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Einordnung der arabischen Aufstände
In der britischen Mandatszeit entwickelten sich arabische Proteste von lokalen Unruhen zu breiten Volksaufständen. Sie richteten sich gegen die britische Kolonialherrschaft und gegen die fortschreitende jüdische Einwanderung, die viele arabische Bewohner als Bedrohung ihrer politischen und sozialen Stellung empfanden. Wichtig ist, dass diese Aufstände nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden, sondern sich aus wachsender Unzufriedenheit, ökonomischem Druck und politischer Marginalisierung aufbauten.
Um diese Entwicklungen zu verstehen, genügt hier ein Überblick über die wichtigsten Phasen arabischer Aufstände und die jeweiligen politischen Reaktionen arabischer Akteure. Die Reaktionen der britischen Mandatsmacht und der zionistischen Bewegung werden in anderen Kapiteln ausführlicher behandelt, werden hier aber punktuell erwähnt, wenn sie für das Verständnis der Dynamik nötig sind.
Frühe Proteste und die Unruhen von 1920 bis 1923
In den ersten Jahren britischer Herrschaft kam es zu einer Reihe von Unruhen, die noch nicht als organisierter Volksaufstand, aber als Warnsignal verstanden werden können. 1920 und 1921 ereigneten sich in Jerusalem, Jaffa und anderen Orten gewaltsame Zusammenstöße, bei denen arabische Gruppen jüdische Viertel und Einrichtungen angriffen und die britische Verwaltung als Verräterin arabischer Interessen betrachteten.
Aus arabischer Sicht speiste sich der Unmut aus drei Hauptquellen. Erstens aus der Wahrnehmung, die Briten hätten im Ersten Weltkrieg arabische Selbstbestimmung versprochen, diese aber mit dem Mandat und der Balfour-Erklärung unterlaufen. Zweitens aus der Angst, durch jüdische Einwanderung ihre Mehrheit und ihren Einfluss zu verlieren. Drittens aus sozialem Druck, der sich etwa in Landverkäufen an jüdische Institutionen und der daraus resultierenden Verdrängung arabischer Pächter zeigte.
In dieser frühen Phase waren die arabischen Reaktionen politisch noch wenig koordiniert. Lokale Notablen, insbesondere Mitglieder der einflussreichen Familien Husseini und Nashashibi, versuchten, die Unzufriedenheit in politische Bahnen zu lenken, etwa durch Delegationen zu den Briten oder Appelle an die arabische Welt. Zugleich blieben viele Aktionen spontan und von religiösen Predigern und lokalen Anführern geprägt, was zu einem Gemisch aus nationalen und religiösen Motiven führte.
Die Rolle des Obersten Muslimrats und der Führungsschichten
Ein zentrales Element der arabischen politischen Reaktion war der Versuch, institutionelle Strukturen zu schaffen, die politische Führung bündeln sollten. Eine wichtige Rolle spielte hierbei der von den Briten eingerichtete Oberste Muslimrat. Er war formal für religiöse Angelegenheiten zuständig, etwa für Stiftungen und heilige Stätten, entwickelte sich jedoch zu einem Machtzentrum, das religiöse Autorität mit politischem Einfluss verband.
An der Spitze dieses Gremiums stand Haj Amin al-Husseini, der von den Briten zunächst gefördert und dann zu einer der prägenden Figuren des arabischen Nationalismus in Palästina wurde. Der Muslimrat nutzte seine Position, um religiös-nationalistische Botschaften zu verbreiten. Predigten, religiöse Feste und der Bezug auf heilige Stätten, insbesondere in Jerusalem, gewannen als Mobilisierungsinstrumente an Bedeutung.
Gleichzeitig verstärkte sich die Rivalität zwischen den führenden Familienclans. Die Husseinis traten eher konfrontativ gegenüber der Mandatsmacht und der zionistischen Bewegung auf. Die Nashashibis waren tendenziell kompromissbereiter und offener für begrenzte Kooperation mit den Briten. Diese innerarabischen Spaltungen prägten die politische Reaktion auf die britische Politik und erschwerten eine einheitliche Strategie.
Der Arabische Aufstand von 1929
1929 markiert einen Wendepunkt, weil die Gewalt erstmals landesweit und klar religiös aufgeladen eskalierte. Auslöser waren Spannungen um die Klagemauer in Jerusalem, eine für Juden und Muslime hochbedeutsame Stätte. Gerüchte, dass eine Seite die Kontrolle der anderen Seite einschränken oder heilige Stätten verändern wolle, heizten die Lage an.
Die Unruhen breiteten sich von Jerusalem nach Hebron, Safed und andere Orte aus. In Hebron wurden jüdische Bewohner, die zum Teil seit Jahrhunderten dort lebten, von arabischen Angreifern getötet. Gleichzeitig kam es auch zu arabischen Todesopfern durch britisches Eingreifen und Gegenwehr. Der Aufstand von 1929 zeigte, wie eng nationale und religiöse Gefühle miteinander verwoben waren und wie leicht religiöse Symbole zur Mobilisierung genutzt werden konnten.
Als politische Reaktion forderten arabische Vertreter verstärkt ein Ende der jüdischen Einwanderung und die Anerkennung einer arabischen Mehrheitsherrschaft im Rahmen des Mandatsgebietes. Petitionen, Konferenzen und Delegationen an die britische Regierung in London sollten den Eindruck vermitteln, hier gehe es um einen legitimen Mehrheitsanspruch einer einheimischen Bevölkerung.
Die Entstehung arabischer Parteien und Komitees
In den 1930er Jahren begannen arabische Akteure vermehrt, moderne Organisationsformen zu nutzen. Es entstanden politische Parteien und Komitees, die versuchten, die breite Unzufriedenheit in konkrete Forderungen und Strukturen zu überführen. Diese Organisationen blieben jedoch oft an traditionelle Familienbindungen gekoppelt und hatten selten eine stabile, landesweite Massenbasis.
Wichtige Ziele dieser Gruppen waren die Begrenzung oder Beendigung der jüdischen Einwanderung, der Stopp von Landverkäufen an jüdische Institutionen, die Einführung einer repräsentativen Regierung, in der die arabische Mehrheit die entscheidende Stimme haben sollte, und die Abkehr von der Balfour-Erklärung. Die Organisationsformen umfassten Kongresse, Streiks, Boykottaufrufe und die Nutzung der arabischen Presse zur Mobilisierung.
Die Fragmentierung der Führung blieb aber ein Dauerproblem. Rivalitäten zwischen Familien, persönliche Feindschaften und Unterschiede in der Einschätzung britischer Politik führten zu konkurrierenden Komitees und Parteien. Dies schwächte die Fähigkeit, geschlossen zu verhandeln oder eine langfristige Strategie zu entwickeln.
Der große Arabische Aufstand 1936 bis 1939
Der umfassendste und politisch bedeutendste Aufstand der Mandatszeit war der Arabische Aufstand von 1936 bis 1939. Er vereinte breite Teile der arabischen Bevölkerung in Palästina in einem gemeinsamen Protest gegen die britische Herrschaft und die zionistische Einwanderungspolitik. Ausgelöst wurde er durch eine Mischung kurzfristiger und langfristiger Faktoren. Dazu gehörten die anhaltende Einwanderung, wirtschaftliche Probleme und das Gefühl, dass Petitionen und diplomatische Proteste wirkungslos geblieben waren.
Zu Beginn des Aufstands rief ein zentrales Gremium, das Arabische Hohe Komitee, zu einem Generalstreik auf. Dieser Streik dauerte Monate, legte Teile der Wirtschaft lahm und richtete sich sowohl gegen britische Behörden als auch gegen die wirtschaftlichen Verbindungen mit der jüdischen Gemeinschaft. Er war Ausdruck einer neuen, breiteren Mobilisierung, an der sich nicht nur Eliten, sondern auch Bauern, Arbeiter und städtische Mittelschichten beteiligten.
Im weiteren Verlauf nahm der Aufstand zunehmend bewaffnete Formen an. Banden auf dem Land griffen britische Infrastruktur und jüdische Ziele an. Die Gewalt traf auch arabische Gegner des Aufstands, etwa als Kollaborateure wahrgenommene Personen oder rivalisierende politische Lager. So verschob sich die Dynamik von einem vorwiegend zivilen Protest zu einem bewaffneten Widerstand mit Elementen eines Bürgerkriegs innerhalb der arabischen Gesellschaft.
Politische Ziele und Botschaften des Aufstands
Trotz innerer Spannungen formulierten die zentralen Organisatoren des Aufstands klare politische Kernforderungen. Im Mittelpunkt stand das Ende der jüdischen Einwanderung in das Mandatsgebiet. Darüber hinaus wurde gefordert, den Verkauf von arabischem Land an jüdische Käufer zu unterbinden, um die soziale und wirtschaftliche Basis der arabischen Bevölkerung zu sichern.
Ein weiteres Ziel war die Einsetzung einer nationalen Regierung auf Grundlage einer demokratischen Vertretung. Die arabischen Vertreter argumentierten, dass als Mehrheitsbevölkerung ihnen das Recht auf Selbstbestimmung im Mandatsgebiet zustehe. Sie bestritten, dass das Mandat und die Balfour-Erklärung eine rechtliche oder moralische Grundlage hätten, die diesen Mehrheitsanspruch aushebeln dürfe.
Der Aufstand war darüber hinaus an eine breitere arabische und islamische Öffentlichkeit gerichtet. Durch Appelle an Nachbarstaaten und an die arabische Liga versuchten die palästinensischen Führungen, die eigene Sache als Teil einer größeren arabischen und muslimischen Frage darzustellen. So verband sich die lokale Auseinandersetzung mit regionalen Identitäten und Solidarisierungen.
Britische Kommissionen und arabische Reaktionen
Die britische Regierung reagierte auf die Eskalation nicht nur mit militärischer Gewalt, sondern auch mit Untersuchungskommissionen. Besonders bedeutsam war die Peel-Kommission von 1937, die unter anderem eine Teilung des Mandatsgebietes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlug. Für viele arabische Vertreter war dies ein Schock, da damit die Anerkennung eines jüdischen Staates in Teilen Palästinas in Aussicht gestellt wurde.
Die arabischen Reaktionen auf solche Vorschläge waren überwiegend ablehnend. Das Arabische Hohe Komitee lehnte die Teilungspläne als unrechtmäßig und ungerecht ab. Es verwies darauf, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung vor Beginn des Mandats arabisch gewesen sei und dass Teilungspläne diese historische und demografische Realität missachteten. Zudem sahen viele darin eine Belohnung der zionistischen Bewegung auf Kosten der einheimischen Bevölkerung.
Diese Ablehnung hatte Konsequenzen. Sie verhärtete nicht nur die Fronten mit der britischen Mandatsmacht und der zionistischen Bewegung, sondern trug auch dazu bei, dass alternative Modelle wie föderale oder konföderative Lösungen kaum ausgearbeitet wurden. Die Fixierung auf vollständige Mehrheitskontrolle über das gesamte Gebiet ließ wenig Raum für Kompromisse und verstärkte die Tendenz zu einem Nullsummendenken.
Repression, Spaltungen und Erschöpfung des Aufstands
Die Antwort der britischen Mandatsmacht auf den Arabischen Aufstand beinhaltete umfangreiche Repressionsmaßnahmen. Dörfer wurden durchsucht, führende Aktivisten verhaftet oder ins Exil geschickt. Die militärische Bekämpfung der Aufständischen führte zu erheblichen Verlusten auf arabischer Seite und zur Zerstörung von Infrastruktur und wirtschaftlichen Grundlagen in ländlichen Gebieten.
Die arabische Führung erlitt schwere Rückschläge. Teile des Arabischen Hohen Komitees gingen ins Exil, die innere Koordination brach zusammen. Lokale Anführer und bewaffnete Gruppen agierten zunehmend eigenständig und gerieten auch untereinander in Konflikt. Dies führte zu einer weiteren Fragmentierung der politischen Landschaft und untergrub die Fähigkeit, den Aufstand strategisch zu steuern.
Mit der Zeit wuchs unter vielen Arabern Erschöpfung. Die wirtschaftlichen Kosten, die Verluste an Menschenleben und die Aussichtslosigkeit eines militärischen Sieges ließen die Unterstützung für den bewaffneten Kampf sinken. Der Aufstand ebbte schließlich ab, nicht weil seine Ziele erreicht wurden, sondern weil seine Träger geschwächt und zersplittert waren und weil der Repressionsdruck zu groß geworden war.
Das Weißbuch von 1939 und arabische Bewertungen
Am Ende der Aufstandsperiode veröffentlichte die britische Regierung das Weißbuch von 1939, in dem sie ihre Politik neu ausrichtete. Dieses Dokument begrenzte die jüdische Einwanderung und stellte eine langfristige Perspektive einer mehrheitsbasierten Selbstverwaltung in Aussicht, die faktisch eine arabische Dominanz bedeutet hätte. Gleichzeitig blieb es innenpolitisch umstritten und trat nicht in allen Punkten vollständig in Kraft.
Unter arabischen Akteuren wurde das Weißbuch unterschiedlich bewertet. Einige betrachteten es als späten, aber wichtigen Schritt in Richtung ihrer Forderungen. Andere sahen darin lediglich ein taktisches Zugeständnis der Briten vor dem Hintergrund des drohenden Zweiten Weltkriegs, das jederzeit wieder zurückgenommen werden könne. Zudem glaubten viele, dass die im Weißbuch verbliebenen Spielräume für jüdische Einwanderung und Landkäufe weiter problematisch seien.
Die innerarabischen Spaltungen in der Bewertung des Weißbuchs spiegelten grundsätzliche Unterschiede wider. Ein Teil der Führung plädierte dafür, pragmatisch mit den Briten zusammenzuarbeiten, um schrittweise Vorteile zu sichern. Ein anderer Teil lehnte Kompromisse ab und hielt am Ziel einer vollständigen Kontrolle ohne institutionelle Garantien für die jüdische Minderheit fest. Diese Divergenz prägte die weitere politische Entwicklung.
Auswirkungen der Aufstände auf die arabische Politik
Die arabischen Aufstände hatten tiefgreifende Folgen für die politische Landschaft der palästinensischen Araber. Einerseits schufen sie ein starkes Gefühl gemeinsamen Widerstands und festigten eine kollektive Identität, die sich ausdrücklich gegen Kolonialherrschaft und gegen die politischen Ziele der zionistischen Bewegung richtete. Der Begriff des Widerstands wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Selbstverständnisses.
Andererseits hinterließen die Aufstände ein Erbe von Zerstörung, Führungsmangel und innerer Zerrissenheit. Die Eliminierung oder Vertreibung vieler politischer und militärischer Führungspersonen schwächte die Fähigkeit, in den folgenden entscheidenden Jahren geschlossen zu handeln. So wirkten die Repressionen der Mandatszeit bis in die Phase des Krieges von 1947 bis 1949 fort, als die arabische Seite auf eine erneute große Herausforderung traf.
Die Erfahrungen der Aufstände prägten auch die Haltung gegenüber Verhandlungen und Kompromissen. Viele Araber waren überzeugt, dass nur entschlossener Widerstand Erfolge bringe, andere sahen im Scheitern des bewaffneten Kampfes ein Argument für diplomatische Strategien. Diese Spannungen zogen sich durch die weitere Geschichte und beeinflussten, wie arabische Akteure auf neue politische Vorschläge reagierten.
Verbindung zu regionalen und internationalen Entwicklungen
Die arabischen Aufstände in Palästina blieben nicht isoliert. Sie wurden in der arabischen Welt aufmerksam verfolgt und lösten Solidarität und Debatten aus. In Nachbarländern wie Syrien, dem Libanon, Transjordanien und Ägypten betrachteten viele die Ereignisse in Palästina als Prüfstein für die Glaubwürdigkeit britischer Versprechen und als Symbol für den Kampf gegen Kolonialherrschaft.
Zugleich wirkten internationale Faktoren auf die palästinensischen Araber zurück. Der Aufstieg des europäischen Faschismus, die Verfolgung von Juden in Europa und die sich abzeichnenden globalen Spannungen stellten ihre Sache in einen größeren Kontext. Viele arabische Akteure versuchten, die eigene Position an internationale Entwicklungen anzukoppeln, etwa indem sie Unterstützung von anderen Staaten suchten oder versuchten, die Kolonialpolitik Großbritanniens in Frage zu stellen.
Diese Einbettung in regionale und internationale Strukturen hatte langfristige Folgen. Sie bereitete den Boden für die spätere stärkere Rolle arabischer Staaten im Konflikt und für die vielfältigen Verflechtungen, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte zwischen palästinensischen Akteuren und regionalen Mächten entwickelten.
Bilanz der arabischen Aufstände in der Mandatszeit
Rückblickend können die arabischen Aufstände der Mandatszeit als Ausdruck einer tiefen Krise verstanden werden, in der sich politische Erwartungen, koloniale Herrschaft und nationale Bewegungen auf engem Raum begegneten. Die palästinensischen Araber versuchten, mit Streiks, Massenprotesten und bewaffnetem Widerstand ihre Interessen zu verteidigen und eine Entwicklung aufzuhalten, die sie als existenzielle Bedrohung wahrnahmen.
Politisch erreichten sie nur begrenzte und zum Teil widersprüchliche Ergebnisse. Zwar zwangen sie die britische Regierung zu Überprüfungen ihrer Politik und führten zu Maßnahmen wie dem Weißbuch von 1939. Gleichzeitig schwächten die Aufstände die institutionelle und personelle Basis der arabischen Politik in Palästina und hinterließen ein Erbe von Spaltungen und Traumata.
Diese doppelte Wirkung, Stärkung des nationalen Bewusstseins bei gleichzeitiger Schwächung der politischen Handlungsfähigkeit, ist zentral, um die weitere Entwicklung in den späten 1940er Jahren zu verstehen. Die arabischen Aufstände der Mandatszeit waren somit nicht nur Reaktionen auf unmittelbare Maßnahmen der Mandatsmacht und der zionistischen Bewegung, sondern ein prägender Teil der Entstehungsgeschichte des Konflikts, wie er sich im weiteren Verlauf zuspitzte.