Table of Contents
Einordnung und Beginn der Zweiten Intifada
Die Zweite Intifada begann im Herbst 2000 in einer Phase, in der viele Menschen nach Oslo mit einer gewissen Hoffnung, aber auch mit wachsender Frustration lebten. Frieden war in Reichweite erschienen, zugleich hatten sich Gewalt, Misstrauen und Alltagserfahrungen von Ungleichheit nicht einfach aufgelöst. Auf palästinensischer Seite herrschte Unzufriedenheit über die anhaltende Besatzung, die Ausweitung der israelischen Siedlungen und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Auf israelischer Seite wuchs die Angst vor Gewaltakten und die Enttäuschung über das Scheitern der Verhandlungen.
Der oft zitierte Auslöser war der Besuch des damaligen Likud-Politikers Ariel Scharon auf dem Tempelberg, aus muslimischer Sicht dem Haram al Scharif, am 28. September 2000, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot. Für viele Palästinenserinnen und Palästinenser war dies eine Provokation an einem religiös und national hochsensiblen Ort. Am folgenden Tag kam es zu Protesten und Konfrontationen, zunächst in Jerusalem, dann schnell auch im Westjordanland und im Gazastreifen. Die Gewalt eskalierte rasch, Schüsse fielen, es gab Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Aus diesen ersten Tagen entwickelte sich eine lang anhaltende Phase intensiver Gewalt, die als Zweite Intifada oder Al Aqsa Intifada bekannt wurde.
Verlauf und Phasen der Eskalation
In den ersten Monaten prägten Massendemonstrationen, Straßenschlachten, Steinewürfe und der Einsatz scharfer Munition die Situation. Checkpoints, Zufahrtsstraßen zu Siedlungen und militärische Einrichtungen wurden zu Brennpunkten. Im Unterschied zur Ersten Intifada, die stärker von zivilem Ungehorsam und lokaler Organisierung geprägt war, radikalisierte sich die Dynamik schneller in Richtung bewaffneter Konfrontation.
Auf palästinensischer Seite traten neben der Fatah auch islamistische Gruppen wie Hamas und der Islamische Dschihad mit bewaffneten Aktionen hervor. Es entstanden lose strukturierte Gruppen, etwa die Al Aqsa Märtyrerbrigaden, die Anschläge und Schussangriffe auf israelische Soldaten und Zivilisten durchführten. Die Nutzung von Feuerwaffen, Sprengsätzen und später insbesondere Selbstmordanschlägen in israelischen Städten markierte eine neue Qualität der Gewalt.
Israel reagierte mit massiven militärischen Mitteln. Die Armee führte wiederholte Operationen in palästinensischen Städten und Flüchtlingslagern durch, nutzte Panzer, Kampfhubschrauber und später auch gezielte Tötungen von Anführern bewaffneter Gruppen. Belagerungen, Ausgangssperren und großflächige Abriegelungen bestimmten den Alltag in weiten Teilen der palästinensischen Gebiete. Die Eskalation verlief dabei nicht geradlinig, sondern in Wellen aus Angriffen und Gegenschlägen, mit zeitweisen Beruhigungen und anschließenden neuen Gewaltrunden.
Taktiken und neue Formen der Gewalt
Ein zentrales Merkmal der Zweiten Intifada war die systematische Nutzung von Selbstmordanschlägen auf israelischer Seite meist als „Selbstmordattentate“ bezeichnet. Sie richteten sich oft gegen Busse, Cafés, Märkte und andere Orte des Alltagslebens in israelischen Städten. Diese Anschläge sollten maximale Wirkung auf die Zivilbevölkerung entfalten und erzeugten tiefe Traumata und Angst. Organisationen wie Hamas, der Islamische Dschihad und auch Gruppen aus dem Fatah Umfeld bekannten sich zu vielen dieser Taten.
Israel entwickelte als Reaktion neue sicherheitspolitische Praktiken. Dazu gehörten gezielte Tötungen durch Raketenangriffe auf Fahrzeuge, Luftschläge auf mutmaßliche Trainingslager oder Werkstätten und das Eindringen in dicht besiedelte Gebiete, um Verdächtige festzunehmen. Die Armee setzte auf massive Präsenz im Westjordanland, zerstörte Infrastruktur, verhaftete tausende Palästinenserinnen und Palästinenser und riss Häuser von mutmaßlichen Attentätern nieder.
Ein weiterer wichtiger Schritt war der Beginn des Baus einer Sperranlage, oft als Mauer oder Zaun bezeichnet, um das Westjordanland von Israel zu trennen. Offiziell wurde diese Anlage mit der Verhinderung von Anschlägen begründet. Ihr Verlauf hatte jedoch tiefgreifende Auswirkungen auf palästinensische Dörfer und Städte, auf Bewegungsfreiheit, Wirtschaft und den Zugang zu Land, was heftige politische und rechtliche Debatten auslöste.
Politische Führung und innere Krisen
Die Zweite Intifada fiel in eine Zeit politischer Umbrüche auf beiden Seiten. Auf israelischer Seite gewann Ariel Scharon 2001 die Wahlen zum Ministerpräsidenten. Er versprach harte Sicherheitsmaßnahmen und distanzierte sich gleichzeitig von den bisherigen Oslo Strukturen. Sein Kurs war geprägt von der Kombination aus militärischer Stärke, der Ablehnung weitreichender Konzessionen in zentralen Fragen wie Jerusalem und Flüchtlinge und einzelnen einseitigen Schritten wie dem späteren Rückzug aus dem Gazastreifen.
Auf palästinensischer Seite stand Jassir Arafat weiterhin an der Spitze der Palästinensischen Autonomiebehörde und der PLO, geriet jedoch zunehmend unter Druck. Israel machte ihn persönlich für die Gewalt verantwortlich und belagerte zeitweise sein Hauptquartier in Ramallah. International, insbesondere aus den USA, wuchs der Druck auf eine Reform der palästinensischen Führung und Sicherheitsstrukturen. Zugleich verlor Arafat im Inneren an Autorität, weil verschiedene bewaffnete Gruppen zunehmend eigenständig agierten und Korruptionsvorwürfe und Machtkonflikte die Glaubwürdigkeit der Autonomiebehörde schwächten.
Diese politische Krise führte zu einer weiteren Fragmentierung der palästinensischen Szene. Islamistische Gruppen gewannen an Popularität, weil sie sich als konsequent und unbestechlich inszenierten. Innerpalästinensische Spannungen legten einen Grundstein für spätere tiefe Spaltungen zwischen Fatah und Hamas, die in späteren Jahren vor allem Gaza und das Westjordanland unterschiedlich prägten.
Internationale Vermittlungsversuche und diplomatische Sackgassen
Während der Zweiten Intifada unternahmen verschiedene internationale Akteure Versuche, die Eskalation zu stoppen. Die USA, zusammen mit anderen Mitgliedern des sogenannten Nahost Quartetts, versuchten mit Fahrplänen und sogenannten „Roadmaps“ Bedingungen für einen Waffenstillstand und erneute Verhandlungen zu formulieren. Gleichzeitig waren die politischen Rahmenbedingungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA stark von einem globalen Sicherheitsdiskurs geprägt.
Israel interpretierte die Zweite Intifada zunehmend als Teil eines größeren Kampfes gegen Terrorismus. Palästinensische Akteure wiederum beklagten, ihr Widerstand gegen Besatzung werde auf diese Weise delegitimiert und simplifiziert. Dieses Spannungsverhältnis erschwerte Vermittlungsversuche erheblich, weil die beiden Seiten ihre grundlegenden Deutungen des Konflikts weiter voneinander entfernten.
Mehrfach wurden Waffenstillstände oder Deeskalationsschritte vereinbart, oft unter Beteiligung regionaler Vermittler wie Ägypten oder Jordanien. Diese hielten selten lange. Neue Anschläge, gezielte Tötungen oder besonders verlustreiche Militäreinsätze ließen die Bemühungen immer wieder scheitern.
Auswirkungen auf Gesellschaft und Alltag
Die Zweite Intifada hatte drastische Auswirkungen auf das Alltagsleben von Israelis und Palästinensern. In israelischen Städten veränderten sich Routinen schlagartig. Menschen mieden volle Busse, Cafés oder Einkaufszentren, immer begleitet von der Sorge vor plötzlichen Anschlägen. Sicherheitskontrollen wurden überall präsenter, private Feiern und öffentliche Veranstaltungen fanden unter verstärkten Sicherungsmaßnahmen statt. Gesellschaftlich wuchs das Gefühl, „unter Beschuss“ zu stehen, was die Bereitschaft stärkte, harte Maßnahmen gegen die palästinensischen Gebiete zu akzeptieren.
Auf palästinensischer Seite prägten Checkpoints, Abriegelungen und nächtliche Razzien das Leben. Der Weg zur Schule, zur Arbeit oder ins Krankenhaus konnte sich in eine Stunden lange, unsichere Reise verwandeln. Städte wie Nablus, Jenin oder Ramallah erlebten lang anhaltende Ausgangssperren, die wirtschaftliche und soziale Strukturen schwer trafen. Viele Familien verloren Angehörige, Häuser oder ihre Existenzgrundlage; die Arbeitslosigkeit stieg deutlich, die Abhängigkeit von internationaler Hilfe nahm zu.
Die psychologischen Folgen waren auf beiden Seiten tiefgreifend. Kinder und Jugendliche wuchsen mit Bildern und Erfahrungen extremer Gewalt auf. Misstrauen, Angst und Feindbilder verfestigten sich. Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern außerhalb rein institutioneller Kontexte wurden immer seltener, weil Bewegungsbeschränkungen, Sicherheitsbedenken und gesellschaftlicher Druck solche Kontakte stark erschwerten.
Militärische Operationen und der Umbau der Kontrolle im Westjordanland
Ein Wendepunkt im Verlauf der Zweiten Intifada war die israelische Militäroperation „Defensive Shield“ 2002. Nach einer Serie besonders verheerender Anschläge, darunter ein Angriff auf ein Hotel während des Pessach Festes, rückte die Armee in zahlreiche Städte des Westjordanlands ein. Palästinensische Sicherheitsstrukturen wurden weitgehend zerschlagen, Verwaltungsgebäude und Infrastruktur zerstört oder besetzt. In Orten wie Jenin und Nablus kam es zu intensiven Kämpfen in dicht besiedelten Vierteln, bei denen viele Menschen starben.
Diese Operation signalisierte, dass Israel nicht mehr davon ausging, die Autonomiebehörde könne verlässlich für Sicherheit sorgen. In der Praxis bedeutete dies eine weitgehende Wiederherstellung direkter militärischer Kontrolle über große Teile des Westjordanlands. Zugleich verstärkte Israel die Politik der gezielten Tötungen gegen Personen, die als Drahtzieher von Anschlägen galten. Diese Praxis war innenpolitisch weitgehend akzeptiert, jedoch international umstritten und teils juristisch angefochten.
Für die palästinensische Bevölkerung bedeutete dieser Umbau der Kontrolle noch größere Unsicherheit. Stadtgebiete wurden in militärische Zonen verwandelt, Bewegungsfreiheit weiter eingeschränkt. Die Autonomiebehörde verlor reale Kontrollräume, was sich auch auf ihren Status als Verhandlungspartner auswirkte. Teilweise übernahmen lokale Milizen oder Clanstrukturen de facto Aufgaben, die zuvor staatlichen oder quasi staatlichen Stellen zugefallen waren.
Abflauen der Intifada und Nachwirkungen
Ab etwa 2003 begann die Intensität der Gewalt schrittweise abzunehmen. Mehrere Faktoren trugen dazu bei. Die israelische Sperranlage erschwerte es militanten Gruppen, Anschläge in Israel zu verüben, und die Sicherheitskräfte etablierten engmaschige Kontrollmechanismen. Gleichzeitig erschöpften die Jahre der Intifada viele palästinensische Gemeinschaften wirtschaftlich und gesellschaftlich. Der Wunsch nach relativer Ruhe wuchs.
Politische Veränderungen verstärkten diesen Trend. Nach Arafats Tod 2004 übernahm Mahmud Abbas die Führung der PLO und der Autonomiebehörde. Abbas sprach sich deutlicher als sein Vorgänger gegen bewaffnete Aufstände aus und setzte stärker auf diplomatische Wege. Zugleich verlor die Intifada als organisierte Bewegung an Struktur. Was blieb, war eine Landschaft zerrissener politischer Akteure, fragmentierter Sicherheitsapparate und tief beschädigter Gesellschaften.
Die Zweite Intifada hinterließ eine Reihe langfristiger Spuren. Die Sicherheitsgrenze, auch wenn sie nur teilweise einer internationalen Grenze folgt, prägt bis heute Landkarte und Alltag. Viele Israelis sehen in ihr ein notwendiges Schutzinstrument, viele Palästinenser erleben sie als Symbol für Trennung, Kontrollverlust und Landverlust. Das Vertrauen in Verhandlungen als Weg zu einem fairen Frieden erlitt auf beiden Seiten schweren Schaden.
Bedeutung für spätere Gewaltzyklen und politische Dynamiken
Die Zweite Intifada prägte den weiteren Verlauf des Konflikts in mehrfacher Hinsicht. Erstens verstärkte sie die Militarisierung der Auseinandersetzung, auch wenn bewaffnete Gewalt kein neues Phänomen war. Methoden wie Selbstmordanschläge und gezielte Tötungen wurden zu bekannten, wenn auch hoch umstrittenen Instrumenten. Sie beeinflussten, wie spätere Eskalationen, etwa im Gazastreifen, geführt und legitimiert wurden.
Zweitens verschob die Intifada das innerpalästinensische Machtgefüge. Islamistische Bewegungen gewannen an Einfluss und bereiteten den Boden für spätere Wahlerfolge von Hamas und für die politische und territoriale Spaltung zwischen Gaza und dem Westjordanland. Diese Spaltung prägte künftige Runden von Gewalt, insbesondere die wiederholten Konfrontationen zwischen Israel und bewaffneten Gruppen im Gazastreifen.
Drittens verfestigte die Zweite Intifada ein Sicherheitsdenken, das in Israel bis heute in vielen politischen Entscheidungen sichtbar ist. Die Erfahrung schwerer Anschläge in Städten verstärkte die Skepsis gegenüber weitreichenden territorialen Zugeständnissen. Auf palästinensischer Seite wiederum verdichtete sich die Überzeugung, dass auch nach Oslo harte Formen von Kontrolle und Besatzung nicht verschwunden waren und dass Gewalt seitens Israels massiv eingesetzt wurde.
Die Zweite Intifada ist daher nicht nur eine Phase intensiver Gewalt, sondern ein historischer Knotenpunkt. Sie verbindet das Zeitalter der Oslo Hoffnungen mit der späteren Realität eines stärker fragmentierten, misstrauischen und sicherheitszentrierten Konflikts. Viele der späteren Gewaltzyklen lassen sich ohne das Verständnis der Dynamiken dieser Jahre kaum begreifen.