ich besuchen. Welche Schule wähle ich für mein Kind. Was studiere ich. Wo suche ich Arbeit. Wie spreche ich mit meinen Kindern über Soldaten, Raketen oder Mauern.

Die beschriebenen Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man Palästinenserin im Westjordanland, Bewohner von Gaza, jüdischer Siedler, israelische Stadtbewohnerin oder palästinensischer Bürger Israels ist. Gemeinsam ist vielen jedoch das Gefühl, dass große politische Entscheidungen und militärische Machtverhältnisse ihr tägliches Leben durchdringen. Wer den Konflikt verstehen möchte, muss daher nicht nur Karten, Abkommen und militärische Ereignisse betrachten, sondern auch diese dichte Schicht von Alltagspraktiken, Routinen und Strategien des Überlebens und Sinnstiftens.

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