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Kontext der Erklärung von 1917
Die Balfour-Erklärung ist ein kurzes Schreiben aus dem Jahr 1917, hatte aber enorme politische Wirkung. Sie entstand im Umfeld des Ersten Weltkriegs, als das Osmanische Reich zerfiel und die europäischen Mächte um Einfluss im Nahen Osten rangen. Großbritannien suchte Verbündete, wollte seinen Zugang nach Indien sichern und zugleich seine Stellung im östlichen Mittelmeer ausbauen. In diese Strategie fügte sich das Schreiben, das später als „Balfour-Erklärung“ bekannt wurde, ein.
Adressat des Briefes war Lionel Walter Rothschild, eine prominente Figur der jüdischen Gemeinde in Großbritannien, der als Vermittler zum internationalen zionistischen Komitee fungierte. Der Text war keine neutrale Beschreibung, sondern bewusst vage formulierte politische Zusage, die in London ganz unterschiedliche Erwartungen bedienen sollte.
Wortlaut und zentrale Formulierungen
Die Balfour-Erklärung bestand im Kern aus einem einzigen Paragraphen. In der gebräuchlichen deutschen Übersetzung heißt es, die britische Regierung betrachte „die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen“ und werde „ihre besten Anstrengungen zur Erreichung dieses Zieles verwenden“. Zugleich fügt der Text zwei wichtige Einschränkungen hinzu. Zum einen dürften nichts geschehen, „was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinden in Palästina beeinträchtigen könnte“. Zum anderen dürften die Rechte und der politische Status von Juden in anderen Ländern nicht geschmälert werden.
Schon in dieser Wortwahl zeigt sich ein Spannungsfeld. Der Begriff „nationale Heimstätte“ blieb bewusst unklar. Er versprach mehr als bloßen kulturellen Schutz, aber weniger als ausdrücklich einen souveränen Staat. Gleichzeitig wurden die arabischen Bewohner Palästinas nicht als Volk bezeichnet, sondern nur als „nichtjüdische Gemeinden“. Dadurch spiegelte der Text das damalige koloniale Denken, das europäische und jüdische politische Ansprüche ernst nahm, lokale arabische Ansprüche aber sprachlich und rechtlich marginalisierte.
Innenpolitische und diplomatische Motive Großbritanniens
Die britische Regierung verfolgte mit der Erklärung mehrere Ziele gleichzeitig. Innenpolitisch hoffte sie, Unterstützung in jüdischen Kreisen zu mobilisieren, sowohl in Großbritannien als auch in den Vereinigten Staaten und im zaristischen Russland. Man ging in London irrtümlich davon aus, jüdische Netzwerke könnten den Kriegseintritt oder die Kriegsmoral dieser Staaten beeinflussen. Außenpolitisch konkurrierte Großbritannien mit Frankreich und anderen Mächten um die Gestaltung des Nahen Ostens nach einem absehbaren Sieg über das Osmanische Reich. Eine frühe Festlegung zugunsten eines zionistischen Projekts sollte britische Präsenz in Palästina legitimieren und stärken.
Gleichzeitig lief die Balfour-Erklärung nicht im luftleeren Raum, sondern stand neben anderen, teils widersprüchlichen britischen Zusagen. Großbritannien hatte im Laufe des Krieges sowohl arabischen Führern Selbstbestimmung versprochen als auch mit Frankreich geheime Abmachungen zur Aufteilung des Nahen Ostens getroffen. Die Erklärung fügte einen weiteren Baustein in dieses Geflecht ein und war daher von Beginn an von Ambivalenzen und möglichen Konflikten mit anderen Verpflichtungen geprägt.
Verhältnis zu arabischen Erwartungen und Zusagen
Arabische Akteure, besonders in der Hedschas-Region, hatten während des Krieges im Austausch mit britischen Vertretern die Vorstellung entwickelt, dass nach dem Sieg über das Osmanische Reich eine weitgehende arabische Unabhängigkeit möglich sei. Diese Hoffnung stützte sich unter anderem auf britische Korrespondenz, in der von „arabischen Ländern“ und Selbstbestimmung die Rede gewesen war.
Die Balfour-Erklärung erwähnte die arabische Bevölkerung Palästinas nur indirekt und ohne Anerkennung eigener politischer Rechte. Während sie formell deren „bürgerliche und religiöse Rechte“ schützen wollte, sagte sie nichts zu nationalen oder kollektiven Ansprüchen. Diese sprachliche Abstufung wurde von vielen arabischen Intellektuellen und Politikern später als Hinweis gedeutet, dass London jüdische nationale Ziele aktiv unterstützte, arabische Forderungen nach politischer Eigenständigkeit aber auf ein Minimum beschränken wollte.
In arabischen Kreisen verbreitete sich nach und nach die Wahrnehmung, Großbritannien habe unvereinbare Versprechen gegeben. Dies trug zu einem wachsenden Gefühl von Verrat und Misstrauen gegenüber der britischen Mandatsmacht bei, das in den folgenden Jahrzehnten die politische Atmosphäre stark prägte.
Rezeption im zionistischen Lager
Im zionistischen Bewegungsspektrum wurde die Balfour-Erklärung größtenteils als historischer Durchbruch gesehen. Zum ersten Mal erkannte eine Großmacht offiziell das Ziel einer „nationalen Heimstätte“ in Palästina an. Führende Zionisten interpretierten dies als diplomatischen Meilenstein und als Grundlage, die künftige jüdische Einwanderung und Institutionenbildung politisch zu rechtfertigen.
Gleichzeitig war zionistischen Strategen bewusst, dass die Formulierungen begrenzt und auslegungsfähig waren. Die Unklarheit über den Endstatus Palästinas eröffnete Spielraum, ein schrittweises Vorgehen zu rechtfertigen, ohne von Beginn an offen einen souveränen Staat zu fordern. Manche Zionisten kritisierten die Beschränkung auf eine „Heimstätte“ als zu schwach, andere sahen gerade in der Vagheit die Chance, langfristig weitergehende Ziele zu verfolgen.
Innerhalb der jüdischen Welt war die Reaktion nicht einheitlich. Es gab auch Stimmen, die warnten, ein zu starkes politisches Projekt in Palästina könne in anderen Ländern antisemitische Vorwürfe verstärken oder die Loyalität jüdischer Bürger dort infrage stellen. Die Erklärung enthielt daher bewusst den Zusatz, dass die Rechte von Juden in anderen Staaten nicht beeinträchtigt werden dürften.
Aufnahme durch die arabische Bevölkerung Palästinas
Für viele arabische Bewohner Palästinas, ob muslimisch oder christlich, wurde die Balfour-Erklärung in den 1920er Jahren zum Symbol eines fremden Eingriffs in ihre Heimat. Zunächst war der Text nicht jedem zugänglich, doch mit der Zeit drang sein Inhalt über lokale Zeitungen, Flugblätter und politische Versammlungen in die breite Öffentlichkeit vor.
Die Formulierung, Palästina solle eine Heimstätte für ein anderes Volk werden, wirkte auf viele verstörend. In arabischen Kommentaren wurde häufig hervorgehoben, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht gefragt worden war. Die Garantie „bürgerlicher und religiöser Rechte“ erschien vielen als unzureichend, weil sie ihre eigenen politischen Ansprüche und ihr Selbstverständnis als kollektive Gemeinschaft nicht widerspiegelte. So entwickelte sich die Erklärung in arabischer Sichtweise nach und nach zu einem Kernbeleg dafür, dass koloniale Mächte über die Köpfe der Einheimischen hinweg Entscheidungen trafen.
Völkerbundmandat und rechtliche Verankerung
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das britische Mandat über Palästina durch den Völkerbund offiziell bestätigt. In den Mandatsdokumenten taucht die Balfour-Erklärung nicht nur als historische Referenz auf, sondern wird inhaltlich integriert. Die Verpflichtung zur Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ wurde damit in ein internationales Mandatsstatut überführt.
Für die zionistische Bewegung bedeutete dies eine rechtliche Stütze, auf die sie sich bei Forderungen gegenüber der britischen Verwaltung berufen konnte. Für arabische Akteure war es hingegen eine Form der Internationalisierung eines als ungerecht empfundenen Textes. Die britische Mandatsmacht stand nun offiziell zwischen zwei Aufgaben: Förderung der jüdischen Heimstätte und Schutz der Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung. Diese Doppelverpflichtung war innerlich spannungsreich und prägte viele Konflikte während der Mandatszeit.
Widersprüche und Deutungskämpfe um den Begriff „nationale Heimstätte“
Die zentrale Formulierung der Balfour-Erklärung wurde bald zum Gegenstand politischer und juristischer Auslegungen. Eine Seite betonte, der Begriff „nationale Heimstätte“ impliziere langfristig ein starkes Maß an Selbstbestimmung und möglicherweise Staatlichkeit. Andere verwiesen darauf, dass der Text keinen expliziten jüdischen Staat fordere und die Rechte der bestehenden Bevölkerung schützen wolle.
Britische Regierungsvertreter wechselten im Lauf der Jahrzehnte mehrfach die Betonung. Je nach politischer Lage und Druck von außen betonten sie einmal die Unterstützung des zionistischen Projekts, ein anderes Mal die Pflicht zur Rücksichtnahme auf die arabische Bevölkerung. Diese Schwankungen verstärkten das wechselseitige Misstrauen. Für beide Seiten wurde der Begriff „nationale Heimstätte“ zu einem offenen Feld, auf dem sie um Deutungshoheit rangen.
Langfristige Bedeutung für die Entwicklung des Konflikts
Die Balfour-Erklärung hatte weitreichende Folgen, weil sie als Ausgangspunkt eines internationalen Rahmens diente, der die politischen Ziele in Palästina neu ordnete. Sie verlieh dem zionistischen Projekt diplomatische Legitimität und schuf Erwartungen, dass die jüdische Präsenz politisch wachsen werde. Zugleich schwächte sie in den Augen vieler Araber die Hoffnung, dass Palästina sich wie andere arabische Regionen frei entwickeln könne.
Im kollektiven Gedächtnis der beteiligten Gemeinschaften erhielt der kurze Brief unterschiedliche symbolische Bedeutungen. Für viele Juden wurde er zum Sinnbild einer historischen Anerkennung nach jahrhundertelanger Verfolgung in Europa. Für viele Palästinenser und andere Araber galt er als Beginn eines Prozesses, in dem über ihr Land ohne ihre Zustimmung entschieden wurde. Diese gegensätzlichen Erinnerungen wirken bis in die Gegenwart fort und prägen, wie die Geschichte der Mandatszeit erzählt und verstanden wird.