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Einordnung von Hamas und Fatah
Hamas und Fatah sind die beiden wichtigsten politischen Kräfte in der palästinensischen Politik. Sie prägen vor allem die Entwicklungen im Gazastreifen und im Westjordanland, aber auch die Wahrnehmung der Palästinenser in der Region und international. Beide verstehen sich als Vertreter nationaler palästinensischer Interessen, unterscheiden sich jedoch deutlich in Ideologie, Strategie, Organisationsform und in ihrem Verhältnis zu Israel und zur internationalen Gemeinschaft.
Für Anfänger ist wichtig zu verstehen, dass Hamas und Fatah nicht einfach zwei Parteien wie in einem europäischen Parlament sind. Sie sind zugleich politische Bewegungen, Machtapparate und in Teilen auch militärische Akteure. Ihr Verhältnis zueinander ist von Konkurrenz, Phasen offener Gewalt und immer wieder Versuchen zur Versöhnung geprägt.
Fatah: Nationale Befreiungsbewegung und Partei
Fatah entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als säkulare, nationalistische Befreiungsbewegung. Ihr Kernanliegen war und ist die Errichtung eines palästinensischen Staates. Fatah wurde zur dominierenden Kraft in der Palästinensischen Befreiungsorganisation, also der PLO, und prägte damit jahrzehntelang die offizielle palästinensische Vertretung.
In ihrem Selbstverständnis verbindet Fatah den Anspruch, das palästinensische Volk zu repräsentieren, mit einer relativ pragmatischen Haltung zur internationalen Politik. Führungsfiguren der Fatah suchten immer wieder den Weg über Diplomatie und Verhandlungen. Daraus ergab sich ein gradueller Wandel von einer primär bewaffneten Befreiungsbewegung hin zu einer politischen Organisation, die Regierungsaufgaben übernimmt. In den von ihr dominierten Strukturen der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland agiert Fatah heute vor allem als Regierungspartei mit Sicherheitsapparat, Verwaltungsnetzwerk und Patronagestrukturen.
Gleichzeitig ist Fatah intern stark fraktioniert. Lokale Machtgruppen, Sicherheitsdienste und langjährige Kader haben erheblichen Einfluss. Kritiker in der palästinensischen Gesellschaft werfen Fatah Korruption, Vetternwirtschaft und mangelnde Erneuerung vor. Diese Wahrnehmung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Fatah an Legitimität verlor und Konkurrenzbewegungen wie Hamas an Boden gewinnen konnten.
Hamas: Islamistische Bewegung und bewaffneter Akteur
Hamas entstand später als Fatah und ist ideologisch im islamistischen Spektrum verortet. Sie versteht den palästinensischen Nationalkampf als untrennbar mit einer religiösen, insbesondere islamischen Dimension verbunden. Ihre ursprüngliche Grundsatzdokumente formulierten einen sehr konfrontativen Anspruch gegenüber Israel und verbanden nationalen Befreiungsdiskurs mit religiöser Legitimation.
Organisatorisch gliedert sich Hamas in einen politischen Flügel, einen sozialen Bereich und einen militärischen Flügel. Der politische Flügel nimmt an Wahlen teil, führt Verhandlungen mit anderen palästinensischen Akteuren und kommuniziert mit regionalen und teilweise auch internationalen Akteuren. Der soziale Bereich betreibt unter anderem Wohlfahrts- und Bildungsangebote. Der militärische Flügel ist für bewaffnete Aktionen zuständig und wird von zahlreichen Staaten und internationalen Organisationen als Terrororganisation eingestuft.
Hamas zieht einen Teil ihrer Unterstützung aus dem Bild, eine weniger korrupte, religiös geprägte und widerständige Alternative zu Fatah zu sein. Insbesondere unter Teilen der palästinensischen Bevölkerung, die sich von Fatah enttäuscht fühlen, konnte Hamas auf diese Weise Legitimität gewinnen. Gleichzeitig führt die militärische Strategie von Hamas zu schweren menschlichen und politischen Kosten im Gazastreifen und zu starker internationaler Ablehnung.
Ideologische Unterschiede und Überschneidungen
Die grundlegende Differenz zwischen Hamas und Fatah betrifft sowohl die Frage, wie der palästinensische Nationalkampf begründet wird, als auch, welche Mittel als legitim gelten. Fatah tritt überwiegend als säkular-nationalistische Bewegung auf. Religion spielt zwar gesellschaftlich eine Rolle, ist aber nicht der Kern ihrer politischen Identität. Hamas hingegen betont den islamischen Charakter der Gesellschaft und des Widerstands.
Diese Ideologie wirkt sich auf die Haltung zu Verhandlungen mit Israel aus. Fatah hat sich auf eine Zwei-Staaten-Perspektive eingelassen und erkennt die Notwendigkeit von Kompromissen an, auch wenn dies innerhalb der Bewegung umstritten ist. Hamas hat sich lange deutlich härter positioniert, auch wenn es im Laufe der Zeit Nuancierungen und taktische Anpassungen in ihrer politischen Sprache gegeben hat.
Trotz dieser Gegensätze existieren Überschneidungen. Beide Bewegungen sehen sich als Vertreter des palästinensischen Nationalanliegens. Beide nutzen nationale Symbole, beziehen sich auf erlittenes Unrecht und auf die Flüchtlingsfrage und beanspruchen, den Widerstand in einer jeweils eigenen Form zu verkörpern. Beide verfügen zudem über bewaffnete Strukturen und haben in verschiedenen Phasen Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung auch gegen palästinensische Rivalen eingesetzt.
Die Wahlen von 2006 und der Machtkampf
Ein entscheidender Wendepunkt im Verhältnis von Hamas und Fatah waren die Parlamentswahlen in den palästinensischen Gebieten im Jahr 2006. In einem Kontext von Unzufriedenheit mit der Regierungsführung der Fatah und der Palästinensischen Autonomiebehörde trat Hamas mit dem Versprechen von Reformen, Integrität und konsequentem Widerstand an. Das Ergebnis war ein deutlicher Wahlsieg von Hamas, der Fatah in die Opposition drängte.
Dieser Wahlausgang erzeugte ein politisches Spannungsfeld. Innerhalb der palästinensischen Strukturen war plötzlich die bisherige Oppositionsbewegung Regierungspartei, während Fatah weiterhin große Teile des Sicherheitsapparats und zentrale Institutionen kontrollierte. International zeigte sich große Zurückhaltung gegenüber einer Hamas-geführten Regierung. Viele Staaten knüpften Kontakte und finanzielle Unterstützung an Bedingungen, die Hamas nicht akzeptieren wollte.
Die Folge war eine Phase wachsender institutioneller Blockade, gegenseitiger Misstrauensbekundungen und zunehmender Konfrontationen auf der Straße. Beide Seiten bauten bewaffnete Kräfte aus und konkurrierten um die Kontrolle über Sicherheitsorgane, Ministerien und Ressourcen. Diese Dynamik mündete in offener innerpalästinensischer Gewalt, insbesondere im Gazastreifen.
Spaltung von Gaza und Westjordanland
Aus den Kämpfen zwischen Hamas und Fatah im Jahr 2007 ging eine de facto Spaltung hervor. Hamas setzte sich im Gazastreifen militärisch gegen Fatah durch und übernahm dort die vollständige Kontrolle über Polizei, Ministerien und Verwaltung. Fatah und mit ihr die Palästinensische Autonomiebehörde konsolidierten ihre Macht im Westjordanland und verloren den direkten Einfluss auf Gaza.
Seitdem existieren in den palästinensischen Gebieten zwei politische und administrative Zentren. In Gaza herrscht Hamas mit eigenen Sicherheitsdiensten und eigenen politischen Strukturen. Im Westjordanland dominiert Fatah die Institutionen der Palästinensischen Autonomiebehörde. Diese Spaltung hat nicht nur organisatorische Folgen, sondern beeinflusst das tägliche Leben der Bevölkerung, die Wahrnehmung von Legitimität und die Möglichkeiten, eine gemeinsame Strategie gegenüber Israel und der internationalen Gemeinschaft zu entwickeln.
Beide Seiten versuchen, sich gegenseitig als Hauptverantwortliche für die Spaltung darzustellen. Hamas wirft Fatah vor, mit Israel und ausländischen Akteuren zu eng zusammenzuarbeiten und Sicherheitskooperation über nationale Einheit zu stellen. Fatah wiederum beschuldigt Hamas, durch Gewalt und eigenmächtige Entscheidungen den innerpalästinensischen Konsens zerstört zu haben.
Sicherheitsapparate und Kontrolle
Ein besonders sensibles Feld im Verhältnis zwischen Hamas und Fatah sind die Sicherheitsapparate. Im Westjordanland arbeiten viele der von Fatah dominierten Sicherheitskräfte mit ausländischer Unterstützung zusammen und sind eng in internationale Programme eingebunden. Diese Kooperation wird von Kritikern als zu große Abhängigkeit gewertet, von Befürwortern jedoch als notwendige Stabilisierung.
In Gaza baute Hamas eigene Sicherheitskräfte und bewaffnete Strukturen auf. Dazu gehört sowohl der reguläre Sicherheitsapparat mit Polizei und internen Diensten als auch der militärische Flügel, der nach außen gegen Israel agiert und nach innen die Kontrolle über rivalisierende Gruppen und Fatah-Strukturen sicherte. Die Parallelität von zivilen und militärischen Kommandostrukturen in Gaza erschwert Einblicke von außen und macht die innerpalästinensische Machtbalance noch komplexer.
Die Frage, wer welche Sicherheitskräfte kontrolliert, ist in den zahlreichen Versöhnungsgesprächen zwischen Hamas und Fatah immer wieder ein Kernproblem. Ein einheitlicher Sicherheitsapparat würde tiefgreifende Zugeständnisse von beiden Seiten erfordern. Fatah möchte nicht, dass bewaffnete Strukturen außerhalb staatlicher Kontrolle agieren. Hamas wiederum fürchtet, im Rahmen einer Machtteilung entwaffnet oder politisch marginalisiert zu werden.
Versöhnungsversuche und Einheitsregierungen
Seit der Spaltung wurden mehrfach Versöhnungsabkommen zwischen Hamas und Fatah angekündigt. Verschiedene regionale Akteure wie Ägypten, Katar oder andere Staaten versuchten zu vermitteln. Immer wieder stand die Bildung von Übergangs- oder Einheitsregierungen im Raum, die sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland Verantwortung übernehmen sollten.
Auf dem Papier sahen viele dieser Vereinbarungen gemeinsame Ziele vor. Dazu gehörten die Vorbereitung neuer Wahlen, die Integration oder Neuordnung der Sicherheitskräfte und die Wiederherstellung einer einheitlichen Verwaltung. In der Praxis blieben die meisten Vereinbarungen jedoch unvollständig oder wurden nur teilweise umgesetzt.
Die Gründe für das Scheitern solcher Initiativen sind vielfältig. Neben dem Streit um Sicherheitsorgane spielen auch Fragen der internationalen Anerkennung, der Kontrolle über Finanzströme und der Einfluss externer Verbündeter eine Rolle. Zudem fürchten beide Bewegungen, bei echten freien Wahlen ihre Machtbasis zu verlieren. Der Stillstand im Versöhnungsprozess verstärkt in der palästinensischen Öffentlichkeit oft Frustration und politisches Misstrauen.
Regionale und internationale Dimension
Hamas und Fatah sind nicht isolierte Akteure. Sie stehen jeweils in Beziehung zu unterschiedlichen regionalen und internationalen Partnern. Fatah und die von ihr dominierte Palästinensische Autonomiebehörde erhalten Unterstützung von Teilen der arabischen Welt, von der Europäischen Union und den USA, die im Gegenzug bestimmte politische Positionen erwarten, etwa im Hinblick auf Verhandlungen und Sicherheitskooperation.
Hamas hingegen pflegte und pflegt Beziehungen zu verschiedenen regionalen Mächten, die sich im Laufe der Zeit verschoben haben. Diese externen Bindungen betreffen finanzielle Hilfen, politische Rückendeckung und auch militärische Unterstützung. Zugleich ist Hamas international in hohem Maß isoliert und von Sanktionen betroffen.
Die unterschiedliche internationale Einbettung verstärkt die Konkurrenz zwischen Hamas und Fatah. Jede Seite versucht, ihre Kontakte zu nutzen, um ihre eigene Position im innerpalästinensischen Machtgefüge zu stärken. Für Versöhnungsbemühungen bedeutet dies, dass nicht nur innerpalästinensische Interessen berücksichtigt werden müssen, sondern auch die Erwartungen und roten Linien externer Unterstützer.
Auswirkungen auf Gesellschaft und politische Kultur
Die Rivalität von Hamas und Fatah prägt die politische Kultur in den palästinensischen Gebieten tiefgreifend. Viele Menschen erleben Politik weniger als transparenten demokratischen Prozess, sondern als Auseinandersetzung rivalisierender Machtzentren. In Gaza und im Westjordanland haben sich unterschiedliche politische und mediale Räume entwickelt. Medien und Bildungsinstitutionen spiegeln häufig die Perspektive der jeweils dominierenden Kraft wider.
Dies führt zu abweichenden Erzählungen über zentrale Ereignisse, über Verantwortlichkeiten und über die richtige Strategie im Umgang mit Israel. Familien und Gemeinden können innerlich gespalten sein, wenn Angehörige in verschiedenen Sicherheitsdiensten, Verwaltungen oder politischen Strukturen tätig sind. Kritiker beider Bewegungen beklagen Repression gegen abweichende Meinungen und Einschränkungen von Meinungs- und Versammlungsfreiheit.
Zugleich gibt es in der palästinensischen Gesellschaft zahlreiche Menschen und Gruppen, die über die Spaltung hinweg nach Wegen suchen, Einheit und Pluralismus zu verbinden. Zivilgesellschaftliche Initiativen, unabhängige Medien und junge Aktivisten kritisieren sowohl Hamas als auch Fatah und drängen auf Erneuerung. Ihre Handlungsspielräume sind jedoch durch die Machtkonstellation und die äußeren Rahmenbedingungen begrenzt.
Hamas, Fatah und die Zukunft der palästinensischen Politik
Die Beziehung zwischen Hamas und Fatah ist entscheidend für die Frage, wie sich die palästinensische Politik in Zukunft entwickeln kann. Solange zwei getrennte Machtzentren existieren, bleibt es schwierig, eine gemeinsame Strategie zu formulieren, legitime Vertretungsstrukturen aufzubauen und Verhandlungen oder andere politische Prozesse kohärent zu gestalten.
Viele Beobachter verknüpfen mögliche Fortschritte in Richtung innerpalästinensischer Einheit mit Reformen beider Bewegungen. Dazu zählen Transparenz, interne Demokratie, Neuwahlen und ein klareres Verhältnis zwischen politischen und bewaffneten Strukturen. Ob solche Reformen gelingen, hängt jedoch nicht allein vom Willen der Führung ab, sondern auch von Druck und Erwartungen der Bevölkerung sowie von äußeren Faktoren wie Besatzung, Blockade, regionaler Machtpolitik und internationaler Diplomatie.
Für das Verständnis des israelisch palästinensischen Konflikts ist es wichtig zu erkennen, dass Hamas und Fatah zugleich Ausdruck, Akteure und Mitgestalter dieses Konflikts sind. Ihre Rivalität, ihre jeweiligen Strategien und ihre Beziehungen zur Außenwelt beeinflussen in hohem Maß, wie sich die Situation in Gaza und im Westjordanland entwickelt und welche politischen Optionen überhaupt realistisch erscheinen.