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Überblick über die regionalen Nachbarn
Die unmittelbaren Nachbarn Israels und der palästinensischen Gebiete sind Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon und in einem weiteren Sinn auch Staaten wie Saudi-Arabien und die Golfmonarchien. Ihre Regierungen, Sicherheitsapparate und Gesellschaften haben den israelisch palästinensischen Konflikt nicht nur beobachtet, sondern aktiv geprägt. Sie boten Zuflucht für Flüchtlinge, führten Kriege gegen Israel, verhandelten Friedensverträge, unterstützten unterschiedliche palästinensische Akteure und nutzten den Konflikt immer wieder zur innenpolitischen Legitimation.
Wichtig ist, dass sich die Rolle der arabischen Staaten im Lauf der Zeit stark verändert hat. Anfangs standen militärische Konfrontation und panarabische Solidarität im Vordergrund, später traten Sicherheitsinteressen der Regime, wirtschaftliche Kooperation und Rivalitäten innerhalb der arabischen Welt stärker hervor. Diese Verschiebungen beeinflussten direkt, wie viel politischer und materieller Rückhalt Palästinenserinnen und Palästinenser erhielten.
Ägypten: Vom Frontstaat zum Sicherheitspartner
Ägypten war lange der wichtigste arabische Kontrahent Israels. Unter Gamal Abdel Nasser verstand sich das Land als führende Macht des arabischen Nationalismus. In dieser Phase galt die Befreiung Palästinas als zentraler Teil eines größeren Projekts arabischer Einheit und antiimperialistischer Politik. Ägyptische Armeen kämpften 1948, 1956, 1967 und 1973 gegen Israel. Der Gazastreifen stand vor 1967 unter ägyptischer Kontrolle, ohne dass Ägypten seine Bevölkerung als eigene Staatsbürger integrierte.
Mit dem Friedensvertrag von Camp David 1979 vollzog Ägypten einen grundlegenden Kurswechsel. Es erkannte Israel an und erhielt im Gegenzug die von Israel besetzte Sinai Halbinsel zurück. Für den israelisch palästinensischen Konflikt hatte dies mehrere Folgen. Zum einen zerbrach die gemeinsame arabische Front gegen Israel. Zum anderen verlagerte Ägypten seine Rolle von der eines Kriegsgegners zu der eines Vermittlers und Sicherheitsakteurs.
Bis heute kontrolliert Ägypten den einzigen Grenzübergang des Gazastreifens, der nicht unter israelischer Regie steht. Zugleich koordiniert Kairo seine Politik eng mit Israel, insbesondere beim Thema Blockade und Sicherheit. Ägypten vermittelt wiederholt Waffenruhen zwischen Israel und palästinensischen Gruppen, vor allem mit der Hamas. Dabei verbindet die ägyptische Führung innenpolitische Interessen mit regionalen: Sie will islamistische Bewegungen begrenzen, Stabilität sichern und sich als unverzichtbarer diplomatischer Akteur präsentieren.
Jordanien: Wächter der Westbank und der heiligen Stätten
Jordanien ist geographisch und politisch besonders eng mit der Westbank und Jerusalems religiösen Stätten verbunden. Von 1948 bis 1967 kontrollierte das haschemitische Königreich die Westbank und annektierte sie, was nicht alle arabischen Staaten anerkannten. Hunderttausende palästinensische Flüchtlinge ließen sich in Jordanien nieder. Bis heute besteht ein großer Teil der jordanischen Bevölkerung aus Menschen palästinensischer Herkunft.
Diese demographische Realität prägt die jordanische Politik. Einerseits betont das Regime seine Solidarität mit der palästinensischen Sache und verwaltet bis heute die islamischen heiligen Stätten in Ostjerusalem in Abstimmung mit Israel. Andererseits verfolgt es ein ausgeprägtes Stabilitätsinteresse und fürchtet interne Destabilisierung oder eine Verlagerung der palästinensischen Staatlichkeitsfrage auf jordanisches Territorium.
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen jordanischen Streitkräften und palästinensischen Organisationen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre verlagerte die PLO ihren Hauptsitz aus Jordanien. Später schloss Amman einen Friedensvertrag mit Israel. Jordanien koordiniert seither eng in Sicherheitsfragen, insbesondere in Bezug auf das Westjordanland. Zugleich tritt das Königshaus international als Fürsprecher eines palästinensischen Staates mit Hauptstadt in Ostjerusalem auf. Diese Doppelrolle als Sicherheitskooperationspartner Israels und als Anwalt palästinensischer Ansprüche ist für das Selbstverständnis des Regimes und sein internationales Profil zentral.
Syrien: Konfrontation, Golan und die „Widerstandsachse“
Syrien verstand sich lange als unversöhnlicher Gegner Israels. Das Land verlor im Sechstagekrieg die Golan Höhen, ein strategisch wichtiges Gebiet. Die ungelöste Frage des Golan blieb ein Kern der syrisch israelischen Feindschaft. Im Gegensatz zu Ägypten und Jordanien hat Syrien keinen Friedensvertrag mit Israel geschlossen.
Die syrische Führung nutzte den Konflikt, um ihre eigene Herrschaft zu legitimieren. Das Regime inszenierte sich als Speerspitze des Widerstands und unterstützte verschiedene palästinensische Organisationen, solange diese mit der syrischen Strategie vereinbar waren. Gleichzeitig schränkte es ihre Unabhängigkeit ein und geriet mehrfach in militärische Auseinandersetzungen mit palästinensischen Gruppen im Libanon.
Mit der Zeit wurde Syrien ein wichtiger Teil dessen, was oft als „Widerstandsachse“ bezeichnet wird. Dazu zählen auch der Iran und die libanesische Hisbollah. Palästinensische Fraktionen, die sich gegen Verhandlungen aussprachen, fanden in Damaskus zeitweise Unterstützung und Rückzugsräume. Die syrische Innenkrise seit 2011 schwächte diese Rolle, doch das Narrativ des antiisraelischen Widerstands blieb ein innenpolitisches und regionales Instrument, das von der Führung gezielt eingesetzt wird.
Libanon: Palästinensische Präsenz, Bürgerkrieg und Hisbollah
Der Libanon spielt vor allem durch die Präsenz palästinensischer Flüchtlinge und Organisationen sowie durch die Rolle der Hisbollah eine wichtige Rolle im Konflikt. Nach 1948 und besonders nach den Ereignissen von 1967 und 1970 siedelten sich viele palästinensische Flüchtlinge im Libanon an, meist in Lagern, ohne volle staatsbürgerliche Rechte. Palästinensische bewaffnete Gruppen etablierten von dort aus Stützpunkte und griffen Israel an.
Diese militärische Präsenz palästinensischer Organisationen trug zur Destabilisierung des konfessionell fragilen Libanon bei und war ein Faktor im libanesischen Bürgerkrieg. Israels Invasion 1982 zielte offiziell darauf, palästinensische Kämpfer zu vertreiben und die Bedrohung im Norden zu reduzieren. In der Folge verlagerte die PLO ihren Hauptsitz aus Beirut. Zugleich begünstigte die Dynamik der Besatzung im Südlibanon den Aufstieg der schiitischen Hisbollah, die mit iranischer und syrischer Unterstützung entstand.
Heute ist die Hisbollah die wichtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteurin an der israelischen Nordgrenze. Sie verbindet libanesische Politik, schiitische Gemeinschaftsinteressen und den Anspruch, Teil des bewaffneten Widerstands gegen Israel und Verteidigerin palästinensischer Rechte zu sein. Die libanesische Staatlichkeit bleibt schwach, und die palästinensischen Lager sind weiterhin Orte sozialer Marginalisierung und zugleich politischer Mobilisierung. Israels Konfrontationen mit der Hisbollah haben daher immer auch Auswirkungen auf die palästinensische Frage, etwa durch Solidaritätsbekundungen, militärische Koordination oder Symbolpolitik.
Saudi-Arabien und die Golfstaaten: Von Boykott zu Annäherung
Saudi-Arabien und die Golfmonarchien waren lange Zeit keine direkten Frontstaaten, doch sie beeinflussten den Konflikt über Geld, Diplomatie und religiöse Autorität. Saudi-Arabien sah sich als Hüter der heiligsten Stätten des Islams und positionierte die palästinensische Frage als zentrales Thema der muslimischen Welt. Zugleich verfolgte das Königreich eigene sicherheits und wirtschaftspolitische Interessen, insbesondere in Konkurrenz zu regionalen Rivalen wie Ägypten, Irak und Iran.
Die Golfstaaten finanzierten über Jahrzehnte palästinensische Institutionen, Hilfsprojekte und in manchen Fällen auch bestimmte politische Strömungen. Wirtschaftliche Boykotte gegen Israel sollten zusätzlichen Druck erzeugen. Mit der Zeit wandelte sich jedoch die Prioritätensetzung vieler Golfregime. Der Konflikt mit Iran, die Sorge um Regimestabilität und wirtschaftliche Modernisierung traten stärker in den Vordergrund als eine konfrontative Israelpolitik.
Dies zeigte sich in Initiativen wie dem saudischen Friedensplan von 2002, der arabische Normalisierung mit Israel im Gegenzug für einen palästinensischen Staat vorsah, und später in offenen Normalisierungsabkommen einzelner Golfstaaten mit Israel. Auch wenn Saudi-Arabien selbst länger zögerte, signalisierte die Region insgesamt, dass direkte Beziehungen zu Israel nicht mehr grundsätzlich tabu sind. Dies schwächte die traditionelle Verhandlungsposition der palästinensischen Führung, die lange auf eine geschlossene arabische Front gesetzt hatte, und erhöhte den Druck, eigene Strategien neu zu denken.
Irak und andere arabische Akteure
Der Irak war vor allem in den Jahrzehnten vor dem Sturz Saddam Husseins ein lauter Verfechter der palästinensischen Sache. Das Regime nutzte antiisraelische und antizionistische Rhetorik, unterstützte bestimmte palästinensische Gruppen finanziell und versuchte, sich als alternative Führungsmacht der arabischen Welt zu inszenieren. Gleichzeitig lagen die direkten militärischen und geografischen Verbindungen zum Konfliktgebiet weiter entfernt als bei den unmittelbaren Nachbarstaaten. Mit den Kriegen und inneren Zerrüttungen seit den 1990er Jahren verlor der Irak an Einfluss, auch in Bezug auf Palästina.
Andere arabische Staaten wie Algerien, Marokko oder Tunesien waren geografisch entfernt, engagierten sich jedoch diplomatisch und in regionalen Organisationen. Sie unterstützten Resolutionen, spendeten Hilfsgelder und boten in einzelnen Phasen auch Verhandlungsorte. Dennoch hatten ihre Handlungen im Allgemeinen weniger direkten Einfluss auf die Sicherheitslage vor Ort als die Politik der unmittelbaren Nachbarn.
Arabische Liga, gemeinsame Positionen und Bruchlinien
Die arabischen Staaten versuchten wiederholt, ihre Haltung zum israelisch palästinensischen Konflikt in gemeinsamen Foren zu koordinieren. Zentral ist hierbei die Arabische Liga. Sie verabschiedete früh Boykottmaßnahmen gegen Israel, unterstützte Resolutionen zugunsten palästinensischer Rechte und erklärte die palästinensische Sache zu einer gemeinsamen arabischen Angelegenheit.
Hinter dieser offiziellen Einheit verbargen sich jedoch viele Bruchlinien. Unterschiedliche Regimetypen, Rivalitäten um Führungsrollen, divergierende Sicherheitsinteressen und außenpolitische Bündnisse führten dazu, dass die praktische Politik stark auseinanderlief. Während manche Staaten direkte Kriege gegen Israel führten, suchten andere frühzeitig nach stillen Kontakten. Während einige Regime bewaffnete palästinensische Gruppen förderten, sahen andere sie als Bedrohung der eigenen Stabilität.
Diese Spannungen hatten unmittelbare Folgen für die Palästinenserinnen und Palästinenser. Je nach Aufenthaltsland unterschieden sich ihre rechtliche Stellung, Bewegungsfreiheit und politischen Möglichkeiten deutlich. Außerdem beeinflusste die Uneinigkeit der arabischen Staaten, wie geschlossen palästinensische Forderungen international präsentiert werden konnten.
Innenpolitische Nutzung der Palästina-Frage
In vielen arabischen Staaten fungierte der israelisch palästinensische Konflikt als innenpolitischer Bezugspunkt. Regierungen nutzten ihn häufig, um von sozialen und wirtschaftlichen Problemen abzulenken oder um sich als Verteidiger der arabischen und islamischen Identität zu präsentieren. Oppositionelle Bewegungen wiederum griffen die Palästina Frage auf, um die Legitimität ihrer Regierungen zu kritisieren und diese als zu kompromissbereit oder als abhängig von westlichen Mächten darzustellen.
Diese Instrumentalisierung hatte ambivalente Folgen. Einerseits hielt sie die palästinensische Frage dauerhaft in der öffentlichen Debatte präsent. Andererseits verhinderte sie oft eine nüchterne Diskussion über realistische Lösungswege, da symbolische Positionierungen wichtiger erschienen als konkrete Verbesserungen für das Leben der Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten.
Wandel von Solidarität zu Eigeninteresse
Über viele Jahrzehnte definierten arabische Staaten ihre Rolle im Konflikt stark über den Begriff der Solidarität mit Palästina. Im Laufe der Zeit verschob sich der Schwerpunkt hin zu eigenständigen nationalen Interessen. Friedensverträge, Sicherheitskooperationen, Normalisierungsabkommen und wirtschaftliche Projekte mit Israel verdeutlichen, dass Regimeüberleben, regionale Rivalitäten und Globalisierung oft schwerer wogen als ein strikt gemeinsamer arabischer Kurs.
Für den Konflikt selbst bedeutet dies, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser weniger auf geschlossene regionale Unterstützung zählen können und ihre Lage stärker von bilateralen Beziehungen und globalen Machtkonstellationen abhängt. Zugleich bleiben die arabischen Gesellschaften emotional und politisch eng mit dem Thema verbunden. Öffentliche Meinung, religiöse Autoritäten und zivilgesellschaftliche Akteure in den Nachbarstaaten üben weiterhin Druck auf ihre Regierungen aus und halten die palästinensische Frage als moralische und politische Herausforderung lebendig.