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Einleitung: Zivilisten im Zentrum der Gewalt
Die Intifadas waren nicht nur politische und militärische Auseinandersetzungen. Sie haben das Leben von Millionen Menschen tief geprägt, sowohl auf palästinensischer als auch auf israelischer Seite. In diesem Kapitel geht es darum, wie sich die wiederkehrenden Gewaltzyklen konkret auf den Alltag, auf Körper und Psyche, auf soziale Strukturen und auf langfristige Zukunftschancen der Zivilbevölkerung ausgewirkt haben.
Physische Folgen: Tote, Verletzte und dauerhafte Schäden
In beiden Intifadas und den damit verbundenen Gewaltwellen standen Zivilisten häufig mitten im Geschehen. Palästinenserinnen und Palästinenser waren in besonderem Maße der militärischen Überlegenheit Israels ausgesetzt, etwa durch Schüsse bei Demonstrationen, Ausgangssperren, Razzien und Luftangriffe in dichter besiedelten Gebieten. Viele Menschen starben, andere erlitten schwere Verletzungen, Amputationen oder dauerhafte Behinderungen.
Israelische Zivilisten wurden vor allem durch Anschläge, darunter Selbstmordanschläge in Bussen, Restaurants und auf Märkten, getroffen. Diese Angriffe zielten bewusst auf Orte des Alltagslebens, wodurch die Grenze zwischen Front und Hinterland verwischte. Auch hier gab es Tote und Verletzte, deren Schicksale das Sicherheitsdenken der israelischen Gesellschaft stark prägten.
Die medizinische Versorgung war auf palästinensischer Seite oft durch Checkpoints, Ausgangssperren und zerstörte Infrastruktur erschwert. Rettungswagen erreichten Verletzte nicht rechtzeitig, Krankenhäuser waren überlastet oder hatten Engpässe bei Medikamenten. In Israel funktionierte das Gesundheitssystem in der Regel stabiler, doch auch dort mussten Notfallkapazitäten ausgebaut und Traumabehandlungen organisiert werden.
Psychische Belastungen und Trauma
Die wiederholten Gewaltwellen führten auf beiden Seiten zu weit verbreiteten psychischen Belastungen. Chronische Angst, Hilflosigkeit, Schlafstörungen und depressive Symptome wurden sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen beobachtet. Viele Menschen waren Zeugen von Tötungen, Explosionen oder Hauszerstörungen. Das Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) stieg stark an.
In den palästinensischen Gebieten lebten Kinder über Jahre mit nächtlichen Razzien, Schießereien in der Nähe ihrer Häuser, plötzlichen Ausgangssperren und dem Gefühl permanenter Unsicherheit. Eltern konnten ihren Kindern kaum das Gefühl vermitteln, sie seien geschützt. Die alltägliche Erfahrung von Erniedrigung, Kontrolle und Gewalt an Checkpoints oder bei Hausdurchsuchungen verstärkte das psychische Stressniveau.
In Israel waren es vor allem wiederholte Anschlagswarnungen, Sirenen, das Misstrauen gegenüber öffentlichen Orten und das Wissen, dass Busfahrten oder Cafébesuche lebensgefährlich sein konnten, die Angst auslösten. Kinder lernten früh, wie sie sich bei Raketenalarm oder Anschlagsszenarien verhalten sollten. Auch hier war Sicherheit nie selbstverständlich.
Alltag unter Unterbrechung: Bildung, Arbeit und Mobilität
Gewaltzyklen trafen besonders stark die Basisstrukturen des alltäglichen Lebens. Schulen und Universitäten in der Westbank und im Gazastreifen blieben wiederholt wegen Ausgangssperren, Straßensperren oder Kämpfen geschlossen. Unterricht fiel aus oder fand unregelmäßig statt. Ganze Jahrgänge hinkten im Lehrplan hinterher. Schüler und Studierende konnten Prüfungen nicht ablegen oder nicht rechtzeitig zu Universitäten oder Ausbildungsorten gelangen.
Auch Arbeit und Einkommen waren massiv betroffen. Viele Palästinenser arbeiteten in Israel oder in israelischen Siedlungen. Mit der Eskalation von Gewalt schränkte Israel die Einreise stark ein oder stoppte sie ganz. Familien verloren von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen. Lokale Betriebe litten unter zerstörter Infrastruktur, Transportproblemen und dem Ausbleiben von Kunden. Armut und Abhängigkeit von Hilfsorganisationen nahmen deutlich zu.
Die Bewegungsfreiheit wurde im Zuge der Intifadas weiter begrenzt, etwa durch zusätzliche Checkpoints, Straßensperren oder Abschnitte der Sperranlage. Wege, die früher eine halbe Stunde dauerten, konnten plötzlich viele Stunden benötigen, wenn sie überhaupt möglich waren. Arztbesuche, Familienbesuche oder der Weg zur Arbeit wurden zu unsicheren Unternehmungen, die sorgfältig geplant werden mussten.
In Israel wurde der Alltag vor allem durch Sicherheitsmaßnahmen verändert. Taschenkontrollen an Einkaufszentren, Bahnhöfen und öffentlichen Einrichtungen wurden zur Normalität. Viele Menschen mieden Busse und stark frequentierte Orte. Tourismus und bestimmte Wirtschaftssektoren litten ebenfalls unter Anschlagsangst. Gleichzeitig blieb das Alltagsleben für viele Israelis im Vergleich zu palästinensischen Gebieten jedoch deutlich stabiler.
Soziale Strukturen und Familienleben
Gewaltzyklen greifen tief in Familienstrukturen ein. In den palästinensischen Gebieten wurden Familien häufig durch Verhaftungen, Tötungen oder Verletzungen von Angehörigen auseinandergerissen. Inhaftierungen, zum Teil ohne Anklage, führten zu langjährigen Trennungen. Frauen und ältere Familienmitglieder mussten zusätzliche wirtschaftliche und emotionale Verantwortung übernehmen, wenn Männer inhaftiert oder getötet wurden.
Hauszerstörungen als Kollektivstrafe oder aus sicherheitsbezogenen Gründen hatten unmittelbare Auswirkungen auf das Familienleben. Plötzlich obdachlose Familien mussten bei Verwandten unterkommen oder in provisorischen Unterkünften leben. Der Verlust des Hauses bedeutete nicht nur materiellen Schaden, sondern auch den Verlust eines wichtigen Symbols von Stabilität und Würde.
In Israel wurden Familien durch Anschläge traumatisiert, wenn Angehörige getötet oder verletzt wurden. Beerdigungen, Medienberichte und Gedenkfeiern hielten die Wunden lange offen. Gleichzeitig verstärkten solche Erlebnisse in vielen Fällen den Wunsch nach Sicherheit und Härte gegenüber der anderen Seite, was sich auch im Familienalltag und in der Erziehung widerspiegeln konnte.
Gewaltzyklen können Gemeinschaften zugleich spalten und zusammenschweißen. In enger besiedelten palästinensischen Gegenden organisierten Nachbarn oft gegenseitige Hilfe, teilten Lebensmittel und kümmerten sich um Kinder, wenn Eltern festsaßen oder verletzt waren. Ähnliche Solidarität entstand in israelischen Orten, die wiederholt Anschlägen oder Raketenbeschuss ausgesetzt waren, etwa durch Nachbarschaftsinitiativen und Unterstützungsgruppen.
Wirtschaftliche Langzeitfolgen und Abhängigkeit
Die wiederholte Zerstörung von Infrastruktur, Blockaden und Bewegungseinschränkungen schwächten speziell die palästinensische Wirtschaft langfristig. Unternehmen investierten weniger, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung wurden chronisch. Viele Haushalte waren auf Überweisungen aus der Diaspora, auf humanitäre Hilfe oder auf Gelegenheitsarbeit angewiesen. Ein eigenständiger wirtschaftlicher Aufbau wurde so erheblich erschwert.
Israel trug ebenfalls wirtschaftliche Kosten etwa durch hohe Militärausgaben, Sicherheitsinfrastruktur, Einbußen im Tourismus und unsichere Investitionsbedingungen in bestimmten Regionen. Die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit blieb dennoch vergleichsweise hoch, doch bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Bewohner von Grenzregionen oder sozial schwächere Schichten litten stärker unter den Folgen.
Diese ökonomischen Ungleichheiten verstärkten das Machtgefälle zwischen beiden Gesellschaften und vertieften das Gefühl von Ungerechtigkeit auf palästinensischer Seite. Zugleich förderte die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe und von israelischen Entscheidungen ein Gefühl der Ohnmacht.
Bildung, Sozialisation und Sicht auf die „andere Seite“
Kinder und Jugendliche wachsen in Gewaltzyklen mit bestimmten Bildern vom „Gegner“ auf. In den palästinensischen Gebieten werden israelische Soldaten, Checkpoints und militärische Präsenz zum prägenden Erfahrungsraum. Für viele Kinder ist der erste direkte Kontakt mit Israelis ein bewaffneter Soldat. Das beeinflusst, wie sie sich die andere Gesellschaft vorstellen.
Israelische Kinder erleben Palästinenser oft nicht persönlich, sondern über Medienberichte, Sicherheitswarnungen und Erzählungen über Anschläge. Palästinenser erscheinen dabei häufig als potentielle Bedrohung, selten als Menschen mit einem individuellen Alltag und ähnlichen Sorgen. Schulwege, Schutzräume und Sicherheitstraining werden zu festen Bestandteilen der Kindheit.
Gewaltzyklen verstärken auf beiden Seiten die Tendenz, in Kollektiven zu denken und die andere Gruppe pauschal zu bewerten. Begegnungsmöglichkeiten, die differenziertere Bilder ermöglichen könnten, werden rarer oder schwieriger. Austauschprogramme, gemeinsame Projekte oder Arbeitskontakte werden durch Sicherheitsängste, Reisebeschränkungen und Misstrauen behindert.
Normalisierung von Gewalt und Verrohung des öffentlichen Raums
Wenn Gewaltzyklen über Jahre andauern, besteht die Gefahr, dass Gewalt als Teil des „Normalen“ im Alltag wahrgenommen wird. Kinder gewöhnen sich an das Geräusch von Schüssen oder Sirenen, an Militärfahrzeuge im Straßenbild oder an bewaffnete Polizisten an öffentlichen Orten. Was unter anderen Umständen als Ausnahmesituation gelten würde, erscheint dann alltäglich.
Die öffentliche Sprache kann sich verrohen. Begriffe, die entmenschlichen oder ganze Gruppen als Bedrohung darstellen, finden leichter Eingang in Medien, Politik und Alltagsgespräche. Zivilisten, die zur deeskalierenden Sprache aufrufen oder Empathie für die Opfer auf der anderen Seite zeigen, geraten unter Druck oder gelten als naiv oder illoyal.
Gewalt erzeugt oft Gegengewalt. Trauer, Wut und Rachegefühle können dazu beitragen, dass neue Akte der Gewalt gerechtfertigt werden. So entsteht ein Teufelskreis, in dem jede Seite ihre Maßnahmen als Reaktion auf zuvor erlittene Angriffe darstellt. Die Zivilbevölkerung zahlt dabei immer wieder den höchsten Preis.
Einschränkung von Rechten und politischer Freiraum
In Zeiten intensiver Gewaltzyklen werden auf beiden Seiten bürgerliche Freiheiten unter Druck gesetzt. In den palästinensischen Gebieten führten Ausnahmezustände, interne Repression und politische Rivalitäten dazu, dass kritische Stimmen gegenüber der eigenen Führung eingeschüchtert oder verfolgt wurden. Menschenrechte wurden nicht nur von der Besatzungsmacht, sondern auch von palästinensischen Akteuren verletzt.
In Israel wurden unter dem Eindruck von Anschlägen Sicherheitsgesetze verschärft, Überwachungsmaßnahmen ausgebaut und bestimmte politische Aktivitäten oder Organisationen stärker kontrolliert. Arabische Bürger Israels standen dabei oft unter besonderem Verdacht oder erlebten Diskriminierung, wenn sie als potenzielle Sicherheitsrisiken wahrgenommen wurden.
Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und Aktivisten, die auf Rechtsverletzungen aufmerksam machten, gerieten auf beiden Seiten unter Druck. Dadurch wurden Wege, Gewalt kritisch zu reflektieren und Alternativen zu entwickeln, zusätzlich eingeschränkt.
Hoffnung, Resilienz und der Wunsch nach Normalität
Trotz der Schwere der Auswirkungen gibt es unter Zivilisten beider Seiten immer wieder Versuche, Normalität zu bewahren und Zukunftsperspektiven zu schaffen. Eltern bemühen sich, Kindern ein möglichst stabiles Umfeld zu bieten, auch wenn die äußeren Umstände unsicher sind. Lehrkräfte versuchen, Unterricht aufrechtzuerhalten, selbst wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind. Lokale Initiativen organisieren Freizeitangebote, psychosoziale Betreuung und Bildungsprojekte.
Resilienz zeigt sich auch in kulturellen Ausdrucksformen. Musik, Literatur, Theater und Film dienen dazu, Erfahrungen zu verarbeiten, Trauer zu artikulieren und alternative Visionen von Zusammenleben zu entwerfen. Manche Projekte bringen israelische und palästinensische Zivilisten zusammen, um gegenseitige Wahrnehmungen zu verändern und Brücken zu bauen, auch wenn solche Versuche im Schatten der Gewalt oft fragil bleiben.
Der wiederkehrende Wunsch vieler Menschen ist schlicht ein „normales“ Leben. Dazu gehört, ohne Angst vor Anschlägen oder Militäreinsätzen zur Arbeit zu gehen, Kinder in Sicherheit aufwachsen zu sehen und sich bewegen zu können, ohne ständig an Grenzen und Kontrollpunkte zu stoßen. Die Diskrepanz zwischen diesem Wunsch und der erlebten Realität gehört zu den zentralen Erfahrungen der Zivilbevölkerung in den Intifadas und den damit verbundenen Gewaltzyklen.
Langfristige Prägungen und Generationenfolgen
Gewaltzyklen hinterlassen Spuren, die weit über den Moment der Eskalation hinausreichen. Ganze Generationen wachsen mit bestimmten Erfahrungen, Erzählungen und Traumata auf. Diese prägen politische Einstellungen, Vertrauensbereitschaft gegenüber der anderen Seite und Offenheit für Kompromisse.
Kinder, die die Erste Intifada erlebt haben, wurden als Jugendliche oder junge Erwachsene mit der Zweiten Intifada konfrontiert. Ihre Lebenswege wurden wiederholt unterbrochen. Ähnliches gilt für israelische Jugendliche, deren Schulzeit und frühes Erwachsenenleben durch Anschläge, Militärdienst in umkämpften Gebieten und ständige Sicherheitsdebatten bestimmt war.
Langfristig beeinflussen solche Erfahrungen, ob eine Gesellschaft bereit ist, Frieden zu riskieren, also Vertrauen zu schenken, Grenzen zu öffnen und militärische Kontrolle zu verringern. Die Belastungen der Zivilbevölkerung sind damit nicht nur eine humanitäre Frage, sondern wirken direkt auf die politischen Möglichkeiten und Grenzen künftiger Lösungen zurück.