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Überblick über die Mandatszeit
Die britische Mandatszeit in Palästina begann nach dem Ersten Weltkrieg und endete mit dem Rückzug Großbritanniens und der Teilungsentscheidung der Vereinten Nationen. In diesen rund 30 Jahren veränderten sich politische Strukturen, Bevölkerungszusammensetzung und Konfliktlinien tiefgreifend. Die Zeit war geprägt von widersprüchlichen britischen Versprechen, wachsendem jüdischem und arabischem Nationalbewusstsein und zunehmender Gewalt.
Vom Osmanischen Reich zum britischen Mandat
Mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde die politische Ordnung des Nahen Ostens neu gezeichnet. Großbritannien besetzte Palästina militärisch und übernahm zunächst eine Übergangsverwaltung. Gleichzeitig liefen bereits geheime und offene Verhandlungen über die Zukunft der Region, an denen verschiedene Mächte beteiligt waren.
Wichtige Abkommen und Erklärungen standen oft im Widerspruch zueinander. Gegenüber arabischen Führern wurden Zusagen über Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gemacht, während gleichzeitig die Unterstützung eines jüdischen „Heims“ in Palästina zugesichert wurde. Diese Doppelstrategie legte den Grundstein für spätere Konflikte, weil beide Seiten ihre jeweiligen Versprechen als legitim und bindend ansahen.
Das Mandatssystem des Völkerbundes
Nach dem Krieg wurde der Völkerbund gegründet, um unter anderem ehemalige osmanische Gebiete zu verwalten. Formell erhielt Großbritannien von dieser internationalen Organisation das Mandat über Palästina. Offiziell bestand die Aufgabe darin, das Gebiet auf eine spätere Selbstverwaltung vorzubereiten. In der Mandatsurkunde tauchte jedoch ausdrücklich der Bezug auf ein „jüdisches Heim“ in Palästina auf, während Rechte der bestehenden nichtjüdischen Bevölkerung eher allgemein als zivile und religiöse Rechte beschrieben wurden.
Diese rechtliche Konstruktion machte deutlich, dass Großbritannien nicht einfach als neutrale Ordnungsmacht auftrat, sondern ein bestimmtes politisches Projekt fördern sollte. Gleichzeitig musste es die wachsende arabische Bevölkerung berücksichtigen, die sich durch die internationale Festlegung zunehmend übergangen fühlte.
Britische Verwaltung und politische Strukturen
In der Praxis schuf die Mandatsmacht eine moderne Verwaltungsstruktur mit einer zentralen Regierung in Jerusalem, Gerichten und einer Polizei. Viele Beamte kamen aus Großbritannien, einige wurden lokal rekrutiert, meist Männer aus der arabischen Oberschicht und in geringerem Umfang Vertreter der jüdischen Gemeinschaft.
Die britische Politik schwankte zwischen dem Versuch, beide Bevölkerungsgruppen zu befrieden, und dem Bemühen, die eigene Kontrolle zu sichern. Partizipative politische Institutionen, in denen Juden und Araber gemeinsam ihre Interessen vertreten konnten, blieben sehr begrenzt. Versuche, repräsentative Räte einzurichten, scheiterten wiederholt an grundlegenden Meinungsverschiedenheiten über Zielrichtung und Identität des Landes.
So entwickelten sich im Laufe der Zeit zwei weitgehend getrennte politische Sphären. Jüdische und arabische Führungen verhandelten meist direkt mit den Briten, aber selten miteinander. Dies verstärkte das Gefühl, dass es sich um einen Konkurrenzkampf um Einfluss bei der Mandatsmacht handelte, nicht um einen gemeinsamen politischen Aufbauprozess.
Wandel der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen
Die Mandatszeit brachte tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen. Die britische Infrastrukturpolitik förderte den Bau von Straßen, Häfen und Eisenbahnverbindungen. Städte wie Haifa, Jaffa und Jerusalem wuchsen. Gleichzeitig nahm insbesondere durch Einwanderung und Kapitalzufluss die wirtschaftliche Dynamik in der jüdischen Gemeinschaft deutlich zu.
Ein zentrales Konfliktfeld war der Landbesitz. Der Verkauf von Land, oft durch arabische Großgrundbesitzer mit städtischem Lebensstil, führte zu einer zunehmenden Konzentration von Boden in den Händen zionistischer Organisationen. Dies hatte Folgen für arabische Bauern, die ihr angestammtes Land verloren oder als Pächter in unsicherer Lage blieben. Ein Teil der jüdischen Siedlungsbewegung organisierte ihre Landwirtschaft bewusst in abgeschlossenen Kollektivbetrieben mit eigener Arbeitskraft, was Spannungen auf dem Arbeitsmarkt erhöhte, da arabische Arbeitskräfte dort ausgeschlossen wurden.
Parallel dazu entstanden eigenständige wirtschaftliche und soziale Institutionen. Jüdische und arabische Schulen, Vereine, Gewerkschaften und Hilfsorganisationen entwickelten sich zunehmend separat. Diese institutionelle Trennung verstärkte die Vorstellung, dass zwei unterschiedliche Kollektive mit jeweils eigenen Strukturen und Loyalitäten im selben Raum lebten.
Wachsende Spannungen und Gewaltausbrüche
Im Verlauf der Mandatszeit kam es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, deren Häufigkeit und Intensität zunahmen. Sie waren Ausdruck der sich vertiefenden Gegensätze sowie der Unzufriedenheit mit der britischen Politik.
Frühe Zusammenstöße entzündeten sich häufig an konkreten Anlässen, etwa Streit um heilige Stätten oder Protesten gegen bestimmte politische Entscheidungen. Mit der Zeit verbanden sich solche Anlässe mit grundsätzlicheren Fragen nach Land, Einwanderung und politischer Macht. In den 1920er und 1930er Jahren kam es zu Pogromen, Anschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen, die zahlreiche Todesopfer unter beiden Bevölkerungsgruppen forderten.
Die britische Reaktion folgte meist einem Muster aus militärischer Härte, Untersuchungskommissionen und neuen politischen Vorschlägen. Kommissionen analysierten Ursachen und empfahlen Korrekturen der Politik, etwa Begrenzungen der Einwanderung oder Änderungen im Landerwerb. Diese Vorschläge blieben jedoch oft widersprüchlich oder wurden nur teilweise umgesetzt, was weder jüdische noch arabische Erwartungen erfüllte und das Vertrauen in die Mandatsmacht schwächte.
Radikalisierung und Aufbau eigener Machtstrukturen
In dem Maße, in dem das Vertrauen in eine von Großbritannien gesteuerte Lösung abnahm, verstärkten beide Seiten den Aufbau eigener politischer und militärischer Strukturen. In der jüdischen Gemeinschaft entwickelte sich eine organisierte Untergrundbewegung, die zunächst in enger Verbindung mit der offiziellen jüdischen Selbstverwaltung stand und sich später teilweise verselbständigte. Ein Teil dieser Gruppen kooperierte mit den Briten, andere kämpften zeitweise aktiv gegen die Mandatsmacht.
Auf arabischer Seite kam es zu Versuchen, eine gemeinsame politische Führung zu etablieren, doch waren diese Bemühungen von inneren Rivalitäten, externer Einflussnahme und harter britischer Repression geprägt. Insbesondere nach größeren Aufständen setzten die Mandatsbehörden auf Verhaftungen, Exilierung von Führungsfiguren und strikte Sicherheitsmaßnahmen. Dadurch wurde zwar kurzfristig Kontrolle ausgeübt, gleichzeitig aber eine stabile arabische Repräsentation geschwächt.
Die Folge war eine zunehmende Militarisierung des Konflikts. Beide Gesellschaften bauten paramilitärische oder milizähnliche Gruppen auf, sammelten Waffen und bereiteten sich auf mögliche Zusammenstöße vor. Dies geschah in einem Klima wachsender gegenseitiger Angst und Feindbilder, die von Teilen der politischen Führung und Presse auf beiden Seiten verstärkt wurden.
Internationalisierung der Palästinafrage
Im Verlauf der Mandatszeit wurde Palästina immer stärker zu einem internationalen Thema. Zum einen spielten Weltmächte wie Großbritannien und später die Vereinigten Staaten eine Rolle, zum anderen prägten globale Entwicklungen die Situation vor Ort. Die zunehmende Bedrohung und Verfolgung von Juden in Europa verstärkte den Druck auf Palästina als Zufluchtsort. Gleichzeitig beobachteten arabische Länder die Entwicklungen mit wachsendem Interesse und sahen die Ereignisse in Palästina als Teil einer größeren Auseinandersetzung um Kolonialismus und Selbstbestimmung.
Der Völkerbund bot zeitweise eine Bühne für Debatten über die Mandatspolitik, blieb aber letztlich von den Entscheidungen der Mandatsmacht abhängig. Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Schwächung der europäischen Kolonialmächte verschoben sich die Kräfteverhältnisse erneut. Die Rolle internationaler Gremien und später der Vereinten Nationen gewann an Bedeutung, während Großbritannien weniger bereit oder fähig war, die wachsenden Spannungen allein zu kontrollieren.
Erosion der britischen Kontrolle und Mandatsende
Gegen Ende der Mandatszeit war die Lage in Palästina gekennzeichnet von häufiger Gewalt, politischer Blockade und tiefem Misstrauen zwischen allen beteiligten Akteuren. Großbritannien stand innenpolitisch und wirtschaftlich unter Druck und suchte nach einem Ausweg aus einem Konflikt, der zunehmend unkontrollierbar erschien.
Die britische Politik schwankte in dieser letzten Phase zwischen restriktiven Maßnahmen und neuen Vorschlägen für Kompromisslösungen. Keine dieser Strategien konnte jedoch einen breiten Konsens herstellen. Jüdische Gruppen forderten die Öffnung des Landes für Überlebende der Verfolgung in Europa, während viele arabische Akteure jede weitere Zuwanderung ablehnten und auf Mehrheitsprinzipien bei der politischen Entscheidung pochten.
Schließlich entschied Großbritannien, die Palästinafrage an eine internationale Instanz abzugeben. Damit war faktisch das Eingeständnis verbunden, dass das Mandatsprojekt in seiner ursprünglichen Form gescheitert war. Die weitere Entwicklung, insbesondere internationale Vermittlungsversuche und die Vorbereitung der britischen Evakuierung, leitete die nächste Phase des Konflikts ein, in der aus der kolonialen Verwaltungsfrage eine offene Auseinandersetzung um Staatsgründung und territoriale Kontrolle wurde.