Table of Contents
Vielfalt von Identitäten
In Israel und in den palästinensischen Gebieten treffen viele Identitäten aufeinander. Menschen definieren sich nicht nur über nationale Zugehörigkeit, sondern auch über Religion, Sprache, Herkunft, Klasse, Geschlecht und politische Haltung. Diese Ebenen überlagern sich und können je nach Kontext wichtiger oder unwichtiger werden.
Für viele jüdische Israelis ist die jüdische Identität zugleich religiös, kulturell und national. Man kann säkular sein und sich dennoch stark als jüdisch verstehen, etwa über Familiengeschichten, Feiertage, Sprache oder die Erinnerung an Verfolgung. Andere definieren Jüdischsein vor allem religiös und orientieren ihren Alltag an religiösen Geboten.
Auf palästinensischer Seite verbindet sich die nationale Identität häufig mit der Erfahrung von Vertreibung, Besatzung und sozialer Verwurzelung in einem bestimmten Ort oder Dorf. Palästinenserinnen und Palästinenser können Muslime, Christen oder seltener Angehörige anderer Glaubensrichtungen sein, und auch hier gibt es säkulare, religiöse und stark traditionalistische Ausprägungen.
Zwischen allen Gruppen existieren Spannungen darüber, wie viel Raum Religion in Politik und Öffentlichkeit einnehmen soll. Zugleich spiegeln religiöse und nationale Identitäten einen tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit und kollektiver Kontinuität.
Religion als persönlicher Glaube und als kollektive Zugehörigkeit
Religion spielt in der Region eine doppelte Rolle. Einerseits ist sie für viele Menschen persönlicher Glaube und spirituelle Praxis. Andererseits ist sie ein Marker kollektiver Zugehörigkeit und politischer Grenzziehung.
Im jüdischen Kontext ist der Begriff des „Volkes Israel“ historisch eng mit religiösen Überlieferungen verknüpft. Selbst säkulare Menschen greifen häufig auf religiöse Symbole zurück, etwa an Feiertagen wie Pessach oder Jom Kippur, die oft als Familienereignisse verstanden werden. Religiöse Praktiken wie das Einhalten von Speisegesetzen oder des Schabbats sind für manche alltägliche Routine, für andere kulturelles Symbol ohne strikte Befolgung.
Im muslimisch-palästinensischen Kontext verbindet sich religiöse Praxis häufig mit sozialem Leben. Moscheen sind nicht nur Orte des Gebets, sondern auch Treffpunkte. Der Ramadan beeinflusst den sozialen Rhythmus des Jahres, auch für weniger religiöse Menschen, etwa durch gemeinsame Iftar-Mahlzeiten nach Sonnenuntergang. Islamische Sprache und Bilder sind in politischen Parolen genauso präsent wie in privater Frömmigkeit.
Christliche Palästinenserinnen und Palästinenser verbinden ihre religiöse Identität oft mit einer langen lokalen Tradition. Viele sehen sich als Nachfahren der frühen Christen und verknüpfen kirchliche Feste und Rituale mit einem starken Bezug zu bestimmten Städten und Dörfern. Kirchen übernehmen neben spirituellen Aufgaben auch soziale Funktionen etwa in Bildung und Wohlfahrt.
Für alle drei Religionsgemeinschaften gilt, dass Religion häufig nicht klar von Kultur zu trennen ist. Gebräuche, die eine religiöse Herkunft haben, werden auch von Menschen gepflegt, die sich selbst als nicht religiös sehen.
Staat, Religion und rechtliche Ordnung in Israel
In Israel ist das Verhältnis von Religion und Staat besonders sichtbar. Der Staat definiert sich als „jüdisch und demokratisch“. Das führt zu einer Mischung aus demokratischen Institutionen und religiös geprägten Elementen.
Im Personenstandsrecht spielen religiöse Institutionen eine wichtige Rolle. Ehen und Scheidungen werden für Juden, Muslime und Christen jeweils vor den entsprechenden religiösen Gerichten geregelt. Zivile Eheschließungen im Inneren des Landes sind nicht möglich, sodass gemischtreligiöse oder säkulare Paare oft im Ausland heiraten. Diese Regelung macht deutlich, wie stark Religion in das private Leben eingreifen kann.
Der Schabbat prägt den öffentlichen Raum. In vielen Städten des Landes ruht am Schabbat ein Teil des öffentlichen Lebens, vor allem im jüdischen Kernland. Geschäfte sind geschlossen, der öffentliche Verkehr eingeschränkt. Gleichzeitig gibt es Unterschiede zwischen streng religiösen Vierteln und eher säkularen Städten, in denen Cafés und Kinos geöffnet bleiben.
Politisch organisieren sich religiöse Gruppen in eigenen Parteien, die Einfluss auf Koalitionen und Gesetze haben. Fragen wie Militärdienstbefreiung für ultraorthodoxe Männer, Finanzierung religiöser Bildung oder Öffnung des öffentlichen Verkehrs am Schabbat sind regelmäßig Gegenstand heftiger innenpolitischer Debatten. Dahinter steht ein Ringen darum, wie viel religiöse Normen die gesamte Gesellschaft prägen sollen.
Gesellschaftliche Rolle von Religion bei Palästinensern
Bei den Palästinensern ist Religion ebenfalls gesellschaftlich prägend, aber der institutionelle Rahmen ist anders. Die palästinensische Gesellschaft ist in sich religiös vielfältig und steht zugleich unter dem Einfluss von Besatzung, innerpalästinensischer Spaltung und eingeschränkter Selbstbestimmung.
Im Westjordanland, unter der Palästinensischen Autonomiebehörde, existiert ein rechtliches Nebeneinander aus religiösen Familiengerichten und zivilen Strukturen. Islamische und christliche Gerichte behandeln etwa Fragen von Heirat, Scheidung oder Erbe. Religiöse Autoritäten haben damit einen direkten Einfluss auf familiäre Lebensentscheidungen.
Im Gazastreifen prägt die Herrschaft islamistischer Kräfte den öffentlichen Raum stärker religiös. Bestimmte Formen der Geschlechtertrennung, Kleidervorschriften oder die Rolle islamischer Wohlfahrtsorganisationen zeigen, wie Religion als moralischer und sozialer Ordnungsrahmen genutzt wird. Zugleich gibt es auch dort unterschiedliche Grade der Religiosität und Menschen, die religiöse Vorschriften lockerer interpretieren.
In Ostjerusalem und unter israelischer Herrschaft lebende Palästinenserinnen und Palästinenser erleben ein komplexes Zusammenspiel: religiöse Zugehörigkeit, palästinensische Identität und rechtliche Statusfragen greifen ineinander. Religiöse Feste wie Eid al-Fitr oder Weihnachten in Bethlehem haben neben der spirituellen auch eine politische Dimension, da sie häufig zur Demonstration von Präsenz und Verwurzelung im Land genutzt werden.
Heilige Orte im gesellschaftlichen Alltag
Die religiöse Bedeutung Jerusalems, Hebrons, Bethlehems und anderer Orte prägt nicht nur die große Politik, sondern auch den Alltag vieler Menschen. Heilige Stätten sind Pilgerziele, Orte des Gebets, aber auch Schauplätze von Spannungen.
In Jerusalem überlagern sich jüdische, muslimische und christliche Ansprüche. Der Zugang zu heiligen Stätten wie der Westmauer, dem Al-Aqsa-Gelände oder der Grabeskirche ist nicht nur eine Glaubensfrage, sondern auch eine Frage von Bewegungsfreiheit und politischer Kontrolle. Religiöse Feiertage verstärken diese Dynamik, wenn große Menschenmengen zusammenkommen.
Für gläubige Jüdinnen und Juden ist der Besuch heiliger Orte Teil einer religiösen Praxis, zugleich auch Ausdruck nationaler Verbundenheit. Religiöse Schulklassen, Soldaten und Touristengruppen erscheinen gemeinsam an solchen Stätten. Für Palästinenserinnen und Palästinenser sind Moscheen und Kirchen in der Altstadt von Jerusalem oder in Städten wie Bethlehem oft schwer zugänglich, da militärische Kontrollpunkte und Genehmigungspflichten Bewegungen einschränken.
Diese Realität führt dazu, dass der physische Zugang zu einem heiligen Ort selbst als religiöses und politisches Symbol verstanden wird. Ein einfacher Besuch zum Gebet kann sich in der Wahrnehmung der Beteiligten wie eine Behauptung von Rechten und Identität anfühlen.
Minderheiten und komplexe Zugehörigkeiten
In der Region leben viele Gruppen, die einfachen Zuordnungen entgleiten. Sie machen deutlich, wie vielfältig das Geflecht von Religion, Sprache und Identität ist.
In Israel zählen dazu unter anderem Drusen, Bahai, samaritanische Gemeinden und verschiedene christliche Gemeinschaften. Drusen etwa sprechen in der Regel Arabisch, dienen im israelischen Militär und haben eine eigene, nicht öffentlich missionierende religiöse Tradition. Viele definieren sich zugleich als arabisch, drusisch und israelisch. Wie diese Elemente gewichtet werden, kann von Familie zu Familie variieren.
Christliche Araberinnen und Araber sind sowohl in Israel als auch in den besetzten Gebieten präsent. Sie teilen mit muslimischen Palästinensern viele Aspekte der Kultur und der nationalen Identität. Gleichzeitig pflegen sie eigene kirchliche Traditionen und Netzwerke, oft mit engen Verbindungen zur weltweiten Christenheit. Sie erleben sich häufig als doppelte Minderheit, religiös und politisch.
Jüdische Gemeinschaften aus arabischen und islamischen Ländern, die sogenannten Mizrachim, bringen eigene religiöse Rituale, Sprachen und Erinnerungen mit. Ihre Geschichte bildet eine Brücke zwischen jüdischer und arabischer Welt. In ihrer Identität verschränken sich Erfahrungen aus Bagdad, Damaskus oder Casablanca mit denen eines Lebens in Israel.
Diese Vielfalt führt dazu, dass die gängigen Kategorien „jüdisch“ und „arabisch“ oder „muslimisch“ und „christlich“ oft nur unzureichend beschreiben, wie Menschen sich tatsächlich sehen.
Geschlecht, Familie und soziale Normen
Religiöse Vorstellungen prägen auch Geschlechterrollen und Familienstrukturen. In vielen Teilen der Gesellschaft sind Familie und Verwandtschaft zentrale Bezugspunkte für Identität und Sicherheit. Heirat, Kinderzahl, Rollenverteilung im Haushalt und Erwartungen an Männer und Frauen werden oft religiös oder traditionell begründet.
In konservativen und streng religiösen Milieus existieren klare Vorstellungen darüber, welche Aufgaben Männern und Frauen zukommen sollen. Kleidungsvorschriften, Fragen der öffentlichen Sichtbarkeit von Frauen und getrennte Bildungswege können damit verbunden sein. Religiöse Autoritäten formulieren Normen, die tief in den Alltag hineinreichen, von der Partnerwahl bis zur Berufstätigkeit.
Gleichzeitig gibt es in allen Gruppen Menschen, die traditionelle Normen hinterfragen. Feministische Bewegungen, queere Initiativen und säkulare Milieus kritisieren religiös begründete Einschränkungen und suchen Wege, religiöse Identität mit größerer individueller Freiheit zu verbinden. Auch innerhalb religiöser Gemeinschaften entstehen Debatten, etwa über die Rolle von Frauen im Gebet, in der Auslegung heiliger Texte oder im Gemeindeleben.
So wird sichtbar, dass Religion nicht nur eine starre Vorgabe ist, sondern ein Feld, in dem um Deutung und Macht gerungen wird.
Säkularität, Tradition und innergesellschaftliche Spannungen
Nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner der Region legen großen Wert auf Religion. Es gibt ausgeprägt säkulare Milieus, vor allem in größeren Städten. Dort ist Religion weniger ein Leitfaden des Alltags, sondern eher kultureller Hintergrund. Man feiert Feiertage, besucht eventuell an hohen Festtagen eine Synagoge, Kirche oder Moschee, richtet aber Lebensentscheidungen nicht streng nach religiösen Normen aus.
In Israel verläuft eine wichtige gesellschaftliche Bruchlinie zwischen säkular und religiös. Konflikte entzünden sich etwa an Ladenöffnungen am Schabbat, an Bildungsinhalten oder an der Frage, ob religiöse Normen das gesamte Gemeinwesen prägen sollen. Viele säkulare Jüdinnen und Juden befürchten eine zu starke „Verkirchlichung“ des Staates, während streng religiöse Gruppen um ihren Lebensstil und ihre religiösen Prinzipien fürchten.
Auch in der palästinensischen Gesellschaft gibt es Spannungen zwischen säkularen und religiös orientierten Kräften. Politische Bewegungen mit religiöser Ausrichtung nutzen religiöse Sprache und Symbole, um Unterstützung zu gewinnen, während säkulare Aktivisten ein stärker bürgerlich-demokratisches Verständnis von Politik betonen. Diese Auseinandersetzungen betreffen Fragen wie Bildung, Frauenrechte, Gesetzgebung und den Umgang mit Andersdenkenden.
In allen Fällen zeigt sich, dass Religiosität und Säkularität nicht einfach zwei klar getrennte Lager bilden. Viele Menschen bewegen sich in Zwischenräumen. Sie sehen Religion als wichtig, wünschen sich aber gleichzeitig persönliche Freiheiten und demokratische Mitsprache.
Religion, Identität und Konfliktwahrnehmung
Religion beeinflusst schließlich, wie Menschen den Konflikt selbst deuten. Religiöse Narrative dehnen die zeitliche Perspektive weit aus. Ereignisse der Gegenwart werden mit Texten und Erinnerungen aus alten Überlieferungen verknüpft. Für manche Jüdinnen und Juden ist die Rückkehr in das Land Israel Teil einer göttlichen Verheißung. Für manche Muslime steht die Verteidigung heiliger Stätten wie der Al-Aqsa-Moschee im Zentrum eines religiös verstandenen Auftrags. Christliche Gruppen sehen das Leiden aller Zivilisten im Licht eigener theologischer Deutungen.
Diese religiösen Deutungen können Gefühle von Gewissheit und Sinn vermitteln. Sie können aber auch die Bereitschaft mindern, Kompromisse einzugehen, wenn Gebiete oder Stätten als heilig und unverhandelbar gelten. Gleichzeitig gibt es religiöse Stimmen, die aus ihrem Glauben heraus für Frieden, Gewaltverzicht und Versöhnung argumentieren. Sie betonen gemeinsame moralische Gebote wie die Achtung von Menschenwürde und Leben.
Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild. Religion und Identität sind nicht nur Ursachen von Spaltung, sondern auch Quellen von Hoffnung, Solidarität und Kritik. Welche Rolle sie konkret spielen, hängt davon ab, welche Stimmen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft gerade Gehör finden.