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Einordnung von Selbstmordanschlägen und Militäroperationen
In den Intifadas traten zwei Formen der Gewalt besonders hervor, die einander beeinflussten und sich gegenseitig verstärkten. Auf der einen Seite standen Selbstmordanschläge, vor allem palästinensischer Gruppen, auf der anderen Seite israelische Militäroperationen in dicht besiedelten Gebieten. Beide wurden von den jeweiligen Akteuren als Reaktion und als vermeintlich notwendige Verteidigung dargestellt, führten jedoch zu hohen zivilen Opferzahlen und einer Verhärtung des Konflikts.
Dieses Kapitel konzentriert sich darauf, wie sich diese beiden Gewaltformen entwickelten, welche Logiken sie prägten und welche Dynamiken sie im Verlauf der Intifadas erzeugten. Die breiteren politischen Hintergründe, die allgemeine Geschichte der Intifadas und die langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaften werden in den jeweils eigenen Kapiteln behandelt.
Selbstmordanschläge als Gewaltform
Selbstmordanschläge sind Angriffe, bei denen die Angreiferin oder der Angreifer bewusst den eigenen Tod einkalkuliert, meist durch das Zünden von Sprengstoff am Körper oder in einem Fahrzeug. Im Kontext des israelisch palästinensischen Konflikts wurden sie insbesondere während der Zweiten Intifada zu einem prägenden Mittel bewaffneter Gruppen.
Die Anschläge richteten sich häufig gegen Orte des Alltagslebens. Busse, Märkte, Cafés und Restaurants, Einkaufszentren oder religiöse Versammlungsorte wurden ausgewählt, weil sich dort viele Menschen auf engem Raum aufhielten. Ziel war es nicht nur, möglichst viele Tote und Verletzte zu verursachen, sondern auch ein Klima der ständigen Unsicherheit zu erzeugen. In israelischen Städten wurde das Gefühl, überall und jederzeit Ziel eines Anschlags werden zu können, zu einem zentralen psychologischen Faktor.
Auf organisatorischer Ebene spielten verschiedene palästinensische Gruppen eine Rolle. Islamistische Organisationen wie Hamas und der Islamische Dschihad brachten religiöse Motive und Versprechen von Märtyrertum ein, während säkulare Gruppen wie Teile der Fatah nahestehenden al Aqsa Märtyrerbrigaden zum Teil andere ideologische Begründungen betonten. Gemeinsam war vielen, dass sie die Anschläge als asymmetrische Antwort auf eine militärisch überlegene Besatzungsmacht präsentierten. In ihren eigenen Gesellschaften wurden die Attentäter oft in bestimmten Kreisen als Märtyrer dargestellt, in anderen aber auch kritisch gesehen, insbesondere wegen der zivilen Opfer und der politischen Folgen.
Strategische Ziele und Rechtfertigungen
Befürworter der Selbstmordanschläge innerhalb der beteiligten Gruppen verknüpften militärische, symbolische und politische Zielsetzungen. Militärisch betrachteten sie die Anschläge als kostengünstige Methode, den Gegner dort zu treffen, wo seine Armee ihn vermeintlich nicht vollständig schützen konnte, also im Alltag der Städte. Symbole spielten eine große Rolle, etwa wenn Anschläge an religiösen Feiertagen, in Nähe bedeutender Orte oder kurz vor politischen Entscheidungen verübt wurden, um Druck zu erhöhen.
Politisch wurden die Anschläge oft damit gerechtfertigt, dass sie Israel zu Zugeständnissen zwingen oder zumindest internationale Aufmerksamkeit erzwingen würden. In der Praxis führten sie aber auch zu starkem innenpolitischem Druck in Israel, härter zu reagieren, und schwächten dortige Kräfte, die für Verhandlungen eintraten. International wurden Selbstmordanschläge auf Zivilisten überwiegend als Terrorakte verurteilt, was zur Isolation der Gruppen beitrug, die sie verübten, und auch auf die gesamte palästinensische Sache zurückschlug.
Ein weiteres strategisches Ziel war die Mobilisierung der eigenen Bevölkerung. Die Darstellung von Attentätern als selbstaufopfernde Helden, etwa in Postern, Videos, Trauerfeiern und Medienbeiträgen, sollte insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen, die sich ohnmächtig oder gedemütigt fühlten. Kritik innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, insbesondere von Menschenrechtsgruppen, Intellektuellen oder Familien von Zivilopfern, zeigte jedoch, dass diese Strategie nicht überall Zustimmung fand.
Reaktionen in Israel und Sicherheitskonzepte
Die Selbstmordanschläge führten in Israel zu weitreichenden sicherheitspolitischen Anpassungen. Im öffentlichen Raum wurden verstärkte Kontrollen zur Normalität. Sicherheitspersonal prüfte Taschen an Eingängen zu Einkaufszentren, Bahnhöfen und Restaurants, Metalldetektoren und Sperranlagen wurden ausgebaut, Zufahrten zu potenziellen Zielorten verengt. Gleichzeitig verstärkte der Geheimdienst seine Bemühungen, Anschlagspläne frühzeitig zu entdecken, etwa durch Informantennetze, elektronische Überwachung und gezielte Verhöre.
Politisch förderten die Anschläge die Unterstützung für harte Maßnahmen. Der Bau der Sperranlagen im Westjordanland, von der israelischen Regierung als Sicherheitszaun bezeichnet, von vielen Palästinensern jedoch als Mauer erlebt, wurde unter anderem mit der Abwehr von Selbstmordattentätern begründet. Zahlreiche Checkpoints und Straßensperren, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren sollten verhindern, dass Attentäter aus besetzten Gebieten in israelische Städte gelangten. Diese Maßnahmen reduzierten im Laufe der Zeit die Zahl erfolgreicher Anschläge, trugen aber gleichzeitig erheblich zur Einschränkung des palästinensischen Alltagslebens bei.
Die israelische Öffentlichkeit reagierte mit großer Trauer und Wut auf die Anschläge. Medienberichte über die Opfer, Bilder vom unmittelbaren Anschlagsort und Berichte von Hinterbliebenen verstärkten das Sicherheitsdenken. Kritische Stimmen, die auf die Ursachen der Gewalt hinwiesen oder vor einer rein militärischen Antwort warnten, waren zwar vorhanden, konnten sich politisch jedoch oft nur schwer durchsetzen, insbesondere in Zeiten gehäufter Anschläge.
Formen israelischer Militäroperationen
Auf die Selbstmordanschläge und andere Angriffe antwortete Israel mit einer Reihe von Militäroperationen unterschiedlicher Intensität und Reichweite. Diese reichten von gezielten Festnahmen und Razzien in bestimmten Stadtteilen bis zu groß angelegten Offensiven, bei denen Panzer, Artillerie und Kampfflugzeuge eingesetzt wurden. Besonders in dicht besiedelten Gebieten wie Teilen des Gazastreifens oder Städten im Westjordanland hatte dies weitreichende Folgen.
Ein zentraler Bestandteil waren gezielte Tötungen von Personen, die als Anführer oder Organisatoren von Anschlägen galten. Solche Aktionen wurden vielfach aus der Luft durchgeführt, etwa durch Raketenbeschuss auf Fahrzeuge oder Gebäude. Auf israelischer Seite wurden sie als präzise Eingriffe dargestellt, die zukünftige Anschläge verhindern sollten. In der Realität wurden dabei jedoch immer wieder unbeteiligte Zivilisten getroffen. Die internationale Diskussion darüber, ob es sich hierbei um außergerichtliche Hinrichtungen handelte, ist Teil der völkerrechtlichen Debatten, die an anderer Stelle des Kurses behandelt werden.
Großoperationen wie im Verlauf der Zweiten Intifada zielten darauf, bewaffnete Gruppen organisatorisch zu zerschlagen, Waffenlager zu zerstören und Infrastruktur dieser Gruppen zu zerstören. Dabei wurden ganze Stadtviertel durchsucht, Ausgangssperren verhängt, Häuser beschädigt oder zerstört und kommunale Strukturen massiv beeinträchtigt. Solche Operationen hatten nicht nur militärische, sondern auch weitreichende humanitäre Folgen.
Logik der Eskalation
Die wechselseitige Beziehung zwischen Selbstmordanschlägen und Militäroperationen führte zu einer Dynamik, die häufig als Gewaltspirale beschrieben wird. Nach einem schweren Anschlag folgte oft eine groß angelegte Operation, die wiederum weitere Wut und Rachegefühle erzeugte, aus denen neue Rekrutierungen für bewaffnete Gruppen hervorgingen. Diese Gruppen begründeten weitere Anschläge wiederum mit den erlittenen Verlusten und Zerstörungen, was die israelische Seite als erneuten Anlass für härtere Maßnahmen sah.
Auf beiden Seiten entstand so ein Narrativ permanenter Verteidigung. Israel stellte Militäroperationen als notwendige Antwort zum Schutz der eigenen Bevölkerung dar, während palästinensische Gruppen ihre Angriffe als Reaktion auf Besatzung, Blockaden und militärische Übergriffe interpretierten. In dieser Logik rückten politische Alternativen wie Verhandlungen oder gewaltfreier Widerstand oft in den Hintergrund oder wurden als naiv dargestellt.
Ein weiterer Effekt dieser Eskalationslogik war, dass Kompromissbereitschaft in beiden Gesellschaften geschwächt wurde. Wer für Deeskalation oder Verhandlungen plädierte, konnte leichter als schwach oder als Verräter wahrgenommen werden. Selbst bei kurzzeitigen Waffenruhen genügte ein einzelner Angriff oder eine einzelne Operation, um das fragile Vertrauen zu zerstören.
Auswirkungen auf zivile Räume
Charakteristisch für Selbstmordanschläge und viele Militäroperationen ist, dass sie nicht nur militärische, sondern vor allem zivile Räume treffen. Busse, Cafés und belebte Straßen wurden zu Zielen der Anschläge, während Militäroperationen Wohnviertel, Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung beeinträchtigten. Städte und Dörfer wurden so zu zentralen Schauplätzen des Konflikts.
Für die Zivilbevölkerung bedeutete dies einen Alltag, der von Angst, Unterbrechungen und Verlusten geprägt war. In Israel führten wiederholte Anschläge zu Verhaltensänderungen. Menschen mieden bestimmte Orte, achteten misstrauisch auf ihre Umgebung und lebten mit der ständigen Präsenz von Sicherheitskräften. In palästinensischen Gebieten gehörten nächtliche Razzien, das Dröhnen von Militärfahrzeugen, Straßensperren und die Möglichkeit plötzlicher Luftangriffe zum Alltag. Kinder und Jugendliche wuchsen mit Bildern von Gewalt, Verwundeten und Zerstörung auf.
Diese Erfahrungen wirkten sich auch auf Wahrnehmungen und Einstellungen aus. Viele Israelis erlebten Palästinenser vor allem als potenzielle Angreifer, während viele Palästinenser israelische Soldaten und Sicherheitskräfte als allgegenwärtige Bedrohung erfuhren. Solche Erfahrungen erschwer(t)en es, die jeweils andere Seite als Individuen mit eigenen Ängsten und Hoffnungen zu sehen, und begünstigen pauschale Feindbilder.
Innenpolitische Folgen in palästinensischen Gebieten
Selbstmordanschläge und die darauf folgenden Militäroperationen beeinflussten auch Machtverhältnisse und Debatten innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Gruppen, die Anschläge ausführten, konnten sich als entschlossene Widerstandsakteure präsentieren und damit Anhänger gewinnen, vor allem in Phasen, in denen politische Verhandlungen als erfolglos oder erniedrigend erschienen. Gleichzeitig führte die Härte der israelischen Reaktionen zu wachsender Kritik an diesen Taktiken, insbesondere dort, wo Zivilisten direkt betroffen waren oder wo Anschläge zu spürbaren Verschlechterungen der Lebensbedingungen führten.
Die palästinensische Führung stand vor dem Dilemma, einerseits den Druck der eigenen Bevölkerung und verschiedener Fraktionen zu berücksichtigen und andererseits internationalen Erwartungen und israelischen Forderungen nach einem Stopp der Anschläge zu begegnen. Dies führte immer wieder zu Spannungen zwischen Sicherheitsapparaten, politischen Parteien und bewaffneten Gruppen. In manchen Phasen versuchte die Autonomiebehörde, bestimmte Gruppen zu kontrollieren oder zu entwaffnen, was zu innerpalästinensischen Konflikten beitrug, deren detaillierte Darstellung im Kapitel zur politischen Spaltung folgt.
Innenpolitische Folgen in Israel
Auch in Israel hatten Selbstmordanschläge und Militäroperationen deutliche innenpolitische Auswirkungen. Politische Kräfte, die auf Sicherheit und Härte setzten, erhielten in Phasen intensiver Anschläge häufig mehr Unterstützung. Parteien, die für weitreichende territoriale Konzessionen eintraten oder einen Kurs der Deeskalation befürworteten, gerieten unter Rechtfertigungsdruck, insbesondere wenn unmittelbar nach Friedensinitiativen neue Anschläge stattfanden.
Das Trauma großer Anschläge prägte öffentliche Debatten. Entscheidungen über Militäroperationen wurden oft in einem Umfeld getroffen, in dem die Angst vor neuen Angriffen sehr präsent war. Kritik an Militäreinsätzen, vor allem wenn zivile palästinensische Opfer öffentlich sichtbar wurden, existierte zwar, wurde aber nicht selten als Gefährdung der Sicherheit oder als mangelnde Loyalität interpretiert. Menschenrechtsorganisationen und Teile der Zivilgesellschaft versuchten, alternative Sichtweisen aufrechtzuerhalten und auf langfristige Konsequenzen der Gewalt hinzuweisen, standen jedoch in Konkurrenz zu starken Sicherheitsnarrativen.
Internationale Wahrnehmung und rechtliche Fragen
Selbstmordanschläge und Militäroperationen im dicht besiedelten Umfeld standen international im Zentrum von Medienberichten und diplomatischen Reaktionen. Bilder von zerstörten Bussen, blutverschmierten Straßen oder zerstörten Wohnhäusern prägten das Bild des Konflikts in der Weltöffentlichkeit. Je nachdem, welche Ereignisse gerade dominierend waren, verschob sich die Sympathie vieler Beobachter und Regierungen.
International wurden Selbstmordanschläge auf Zivilisten klar und weitgehend einhellig als Terrorakte verurteilt. Gleichzeitig gerieten auch israelische Militäroperationen in die Kritik, wenn der Einsatz von Waffen in Wohngebieten zu hohen zivilen Opferzahlen führte oder wenn Berichte über unverhältnismäßige Gewaltanwendung auftauchten. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Fälle, die als mögliche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht angesehen wurden, und forderten Untersuchungen.
Im diplomatischen Raum ergaben sich daraus Spannungen. Einige Staaten unterstützten Israels Recht auf Selbstverteidigung, mahnten aber Zurückhaltung an. Andere betonten stärker die Verantwortung Israels als Besatzungsmacht und verwiesen auf strukturelle Gewaltverhältnisse. Palästinensische Vertreter verwiesen auf die Folgen von Besatzung und Blockaden, israelische Vertreter betonten die Bedrohung durch Anschläge und Raketen. Wie genau diese rechtlichen und institutionellen Fragen diskutiert werden, wird im Kapitel zu Völkerrecht und Menschenrechten vertieft.
Langfristige Prägungen von Erinnerung und Identität
Die Phase intensiver Selbstmordanschläge und Militäroperationen hat sich tief in die Erinnerungen beider Gesellschaften eingeprägt. In Israel erinnern Denkmäler, Gedenktage, Listen von Anschlagsopfern und mediale Rückblicke an die Menschen, die in Bussen, Restaurants oder bei anderen Angriffen getötet wurden. Familiengeschichten, Schulprojekte und öffentliche Zeremonien halten diese Erfahrungen wach und prägen Vorstellungen darüber, wie bedrohlich der Konflikt ist.
Auf palästinensischer Seite bleiben die Spuren von Militäroperationen oft in Form zerstörter oder beschädigter Häuser, Fotos getöteter Angehöriger und Erzählungen über erlebte Razzien und Ausgangssperren sichtbar. In manchen Vierteln prägen Wandmalereien und Plakate das Straßenbild, die sowohl Trauer als auch Widerstand ausdrücken. Kinder wachsen in Umgebungen auf, in denen diese Bilder allgegenwärtig sind, was sich auf Selbstverständnis und politische Haltung auswirkt.
Die Art, wie Selbstmordattentäter und Militäreinsätze in Bildung, Medien und politischer Rhetorik dargestellt werden, beeinflusst langfristig das Bild der jeweils anderen Seite. Sie verstärken entweder Feindbilder oder können, wenn kritisch reflektiert, zu einer differenzierteren Sicht beitragen. Wie diese Narrative genau aussehen und vermittelt werden, wird im Kapitel über Narrative und Perspektiven behandelt.
Zusammenwirken von Gewaltformen und Ausblick
Selbstmordanschläge und Militäroperationen sind im Kontext der Intifadas nicht isoliert zu verstehen. Sie sind Ausdruck eines asymmetrischen Konflikts, in dem eine militärisch überlegene Seite auf Angriffe nichtstaatlicher Gruppen reagiert, die selbst auf besonders schockierende Formen der Gewalt setzen. Das Zusammenspiel beider Strategien hat die Konfliktlandschaft nachhaltig geprägt, Vertrauen zerstört und politische Handlungsspielräume verengt.
Gleichzeitig hat die Erfahrung dieser Gewalt bei vielen Menschen auf beiden Seiten auch das Bedürfnis nach Alternativen verstärkt. Angehörige von Opfern, zivilgesellschaftliche Gruppen und Teile der Öffentlichkeit hinterfragten die Sinnhaftigkeit der Gewaltspirale und suchten nach Formen des Protests und des Umgangs mit dem Konflikt, die nicht auf tödliche Gewalt setzen. Wie solche Initiativen aussehen und welche Chancen und Grenzen sie haben, wird im Rahmen der Kapitel zu Graswurzelinitiativen und möglichen Zukunftsszenarien aufgegriffen.