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Leben, Gesellschaft und Kultur

Einleitung: Gesellschaft im Schatten des Konflikts

Leben, Gesellschaft und Kultur in Israel und Palästina entfalten sich nicht nur im Angesicht eines politischen Konflikts, sondern auch trotz ihm. Menschen gehen zur Arbeit, gründen Familien, hören Musik, schreiben Gedichte und scrollen durch ihre Handys, während gleichzeitig Checkpoints, Raketenalarme, Sirenen, Militärpräsenz, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Spannungen den Alltag prägen. Wer den Konflikt nur über Karten, Abkommen und Kriege betrachtet, verpasst den Kern: Es sind konkrete Menschen mit komplexen Biografien, die in diesen Strukturen leben.

Dieses Kapitel richtet den Blick auf die gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen in Israel und Palästina, ohne die politischen und historischen Fragen im Detail zu wiederholen. Es geht darum zu verstehen, wie verschiedene Gruppen ihren Alltag organisieren, wie sie sich selbst sehen, wie sie einander wahrnehmen und wie Kultur sowohl trennen als auch Brücken schlagen kann.

Demografische Vielfalt und Alltagsräume

Der israelisch-palästinensische Raum ist dicht besiedelt und ethnisch, religiös und sprachlich vielfältig. Auf engem geografischem Raum leben Juden verschiedener Herkunft, palästinensische Araber, christliche Minderheiten, Drusen, Beduinen und weitere Gruppen. Diese Vielfalt spiegelt sich in Wohnorten, Sprachen, Bildungssystemen und Alltagsräumen.

In Israel leben jüdische Israelis mit unterschiedlichen Hintergründen. Es gibt Nachfahren europäischer Juden, die meist als Aschkenasim bezeichnet werden, und Nachfahren von Juden aus dem Nahen Osten und Nordafrika, die häufig als Mizrachim kategorisiert werden. Hinzu kommen Einwanderungsgruppen wie russischsprachige Juden, äthiopische Juden und seit den letzten Jahrzehnten auch Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Teilen der Welt, oft mit prekärem Aufenthaltsstatus. Daneben lebt eine große arabische Minderheit mit israelischer Staatsbürgerschaft im Land, die sich meist als Palästinenser, arabische Israelis oder in einer Mischform dieser Begriffe versteht.

Auf palästinensischer Seite gibt es die Bevölkerung im Westjordanland und im Gazastreifen mit ihren unterschiedlichen lokalen Identitäten, von Städten wie Hebron, Nablus oder Ramallah bis zu Lagern, die aus der Flüchtlingszeit stammen. Hinzu kommt Ostjerusalem mit seinem besonderen rechtlichen und politischen Status, sowie die große palästinensische Diaspora, die zwar räumlich oft weit entfernt lebt, kulturell und emotional jedoch stark verbunden bleibt.

Die physischen Räume der Menschen sind häufig getrennt. Jüdische Israelis und Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft teilen zwar Städte wie Haifa, Jaffa oder Akko, erleben dort aber oft getrennte Nachbarschaften, Schulsysteme und gesellschaftliche Netzwerke. Im Westjordanland sind palästinensische Städte, Dörfer und Flüchtlingslager einerseits und israelische Siedlungen andererseits vielfach durch Straßennetze, Checkpoints und Sperranlagen voneinander getrennt. Diese räumliche Segmentierung prägt Begegnungen, Berührungspunkte und auch gegenseitige Unkenntnis.

Sprache, Medien und geteilte Kommunikationsräume

Sprache ist in dieser Region nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch Identitätsmarker. Hebräisch und Arabisch sind zentrale Sprachen, beide mit tiefer religiöser und kultureller Tradition. In Israel haben Hebräisch und Arabisch rechtlich einen besonderen Status, im Alltag dominiert jedoch Hebräisch die meisten staatlichen und öffentlichen Bereiche. Arabisch ist Muttersprache der meisten Palästinenser, aber auch vieler Drusen und Beduinen. Englisch, Russisch und weitere Sprachen sind in bestimmten Milieus präsent.

Die Sprachtrennung wirkt sich auf Medienkonsum und Informationswelten aus. Viele Jüdinnen und Juden in Israel verfolgen hauptsächlich hebräischsprachige Medien, während Palästinenser arabischsprachige Sender, Zeitungen und Onlineplattformen nutzen. So entstehen parallele Informationsräume, die von unterschiedlichen Narrativen, Begriffen und Prioritäten geprägt sind. In den Sozialen Medien begegnen sich diese Welten teilweise, oft aber in polarisierten Debatten.

Gleichzeitig gibt es Nischen, in denen Zweisprachigkeit gelebt wird. Dazu zählen zweisprachige Schulen, kulturelle Initiativen, Theaterprojekte oder journalistische Plattformen, die Texte parallel auf Hebräisch und Arabisch veröffentlichen. Dort entstehen Räume, in denen Menschen versuchen, die sprachliche Barriere bewusst zu überwinden oder zumindest transparent zu machen. Doch diese Initiativen bleiben in der Regel Minderheitsprojekte, die von der gesamtgesellschaftlichen Trennung nicht aufgehoben werden.

Familie, Geschlechterrollen und soziale Normen

In vielen Teilen der Gesellschaft, sowohl in Israel als auch in Palästina, spielen Familie und Verwandtschaftsnetzwerke eine zentrale Rolle. Sie bieten ökonomische, emotionale und soziale Sicherheit, gerade in einem Kontext von Unsicherheit und wiederkehrenden Krisen. Großfamilien und enge Nachbarschaften können im Alltag Unterstützung bei der Kinderbetreuung, Jobsuche, Pflege älterer Angehöriger und in Konfliktsituationen leisten.

Gleichzeitig gibt es Spannungen zwischen traditionellen Rollenbildern und modernen Lebensentwürfen. In vielen palästinensischen Gemeinden, insbesondere in ländlichen Regionen und in manchen Flüchtlingslagern, sind patriarchale Strukturen stark. Männer gelten oft als Hauptverdiener, Frauen als primär für Haushalt und Kinder zuständig, auch wenn die Realität häufig vielfältiger ist. Bildung und Beschäftigung von Frauen nehmen zu, doch sie stoßen oft auf gesellschaftliche Erwartungen und Einschränkungen.

Auch in jüdischen israelischen Kontexten gibt es ein breites Spektrum an Familienmodellen und Geschlechterrollen, von säkularen Milieus mit hoher Erwerbstätigkeit von Frauen bis zu ultraorthodoxen Gemeinschaften mit streng getrennten Lebenswelten für Männer und Frauen. In letzteren verbringen Männer viel Zeit mit religiösem Studium, während Frauen häufig Erwerbsarbeit übernehmen und zugleich für den Haushalt zuständig sind. In säkularen urbanen Zentren wie Tel Aviv werden hingegen alternative Lebensformen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und individuelle Karrierewege sichtbarer.

Der Konflikt und der Sicherheitsdiskurs beeinflussen Geschlechterrollen zusätzlich. Männlichkeit ist auf beiden Seiten oft mit der Figur des Kämpfers, Beschützers oder Widerstandskämpfers verknüpft. Weiblichkeit wiederum wird nicht nur über Familie, sondern auch über Bilder der trauernden Mutter, der politisch aktiven Studentin oder der Frau im Widerstand definiert. Diese Rollenbilder sind umkämpft und werden in Medien, Musik, Literatur und politischer Propaganda immer wieder reproduziert oder kritisch hinterfragt.

Religion im Alltag: Zwischen Frömmigkeit und Säkularität

Die Region ist religiös vielfältig und für Judentum, Christentum und Islam von fundamentaler Bedeutung. Im Alltag existieren stark unterschiedliche Formen von Religiosität und Säkularität nebeneinander.

Unter jüdischen Israelis gibt es ultraorthodoxe Gemeinschaften mit strengen Kleidervorschriften, getrennten Geschlechterräumen und stark kollektiv geprägten Lebensweisen. Daneben leben nationale religiöse Gruppen, die religiöse Praxis mit einer starken politischen Bindung an das Land verbinden. Säkular geprägte Israelis wiederum orientieren sich oft kulturell an jüdischen Traditionen, ohne im Alltag besonders religiös zu sein. Sie feiern zum Beispiel jüdische Feiertage, sehen sie aber eher als kulturelle als als religiöse Praxis.

Unter Palästinensern spielt der Islam eine prägende Rolle, wobei das Spektrum von konservativen bis zu säkularen Lebensentwürfen reicht. Moscheen, religiöse Feste und Rituale strukturieren den Alltag vieler Menschen. Gleichzeitig gibt es palästinensische Christen, die eigene kirchliche Traditionen, Kalender und kulturelle Praktiken pflegen und oft eine wichtige Rolle in Bildung und zivilgesellschaftlichen Institutionen spielen.

Religiöse Feiertage beeinflussen den Rhythmus des Jahres. Jüdische Feiertage wie Pessach, Jom Kippur oder Sukkot verändern Verkehrsflüsse, Ladenöffnungszeiten und öffentliche Rituale. Muslimische Feste wie Ramadan und Eid al-Fitr verändern Essensgewohnheiten, Tagesabläufe und soziale Begegnungen im palästinensischen Alltag. Christliche Feste wie Weihnachten und Ostern prägen insbesondere Städte wie Bethlehem, Nazareth und Jerusalem. In einer Stadt wie Jerusalem überschneiden sich diese Zyklen und schaffen eine komplexe religiöse Topografie, in der Gebete, Prozessionen und Pilgerströme einander begegnen.

Religion ist zugleich Quelle von Trost, Gemeinschaft und Sinn, aber auch Konfliktfeld. Religiöse Führer, Symbole und heilige Stätten sind in politische Auseinandersetzungen verwickelt. Gleichzeitig entstehen aus religiöser Motivation auch Dialoginitiativen, Friedensgebete und Versuche, Gewalt im Namen der Religion zurückzuweisen.

Bildung, Schule und Jugend

Das Bildungssystem spiegelt in beiden Gesellschaften Trennlinien und Hoffnungen gleichermaßen. In Israel existieren parallele Schulsysteme für jüdische und arabische Kinder, dazu spezielle religiöse und ultraorthodoxe Schulen. Lehrpläne, Schulbücher und Unterrichtssprache sind nicht nur pädagogische Entscheidungen, sondern auch Orte der Geschichtserzählung und Identitätsbildung. Begriffe wie „Unabhängigkeitskrieg“ und „Nakba“ oder die Darstellung von Landkarten und historischen Ereignissen sind hochpolitisch und werden entsprechend unterschiedlich vermittelt.

Im Westjordanland und im Gazastreifen folgt das palästinensische Bildungssystem eigenen Lehrplänen, die ebenfalls eine bestimmte nationale Erzählung transportieren. Schulen dort stehen unter dem Einfluss finanzieller Engpässe, Mobilitätseinschränkungen und gelegentlicher Gewalt. Der Weg zur Schule kann durch Checkpoints, Straßensperren oder militärische Präsenz erschwert sein, im Gazastreifen kommt die Zerstörung von Infrastruktur in Folge von Militäroperationen hinzu.

Für viele Jugendliche ist Bildung gleichzeitig Hoffnung und Belastung. Sie sehen in Abschlüssen einen möglichen Ausweg aus wirtschaftlicher Unsicherheit und eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Gleichzeitig empfinden sie Frustration, wenn Arbeitsmärkte begrenzt sind oder wenn militärischer Dienst, politische Instabilität und Emigrationswünsche Planungssicherheit untergraben.

Universitäten spielen auf beiden Seiten eine wichtige Rolle als Orte politischer Debatten, kultureller Aktivitäten und sozialer Netzwerke. Israelische Universitäten sind international stark vernetzt, palästinensische Hochschulen stehen meist unter schwierigeren Bedingungen, dienen aber als zentrale Orte für die Ausbildung einer intellektuellen und politischen Elite. Studierendenbewegungen, akademische Kooperationen und Boykottaufrufe wirken in diesen Kontext hinein und beeinflussen den akademischen Alltag.

Wirtschaftlicher Alltag, Arbeit und Ungleichheiten

Ökonomische Realitäten strukturieren den Alltag stark und sind eng mit politischen Rahmenbedingungen verknüpft, ohne dass hier die politischen Details erneut im Vordergrund stehen sollen. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen dem wirtschaftlichen Niveau in Israel und in den palästinensischen Gebieten, aber auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften.

Israel verfügt über Sektoren mit hoher technologischer Entwicklung, eine dynamische Start-up-Szene, eine exportorientierte Landwirtschaft und eine umfangreiche Dienstleistungswirtschaft. Gleichzeitig existieren soziale Ungleichheiten, etwa zwischen zentralen Städten und peripheren Regionen, zwischen wohlhabenden Gruppen und benachteiligten Minderheiten, zwischen säkularen und ultraorthodoxen Gemeinschaften oder zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

In den palästinensischen Gebieten prägen Arbeitslosigkeit, Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, Abhängigkeit von internationalen Hilfsgeldern und politische Unsicherheit den wirtschaftlichen Alltag. Viele Menschen im Westjordanland pendeln, wenn möglich, zur Arbeit in israelische Städte oder Siedlungen, was von Genehmigungen und Sicherheitslage abhängt. Im Gazastreifen sind Arbeitsmöglichkeiten stark eingeschränkt, was zu hoher Jugendarbeitslosigkeit, informellen Tätigkeiten und einem Gefühl von perspektivloser Stagnation führt.

Auch im informellen Bereich entstehen jedoch vielfältige Ökonomien, von kleinen Läden, Märkten und Handwerksbetrieben bis zu digitalen Dienstleistungen. Geldüberweisungen aus der Diaspora sind ein wichtiger Faktor für viele palästinensische Familien. In Israel versuchen Menschen mit niedrigem Einkommen, etwa viele arabische Israelis oder neue Einwanderer, durch mehrere Jobs, familiäre Netzwerke und lokale Selbsthilfeangebote ihre Lebenssituation zu stabilisieren.

Ökonomische Ungleichheit hat Auswirkungen auf Wohnsituation, Gesundheit, Freizeitmöglichkeiten und Zukunftschancen. Sie beeinflusst, ob Kinder in überfüllten Klassenzimmern oder gut ausgestatteten Schulen lernen, ob Familien Zugang zu qualitativ guter medizinischer Versorgung haben und ob junge Erwachsene sich eine Wohnung in der Nähe ihrer Arbeitsstelle leisten können.

Urbanes und ländliches Leben

Die Lebensrealität in einem kosmopolitischen Zentrum wie Tel Aviv unterscheidet sich stark von der in einem Dorf im südlichen Hebrongebirge oder einem Flüchtlingslager bei Nablus. Tel Aviv präsentiert sich als moderne Küstenmetropole mit lebhafter Kulturszene, Start-ups, Nachtleben und relativer gesellschaftlicher Liberalität. Für viele Israelis ist sie Symbol einer global ausgerichteten, urbanen Identität. Gleichzeitig wird sie von anderen als „Blase“ wahrgenommen, die sich zu wenig für die Realität in anderen Regionen interessiert.

In Jerusalem überlagern sich religiöse, nationale und ethnische Spannungen unmittelbar im Stadtbild. Jüdische, muslimische und christliche Viertel, architektonische Schichten verschiedener Epochen und unterschiedliche Rechts- und Verwaltungszuständigkeiten machen den Alltag hier besonders komplex. Die Stadt ist ein Ort intensiver Symbolik, zugleich aber auch eine Stadt mit Schulen, Krankenhäusern, Märkten und Verkehrsstau.

Palästinensische Städte wie Ramallah, Bethlehem oder Gaza-Stadt haben jeweils ihre eigene Dynamik. Ramallah hat sich zum Verwaltungs- und Kulturzentrum der palästinensischen Autonomiegebiete entwickelt, mit Cafés, Kulturzentren und einer aktiven NGO- und Kunstszene. Flüchtlingslager in und um diese Städte sind dicht bebaute Räume, in denen begrenzte Infrastruktur, Armut und zugleich ein intensives Gemeinschaftsleben nebeneinander existieren.

Ländliche Gebiete in Israel und in den palästinensischen Gebieten sind häufig von Landwirtschaft, engeren sozialen Strukturen und konservativeren Normen geprägt. Beduinische Gemeinden im Negev, palästinensische Dörfer im Westjordanland oder jüdische landwirtschaftliche Kollektive unterscheiden sich stark in Eigentumsverhältnissen, Infrastruktur und staatlicher Unterstützung. Wasserzugang, Landnutzung und Mobilität sind hier zentrale Alltagsthemen.

Kunst, Musik, Literatur und Popkultur

Kulturelle Produktion ist ein Schlüsselfenster in die Erfahrungen der Menschen. In Israel und Palästina existiert eine lebendige Kunstszene, die sowohl Alltagsfragen als auch Traumata und politische Spannungen verarbeitet.

In der hebräischen Literatur werden Familiengeschichten, die Einwanderung aus verschiedenen Ländern, der Militärdienst, der Konflikt und Fragen von Identität und Zugehörigkeit verhandelt. Romane, Gedichte und Theaterstücke setzen sich mit der Spannung zwischen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortung, zwischen Erinnerung an Verfolgung und der Realität militärischer Macht auseinander.

Palästinensische Literatur thematisiert häufig Vertreibung, Exil, Lagererfahrungen und das Leben unter Besatzung sowie Fragen von Heimat, Rückkehr und innerer Zerrissenheit zwischen unterschiedlichen Lebenswelten. Lyrik hat eine besonders wichtige Rolle in der palästinensischen Kultur, ebenso Erzählprosa, die Familien- und Stadtgeschichten konserviert.

Musik ist auf beiden Seiten Ausdruck von Freude, Trauer und Protest. Israelische Popmusik verbindet hebräische Texte mit globalen Musikstilen. Mizrachische Musik integriert arabische Melodien und Rhythmen und spiegelt die Herkunft vieler jüdischer Israelis aus dem Nahen Osten wider. Palästinensische Musiker greifen traditionelle Formen wie Dabke-Tanzmusik ebenso auf wie Rap und Hip-Hop, in denen Jugendliche ihre Wut, Frustration und Hoffnungen artikulieren.

Film und Dokumentation sind weitere wichtige Medien. Israelische Filme setzen sich oft kritisch mit Militär und Gesellschaft auseinander, palästinensische Filme zeigen das Leben im Alltag unter Restriktionen oder im Exil. Internationale Filmfestivals werden genutzt, um diese Perspektiven einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Gleichzeitig steht Kultur immer wieder im Spannungsfeld von Zensur, politischem Druck, Boykotten und Finanzierungsfragen.

Religion, Identität und queere Lebenswelten

Identität wird in Israel und Palästina durch komplexe Verflechtungen von Religion, Nation, Ethnie, Geschlecht und sozialer Schicht geprägt. Viele Menschen definieren sich zuerst als Juden, Muslime oder Christen, andere primär als Israelis oder Palästinenser, wieder andere als säkulare, linke, konservative, städtische oder ländliche Individuen. Identität ist in ständiger Aushandlung, sowohl im privaten Umfeld als auch in der Öffentlichkeit.

Queere Lebenswelten existieren ebenso, wenn auch unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. In Städten wie Tel Aviv ist eine sichtbare LGBTQ+-Szene entstanden, mit Pride-Paraden, Bars und kulturellen Veranstaltungen. Dennoch sollen diese Räume nicht romantisiert werden, da Diskriminierung, religiös begründete Ablehnung und familiärer Druck fortbestehen. In konservativeren Teilen der israelischen Gesellschaft und in vielen palästinensischen Kontexten ist ein offen queeres Leben mit erheblichen Risiken verbunden, von gesellschaftlicher Ächtung bis hin zu Gewalt.

Für queere Palästinenser, sowohl in den palästinensischen Gebieten als auch innerhalb Israels, ist die Lage oft besonders komplex. Sie sind nicht nur mit homophoben Einstellungen konfrontiert, sondern stehen auch zwischen nationalen Loyalitäten und dem Wunsch nach Schutz oder Anerkennung in einem Umfeld, das selbst politisch polarisiert ist. Manche suchen Anonymität im Internet oder in urbanen Zentren, andere engagieren sich in kleinen, oft informellen Unterstützungsnetzwerken.

Graswurzelinitiativen und alltägliche Begegnungen

Neben offiziellen Verhandlungen und bewaffneten Auseinandersetzungen existiert eine Vielzahl von zivilgesellschaftlichen Initiativen, die im Alltag versuchen, Brücken zu bauen. Lehrerinnen, Künstler, Medizinerinnen oder Studierende organisieren gemeinsame Projekte, Dialoggruppen, Sprachkurse, Theaterworkshops und Sportturniere, in denen Israelis und Palästinenser einander begegnen. Oft finden diese Aktivitäten in Randbereichen statt, etwa über NGOs, Friedensgruppen, religiöse Dialogforen oder internationale Programme.

Diese Initiativen stoßen auf Hindernisse. Es gibt Misstrauen, rechtliche und sicherheitsrelevante Hürden, gesellschaftliche Kritik oder Vorwürfe der Normalisierung, also der Akzeptanz einer als ungerecht empfundenen Situation. Trotzdem zeigen sie, dass jenseits offener Feindseligkeit auch Räume existieren, in denen gemeinsame Interessen, Neugier und Empathie sichtbar werden.

Auch jenseits organisierter Projekte gibt es alltägliche Kontakte. In Krankenhäusern, an Universitäten, auf Baustellen, Märkten oder in gemischten Stadtvierteln begegnen sich Menschen beider Seiten. Diese Kontakte sind oft pragmatisch und nicht frei von Vorurteilen, können aber Erfahrungen schaffen, die den rein abstrakten Blick auf „die Anderen“ durchbrechen.

Alltag mit Unsicherheit: Trauma, Resilienz und Humor

Leben im Kontext dieses Konflikts bedeutet, mit erhöhter Unsicherheit zu leben. Für viele jüdische Israelis gehören Raketenalarme, Wehrdienst, Angst vor Anschlägen und das Gefühl permanenter Bedrohung zur Lebensrealität. Für viele Palästinenser zählen nächtliche Razzien, Checkpoints, Ausgangssperren, Beschuss oder das Erleben von Gewalt durch Sicherheitskräfte oder militante Gruppen zum Hintergrundrauschen ihres Alltags.

Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren. Traumata können sich in Angststörungen, Schlafproblemen, Misstrauen und generationsübergreifenden Belastungen zeigen. Kinder wachsen mit Erzählungen und Bildern auf, die ihre Sicht auf die Welt prägen, lange bevor sie politische Zusammenhänge verstehen. Psychosoziale Unterstützung, therapeutische Angebote und kollektive Rituale des Gedenkens spielen in beiden Gesellschaften eine wichtige Rolle, sind aber nicht immer ausreichend verfügbar.

Gleichzeitig entwickeln Menschen Strategien der Resilienz. Familie, Religion, Humor, Musik, Kunst und Freundschaften helfen, mit der Belastung umzugehen. Schwarzer Humor ist verbreitet, etwa Witze über Luftschutzräume, Stromausfälle oder bürokratische Absurditäten. Sozialer Zusammenhalt in Krisenzeiten, etwa beim Teilen von Lebensmitteln, beim Organisieren von Notunterkünften oder im spontanen Aufbau von Hilfsnetzwerken, ist ein wichtiger Bestandteil des Gemeinschaftsgefühls.

Fazit: Alltägliche Normalität im Ausnahmezustand

Leben, Gesellschaft und Kultur im israelisch-palästinensischen Kontext sind durch eine paradoxe Gleichzeitigkeit gekennzeichnet. Es gibt Kriege, Besatzung, Gewalt und tiefe Ungerechtigkeiten, aber zugleich Geburtstagsfeiern, Prüfungsstress, Liebesgeschichten, Fernsehserien, Fußballspiele und Familienausflüge. Menschen arrangieren sich mit den Bedingungen, fordern sie heraus, reproduzieren sie oder versuchen, sie zu verändern.

Wer diesen Konflikt verstehen will, sollte daher nicht nur auf Karten, UNO-Resolutionen und Waffenstillstandslinien blicken, sondern auch auf Klassenzimmer, Wohnzimmer, Märkte, Theaterbühnen und Social-Media-Feeds. Dort zeigt sich, wie tiefgreifend Politik in das Alltagsleben eindringt, aber auch, wie stark der Wunsch nach einem einigermaßen normalen Leben ist.

In den gesellschaftlichen und kulturellen Praktiken, in Sprache, Ritualen, Kunstwerken und sozialen Beziehungen wird verhandelt, wer „wir“ sind, wer „die anderen“ sind und ob es vorstellbar ist, eines Tages in anderen Begriffen über diese Region zu sprechen.

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