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Überblick über anhaltende Konfliktszenarien
Fortdauernde Konfliktszenarien beschreiben mögliche Zukünfte, in denen der israelisch-palästinensische Konflikt nicht grundlegend gelöst wird. Es entstehen keine tragfähigen politischen Arrangements, die von beiden Seiten als legitime Ordnung akzeptiert werden. Stattdessen verfestigen sich bestehende Muster von Herrschaft, Gewalt, Unsicherheit und periodischer Eskalation. Diese Szenarien sind keine exakte Prognose, sondern Denkmodelle, die typische Entwicklungen und Risiken sichtbar machen.
In diesem Kapitel steht im Mittelpunkt, welche langfristigen Formen ein ungelöster Konflikt annehmen kann, welche inneren Logiken ihn am Laufen halten und wie sich das Leben für die betroffenen Menschen verändern könnte, ohne dass eine politische Lösung im Sinne der zuvor behandelten Modelle erreicht wird.
Verfestigung des Status quo
Ein naheliegendes Szenario ist die weitgehende Fortsetzung der gegenwärtigen Verhältnisse mit graduellen Anpassungen, aber ohne grundlegenden Durchbruch. Der Kern wäre eine anhaltende israelische Kontrolle über das Westjordanland und Ostjerusalem, die Blockade und wiederkehrende Gewaltzyklen im Gazastreifen sowie eine schwache und gespaltene palästinensische Führung.
Ein solcher Status quo ist nicht statisch. Sicherheitsmaßnahmen können weiter ausgebaut, Überwachungstechnologien verfeinert und rechtliche Strukturen angepasst werden. Israel könnte versuchen, die Kontrolle effizienter und kostengünstiger zu gestalten, etwa durch verstärkte Zusammenarbeit mit lokalen palästinensischen Sicherheitskräften, ohne ihnen echte Souveränität zu geben. Für viele Palästinenser bliebe dies eine Realität von eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Abhängigkeit von Genehmigungen und Unsicherheit bezüglich Eigentums- und Aufenthaltsrechten.
Für die internationale Politik bietet ein verfestigter Status quo kurzfristig Bequemlichkeit, weil er keine riskanten Initiativen erzwingt. Zugleich wächst die Gefahr eines schleichenden Gewöhnungseffekts, bei dem dauerhafte Ungleichheit und wiederkehrende Gewalt als Normalzustand hingenommen werden. Die politische Kreativität nimmt ab, und selbst begrenzte Verbesserungen im Alltag können als Ersatz für eine Lösung erscheinen.
Zunehmende Fragmentierung der Gebiete und Gesellschaften
Ein weiteres mögliches Muster ist die fortschreitende territoriale und gesellschaftliche Fragmentierung. Territoriale Fragmentierung meint eine weitere Zerstückelung der palästinensischen Gebiete in voneinander isolierte Enklaven und Zonen mit unterschiedlichen Rechts- und Kontrollregimen. Dies kann sich in Form zusätzlicher Sperranlagen, Ausweitung von Siedlungen, Ausbau von Umgehungsstraßen und weiterer Differenzierung von Zonen mit verschiedenen Zugangsregelungen äußern.
Gesellschaftliche Fragmentierung betrifft nicht nur die Trennung zwischen Israelis und Palästinensern. Auch innerhalb der beiden Gesellschaften können sich Gräben vertiefen. In Israel könnten Spannungen zwischen säkularen und religiösen Bevölkerungsgruppen, zwischen jüdischen Mehrheitsgruppen und arabischen Staatsbürgern Israels, zwischen zionistischen und antizionistischen Positionen stärker hervortreten. In der palästinensischen Gesellschaft könnten Konflikte zwischen verschiedenen politischen Lagern, zwischen Stadt und Land oder zwischen Bewohnern von Westjordanland, Gaza und Diaspora zunehmen.
In einem solchen Szenario fällt es immer schwerer, überhaupt gemeinsame Ansprechpartner und legitime Verhandlungspartner zu finden, weil die politischen Landschaften auf beiden Seiten atomisiert sind. Die Idee eines einheitlichen „Wir“ wird schwächer, Identitäten verengen sich auf kleinere Gruppen, und Kompromissbereitschaft sinkt, da jede Gruppe vor allem ihre unmittelbaren Interessen und Traumata betont.
Chronische Gewalt niedriger Intensität
Statt großer Kriege kann sich ein Muster chronischer Gewalt niedriger Intensität etablieren. Dies bedeutet keine permanente offene Schlacht, sondern eine anhaltende Abfolge von kleineren Gefechten, Anschlägen, Raketensalven, Luftangriffen, Verhaftungswellen und Konfrontationen. Die Zahl der Toten kann über längere Zeiträume betrachtet dennoch hoch sein, auch wenn sie sich auf viele einzelne Ereignisse verteilt.
In diesem Szenario leben die Menschen mit einer Routine der Unsicherheit. Es gibt relativ ruhige Phasen, die jedoch jederzeit von Eskalationen unterbrochen werden können. Familien planen ihr Leben in Erwartung von Schulschließungen, Straßensperrungen oder Stromausfällen. Städte und Dörfer passen ihre Infrastruktur an, zum Beispiel durch Schutzräume, verstärkte Gebäude oder Verhaltensregeln im Fall von Angriffen.
Politisch fördert eine solche Lage die Macht jener Akteure, die sich als Beschützer gegen die jeweils andere Seite präsentieren. Sicherheitsdiskurse dominieren, langfristige soziale und wirtschaftliche Reformen werden hinausgeschoben. Kritische Stimmen, die Kompromisse fordern, geraten leicht unter Druck, weil sie als naiv oder illoyal erscheinen. So entsteht eine Rückkopplung, die den Konflikt auf niedrigem, aber dauerhaftem Gewaltniveau stabilisieren kann.
Wiederkehrende große Eskalationen
Ein anderes Muster ist die Abfolge größerer gewaltsamer Eskalationen, die durch Zwischenphasen relativer Ruhe getrennt sind. Diese Eskalationen können durch konkrete Auslöser wie eine besonders tödliche Attacke, eine Veränderung an heiligen Stätten, politische Entscheidungen oder regionale Verschiebungen angestoßen werden. Typisch wäre ein Zyklus aus Aufrüstung, Zuspitzung, kurzem Krieg oder massiven Militäroperationen und anschließender international vermittelter Waffenruhe.
Jede dieser Eskalationen hinterlässt zerstörte Infrastruktur, Traumata, eine wachsende Zahl von Toten und Verletzten sowie Verschlechterungen der wirtschaftlichen Lage. Zugleich verstärken sie narrative Muster auf beiden Seiten. Jede Seite erinnert sich vor allem an das Leid, das ihr selbst zugefügt wurde, und neigt dazu, eigene Gewalt als Reaktion oder Selbstverteidigung zu sehen. Das wechselseitige Misstrauen steigt, und künftige Kompromisse werden schwieriger.
In einem solchen Szenario sind internationale Akteure häufig als Krisenmanager präsent, aber selten als konsequente Gestalter einer langfristigen Lösung. Diplomatie beschränkt sich auf das Stoppen akuter Kämpfe, nicht auf Strukturreformen. Dadurch können die Ursachen, die zur Eskalation geführt haben, unangetastet bleiben und beim nächsten Mal erneut wirken.
Langfristige Erosion demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen
Ein anhaltender ungelöster Konflikt kann schrittweise Auswirkungen auf politische Systeme haben. In Israel könnte sich ein Trend zu stärker sicherheitsorientierter Gesetzgebung und Praxis verfestigen. Institutionen, die der Kontrolle staatlicher Macht dienen, geraten unter Druck, wenn sie als hinderlich für die Sicherheit betrachtet werden. Kritik an Militäraktionen oder an der Besatzung kann politisch delegitimiert werden. Die Grenze zwischen militärischer und ziviler Logik verwischt.
Auch auf palästinensischer Seite kann ein dauernder Ausnahmezustand dazu führen, dass autoritäre Strukturen erstarren. Sicherheitsapparate und bewaffnete Gruppierungen gewinnen an Gewicht, während Parlamente und Gerichte schwach bleiben. Regelmäßige Wahlen können ausgesetzt oder verschoben werden, Regierungen klammern sich an ihre Position, mit dem Hinweis auf die andauernde Bedrohung. Rechtsstaatliche Standards verbleiben in der Theorie oder gelten nur selektiv.
Die Bevölkerung gewöhnt sich an einen Zustand, in dem Notstandsrhetorik und Sicherheitsargumente viele politische Entscheidungen bestimmen. Für zivilgesellschaftliche Initiativen wird es schwer, Freiräume zu bewahren, und Medien geraten unter Spardruck, Zensur oder Selbstzensur. So verschiebt der ungelöste Konflikt nach und nach die politischen Kulturen auf beiden Seiten in eine weniger offene und weniger pluralistische Richtung.
Vertiefung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten
Fortdauernde Konflikte verstärken tendenziell bestehende Ungleichheiten. Im israelisch-palästinensischen Kontext betrifft dies sowohl die Unterschiede zwischen Israelis und Palästinensern als auch Ungleichheiten innerhalb jeder Gesellschaft. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, ungleicher Zugang zu Wasser, Land, Märkten und Arbeit prägen das wirtschaftliche Gefälle zwischen den Gebieten. Investitionen konzentrieren sich auf sicherere Regionen, während konfliktnahe Zonen abgehängt bleiben.
Innerhalb der israelischen Gesellschaft profitieren manche Sektoren stärker von sicherheitsbezogenen Industrien, Hochtechnologie oder staatlicher Unterstützung, während sozial schwächere Gruppen unsichere Arbeitsplätze und hohe Lebenshaltungskosten tragen. Auf palästinensischer Seite verfestigt ein Dauerzustand der Abhängigkeit von internationaler Hilfe und Überweisungen aus der Diaspora eine fragilere Ökonomie. Junge Menschen sehen oft wenig Perspektive jenseits von Migration, informellen Jobs oder politischer Mobilisierung.
In einem solchen Szenario verschmelzen soziale Ungerechtigkeit und nationale Konfliktlinien. Unzufriedenheit über materielle Not wird mit politischem Zorn auf die andere Seite, aber auch auf eigene Eliten verknüpft. Dies kann die gesellschaftliche Stabilität zusätzlich unterminieren und neue Formen von Protest, Radikalisierung oder inneren Konflikten hervorbringen.
Normalisierung des Konflikts im Alltag und in der Kultur
Ein fortdauernder Konflikt wird mit der Zeit Teil des Alltags. Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in dem Sirenen, Checkpoints, militärische Präsenz oder Fernsehbilder von Gewalt zur gewohnten Kulisse gehören. Geschichten von Verlust, Flucht und Diskriminierung werden in Familien weitergegeben und prägen, wie jüngere Generationen sich selbst und die andere Seite sehen.
In Kunst, Literatur, Film und Musik kann der Konflikt allgegenwärtig sein, allerdings nicht nur im Sinne der offenen Auseinandersetzung. Er kann auch unterschwellig als Hintergrundrauschen erscheinen. Humor, Zynismus und Resignation werden zu Strategien, mit der anhaltenden Unsicherheit umzugehen. Gleichzeitig kann sich eine Kultur des Heldentums entwickeln, in der bestimmte Formen von Widerstand oder militärischer Dienst überhöht werden.
Schulbücher, Gedenkorte und Medienberichte reproduzieren oft nationale Narrative, die stark von der eigenen Opfererfahrung geprägt sind. Wenn der Konflikt als fast naturgegeben dargestellt wird, sinkt die Vorstellungskraft für Alternativen. Selbst jene, die sich Frieden wünschen, halten ihn womöglich für unrealistisch oder bestenfalls für ein fernes Ideal. Dies erschwert gesellschaftliche Mobilisierung für tiefgreifende Veränderungen.
Regionale und globale Verflechtung ohne Lösung
Der Konflikt ist in der Region und international eingebettet. In einem Szenario fortdauernder Konflikte bleiben externe Akteure stark involviert, jedoch ohne eine grundlegende Lösung zu erreichen. Regionale Mächte können den Konflikt nutzen, um Einfluss auszuüben, innenpolitische Positionen zu stärken oder Rivalen zu schwächen. Waffenlieferungen, finanzielle Unterstützung bestimmter Gruppen und diplomatische Kampagnen werden zu Instrumenten der Machtpolitik.
Gleichzeitig können Normalisierungsabkommen zwischen Israel und einzelnen arabischen Staaten den Druck mindern, eine Lösung mit den Palästinensern zu suchen. Wirtschafts- und Sicherheitskooperationen entwickeln sich, während die palästinensische Frage zwar rhetorisch adressiert, praktisch aber nachrangig behandelt wird. Internationale Organisationen bleiben oft an Symptomen orientiert, etwa durch humanitäre Hilfe, Beobachtermissionen oder begrenzte rechtliche Schritte.
Die globale öffentliche Meinung und transnationale Netzwerke können zwar Einfluss nehmen, etwa durch Kampagnen, Boykottaufrufe oder Solidaritätsaktionen, doch ohne verlässliche Hebel auf die zentralen Konfliktparteien besteht die Gefahr, dass sich ein Muster der symbolischen Politik verfestigt. Viel wird über den Konflikt gesprochen, weniger wird an strukturellen Veränderungen erreicht.
Langfristige Risiken von Kontrollverlust und plötzlichen Wendungen
Fortdauernde Konflikte werden manchmal als stabil angenommen, weil sie sich über Jahre oder Jahrzehnte hinziehen. Diese scheinbare Stabilität ist jedoch trügerisch. Ein dichtes Geflecht aus Misstrauen, Waffen, Traumata und Ungleichheiten kann in bestimmten Situationen plötzlich in großflächige Gewalt oder weitreichende politische Umbrüche umschlagen.
Mögliche Triggersituationen wären etwa dramatische Gewaltereignisse, Zusammenbrüche von Sicherheitsapparaten, tiefgreifende Führungswechsel, wirtschaftliche Krisen oder ökologische Katastrophen wie extreme Wasserknappheit. Auch Veränderungen in der Region, etwa ein Krieg zwischen anderen Staaten oder ein Regimewechsel, können Rückwirkungen haben. In solchen Momenten kann das, was lange als „eingefrorener“ Konflikt erschien, rasch in Bewegung geraten.
Anhaltende Konfliktszenarien sind deshalb nicht einfach „Weiter so“, sondern enthalten ein erhebliches Maß an Unvorhersehbarkeit. Sie konservieren nicht nur die Gegenwart, sondern erzeugen Bedingungen, unter denen plötzliche, schwer kontrollierbare Dynamiken wahrscheinlicher werden. Die Kosten eines Nicht-Lösens des Konflikts bestehen also nicht nur in dauerndem Leid, sondern auch in der wachsenden Gefahr von Schocks, auf die weder Gesellschaften noch Institutionen vorbereitet sind.
Offene Fragen im Umgang mit fortdauernden Szenarien
Aus der Perspektive einer kritischen Beschäftigung mit Zukunftsszenarien stellen sich mehrere offene Fragen. Eine davon betrifft die Verantwortung verschiedener Akteure, wenn eine umfassende Lösung kurzfristig nicht erreichbar erscheint. Welche minimalen Schritte können ergriffen werden, um Leid zu mindern, Rechte zu stärken und zukünftige Optionen offenzuhalten, ohne neue Fakten zu schaffen, die spätere Lösungen noch schwerer machen?
Eine weitere Frage betrifft die Rolle von Narrativen. Wie kann innerhalb von Konfliktszenarien verhindert werden, dass Dehumanisierung, Feindbilder und absolute Ansprüche immer stärker werden? Gibt es Formen von Kommunikation, Bildung und Kultur, die selbst in einem ungelösten Konflikt Räume für Empathie und komplexere Sichtweisen offenhalten?
Schließlich bleibt die Frage, wie Gesellschaften mit der Spannung zwischen kurzfristiger Schadensbegrenzung und langfristiger Gerechtigkeit umgehen können. Maßnahmen, die heute Stabilität schaffen, können morgen als Legitimierung ungerechter Verhältnisse erscheinen. Umgekehrt können radikale Schritte für Gerechtigkeit neue Unsicherheiten erzeugen. Fortdauernde Konfliktszenarien zwingen daher dazu, sich mit Zwischenschritten, Übergangsformen und unvollkommenen Lösungen auseinanderzusetzen, ohne den Anspruch auf eine gerechtere Ordnung völlig aufzugeben.