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Überblick über die Mandatsverwaltung
Die britische Herrschaft über Palästina begann de facto gegen Ende des Ersten Weltkriegs und wurde durch das Völkerbundsmandat formalisiert. Die Verwaltung war einerseits eine klassische Kolonialverwaltung des Britischen Empire, andererseits durch das Mandatsdokument an besondere Aufträge gebunden. Sie sollte die im Mandat verankerten Verpflichtungen umsetzen und zugleich imperiale Interessen schützen. Aus diesem Spannungsfeld ergaben sich viele der politischen Spannungen dieser Zeit.
Verwaltungsstruktur und zentrale Akteure
Die oberste zivile Autorität war der Hochkommissar, der im Auftrag der britischen Regierung in London regierte. Er residierte in Jerusalem und vereinte exekutive und teilweise legislative Vollmachten. Unter ihm standen verschiedene Abteilungen, etwa für Finanzen, öffentliche Arbeiten, Polizei und Justiz. Viele leitende Positionen waren mit britischen Beamten besetzt, während Einheimische hauptsächlich in mittleren und unteren Rängen tätig waren.
Britische Beamte mussten zwischen verschiedenen Gruppen vermitteln. Auf der einen Seite standen zionistische Organisationen, die eng mit Institutionen in London vernetzt waren. Auf der anderen Seite die arabische Elite Palästinas, etwa einflussreiche Familien, religiöse Führer und lokale Notabeln. Die britische Verwaltung versuchte diese Gruppen durch beratende Gremien und Verwaltungsposten einzubinden, ohne ihnen jedoch echte Souveränität zu geben. Das förderte den Eindruck, die eigentlichen Entscheidungen würden ohne die Bevölkerung getroffen.
Umsetzung der Balfour-Erklärung in Verwaltungspolitik
Die Balfour-Erklärung, deren Inhalt im Mandatsdokument verankert wurde, beeinflusste die britische Politik maßgeblich. Die Verwaltung sollte die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ unterstützen, gleichzeitig aber darauf achten, dass die „bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina“ nicht beeinträchtigt würden. Diese doppelte Verpflichtung war bewusst vage formuliert und erzeugte unterschiedliche Erwartungen.
In der Praxis unterstützten die Behörden jüdische Institutionen, etwa durch die Anerkennung hebräischer Schulen, die Duldung eigener Selbstverwaltungsstrukturen und erleichterte Zusammenarbeit mit zionistischen Organisationen bei Einwanderung und Landkauf. Zugleich betonte die Verwaltung gegenüber der arabischen Bevölkerung, dass keine „jüdische Staatsgründung“ auf Kosten der arabischen Mehrheit vorgesehen sei. Dieses Doppelspiel, auch als „balancing act“ beschrieben, führte zu wachsendem Misstrauen auf beiden Seiten, da sich keine Gruppe vollständig durch britische Politik repräsentiert fühlte.
Landpolitik, Eigentum und Verwaltungspraxis
Landfragen wurden zu einem zentralen Feld der Mandatspolitik. Die britische Verwaltung führte Kataster und Grundbücher ein, um Eigentumsverhältnisse zu registrieren. Formell sollte dies Rechtssicherheit schaffen, faktisch erleichterte es oft auch den Verkauf von Land an zionistische Organisationen, sofern formale Besitzrechte vorlagen. Viele arabische Bauern, die traditionell in Pachtverhältnissen lebten, verfügten über keine klaren schriftlichen Titel, während Grundherren, häufig in Städten lebende Großgrundbesitzer, Land an jüdische Käufer verkaufen konnten.
Die britischen Behörden betonten die formale Legalität solcher Geschäfte, unterschätzten aber die sozialen Folgen, etwa die Verdrängung von Pachtbauern. Wenn Bauern ihr Nutzland verloren, mussten sie sich oft als Tagelöhner verdingen oder in Städte abwandern. Die Verwaltung versuchte gelegentlich, Konflikte durch Entschädigungen oder Umsiedlungen abzufedern, blieb dabei aber meist reaktiv. In der Wahrnehmung vieler arabischer Palästinenser trug die britische Landpolitik dazu bei, die wirtschaftliche Basis der einheimischen Bevölkerung zu schwächen, während zionistische Institutionen ein wachsendes zusammenhängendes Landportfolio aufbauten.
Einwanderungspolitik und Sicherheitsdenken
Die Kontrolle der Einwanderung war ein weiterer Kernbereich der Mandatsverwaltung. Britische Behörden stellten Einreisezertifikate aus, führten Quoten ein und verbanden diese mit Einschätzungen der „Aufnahmefähigkeit“ des Landes. In den ersten Mandatsjahren war die Politik relativ offen für jüdische Einwanderung, insbesondere angesichts internationaler Zusagen und des britischen Interesses an verlässlichen Verbündeten in der Region.
Mit zunehmenden Spannungen und arabischen Protesten verschärfte London jedoch schrittweise die Einwanderungsbestimmungen. Berichte und Untersuchungskommissionen empfahlen eine Reduzierung oder Regulierung der Einwanderung, um Unruhen zu vermeiden. Dabei stand nicht nur die Situation in Palästina im Blick, sondern auch die britische Sicherheitslage in der gesamten Region. Die Mandatsverwaltung orientierte sich immer stärker an der Frage, wie sich Maßnahmen auf die Stabilität von Ägypten, Irak und anderen Teilen des Empire auswirken würden.
Die Versuche, Einwanderung durch Kontingente und Kriterien wie „wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit“ zu steuern, konnten weder die zionistischen Erwartungen erfüllen noch die arabische Ablehnung besänftigen. Untergrundmigration und illegale Einreise gewannen an Bedeutung, was wiederum zu einer stärkeren Militarisierung der Grenz- und Küstenkontrollen führte.
Politische Repräsentation und gescheiterte Institutionen
Ein wichtiges Merkmal der britischen Politik war der Versuch, repräsentative Institutionen zu schaffen, ohne eine klare nationale Souveränität zuzulassen. Die Verwaltung schlug verschiedene Gremien vor, etwa einen Legislativrat, in dem Araber, Juden und Briten vertreten sein sollten. Diese Pläne scheiterten jedoch wiederholt an der Frage der Sitzzuteilung und am Widerstand der arabischen Führung, die fürchtete, damit die Mandatsordnung und die Balfour-Verpflichtung indirekt zu legitimieren.
Darüber hinaus setzte London auf beratende Organe, in denen religiöse und gesellschaftliche Eliten zu Wort kamen, ohne dass diese Gremien verbindliche Entscheidungsmacht erhielten. Für viele arabische Akteure wirkte dies wie eine Fassade partizipativer Politik. Zionistische Vertreter wiederum bauten parallel eigene repräsentative Institutionen auf, die sie als Vorbereitung auf spätere Staatlichkeit verstanden. Die britische Weigerung, eine gemeinsame, demokratisch legitimierte Gesamtvertretung der Bevölkerung zuzulassen, trug dazu bei, dass sich die beiden Gemeinschaften politisch getrennt weiterentwickelten.
Sicherheitsapparat, Polizei und Aufstandsbekämpfung
Mit der Zunahme von Spannungen und Gewalt entwickelte sich der Sicherheitsapparat zu einem zentralen Instrument britischer Herrschaft. Die Mandatsverwaltung baute eine Polizei auf, die stark von britischen Offizieren geprägt war, aber auch lokale Kräfte rekrutierte. Zusätzlich wurden Gendarmerieeinheiten und Hilfstruppen eingesetzt, um ländliche Gebiete zu kontrollieren und Infrastruktur zu schützen.
Die britische Politik folgte dabei Mustern, die auch in anderen Kolonialgebieten angewandt wurden. Dazu gehörten Ausgangssperren, Kollektivstrafen, Hausdurchsuchungen und die Errichtung von Sperren und Barrieren. Die Behörden griffen auf Notstandsverordnungen zurück, die weitreichende Vollmachten zur Internierung von Verdächtigen, zur Einschränkung von Versammlungs- und Pressefreiheit und zur Enteignung von Eigentum gaben. Diese Maßnahmen sollten kurzfristig Stabilität schaffen, führten aber langfristig zu tieferem Misstrauen gegenüber der Mandatsmacht.
Administrative Trennung und parallele Institutionen
Im Laufe der Mandatszeit förderte die britische Politik zunehmend eine administrative Trennung zwischen jüdischen und arabischen Strukturen. Obwohl Palästina formal eine Verwaltungseinheit blieb, entwickelten sich parallele Bildungssysteme, Gesundheitsdienste, Gewerkschaften und ökonomische Netzwerke. Die britische Verwaltung tolerierte und begünstigte zum Teil diese Parallelität, weil sie es erleichterte, Gruppen getrennt anzusprechen und zu kontrollieren.
So entstanden de facto zwei gesellschaftliche Systeme innerhalb desselben Mandatsgebiets. Jüdische Institutionen erlangten durch ihre organisatorische Stärke relativ großen Handlungsspielraum, während arabische Institutionen oft fragmentiert blieben und stärker von britischer Aufsicht abhängig waren. Die Mandatsbehörden griffen gelegentlich moderierend ein, wenn es zu offenen Konflikten kam, änderten aber an der Grundtendenz der getrennten Entwicklung wenig.
Strategische Interessen des Empire
Die britische Politik in Palästina war nie nur durch lokale Erwägungen bestimmt. Palästina lag an einer strategisch wichtigen Route zwischen Europa, dem Suezkanal und Indien. Die Kontrolle über Häfen, Verkehrswege und Kommunikationslinien hatte für London hohen Stellenwert. Entscheidungen über Verwaltung, Infrastruktur und Sicherheit wurden deshalb immer im größeren imperialen Kontext getroffen.
Diese Perspektive führte zu einer Priorisierung der eigenen militärischen und ökonomischen Interessen. Wenn Konflikte zwischen den Gemeinschaften drohten, die regionale Stabilität oder den Zugang zu Ressourcen gefährden konnten, war die britische Politik eher bereit, bisherige Zusagen zu relativieren oder zu revidieren. Das trug zu dem Eindruck bei, britische Prinzipien seien flexibel, sobald höhere imperiale Ziele berührt würden.
Politik der Weißbücher und Kurswechsel
Im Verlauf der Mandatszeit versuchte die britische Regierung wiederholt, ihre Politik durch sogenannte Weißbücher neu zu definieren. Diese Dokumente fassten den Stand der britischen Sicht auf Palästina zusammen und schlugen politische Richtungsänderungen vor. Sie reflektierten den Druck durch Unruhen vor Ort, internationale Entwicklungen und innenpolitische Debatten in Großbritannien.
Ein wesentlicher Trend dieser Papiere war eine allmähliche Abkehr von der frühen Auslegung der Balfour-Erklärung zugunsten einer stärkeren Betonung der „Rechte der bestehenden Bevölkerung“. Gleichzeitig sollten britische Sicherheitsinteressen gewahrt bleiben. Für zionistische Akteure wirkten diese Kurskorrekturen wie Brüche mit früheren Versprechen, für arabische Akteure waren sie oft unzureichend und zu spät. Die Mandatsverwaltung vor Ort musste diese widersprüchlichen Vorgaben aus London in konkrete Politik übersetzen und geriet dadurch zunehmend in ein Dilemma.
Erosion der britischen Kontrolle und politische Sackgasse
Gegen Ende der Mandatszeit zeigte sich immer deutlicher, dass die britische Verwaltung ihrer selbst auferlegten Doppelrolle nicht mehr gerecht werden konnte. Die gleichzeitige Verpflichtung gegenüber einer jüdischen nationalen Heimstätte und den Rechten der arabischen Bevölkerung war in eine politische Sackgasse geraten. Verwaltungsentscheidungen wurden immer stärker von der Notwendigkeit geprägt, kurzfristige Ordnung aufrechtzuerhalten, statt langfristige Lösungen zu entwickeln.
Die wachsenden Kosten an Personal, Finanzen und politischem Kapital führten dazu, dass in London die Bereitschaft sank, das Mandat weiterzuführen. Die Verwaltung vor Ort agierte zunehmend defensiv, reagierte auf Krisen statt proaktiv Strukturen zu reformieren. Am Ende der Mandatszeit stand nicht eine konsolidierte Ordnung, sondern ein tief gespaltenes Land, dessen politische Zukunft an internationale Gremien übergeben wurde. Die Art und Weise, wie die britische Verwaltung ihre Politik gestaltet hatte, trug wesentlich dazu bei, dass zentrale Konfliktlinien ungelöst blieben.