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Historischer Moment des 14. Mai 1948
Am 14. Mai 1948, nachmittags in Tel Aviv, verkündete David Ben-Gurion im Gebäude des damaligen Nationalrats die Gründung eines jüdischen Staates im Land Israel. Dieser Moment fand statt, als das britische Mandat formal noch wenige Stunden gültig war, die britischen Truppen aber bereits im Abzug begriffen waren. Die Entscheidung, die Unabhängigkeitserklärung noch vor dem offiziellen Ende des Mandats zu verlesen, hatte sowohl symbolische als auch praktische Gründe. Symbolisch sollte gezeigt werden, dass die jüdische Führung bereit war, Verantwortung für einen eigenen Staat zu übernehmen. Praktisch sollte verhindert werden, dass ein juristisches Vakuum entsteht, in dem andere Akteure Ansprüche erheben konnten.
Die Zeremonie selbst war relativ kurz, bewusst nicht öffentlich angekündigt und fand in einem angespannten militärischen Umfeld statt. Bereits seit Monaten tobte im Mandatsgebiet ein Bürgerkrieg zwischen jüdischen und arabischen Kräften. Die Führung der jüdischen Gemeinschaft rechnete damit, dass reguläre Armeen der Nachbarstaaten unmittelbar nach Ende des Mandats angreifen würden. Vor diesem Hintergrund war die Ausrufung des Staates sowohl ein feierlicher Akt als auch ein riskanter politischer Schritt.
Name, Grenzen und rechtlicher Anspruch
In der Unabhängigkeitserklärung wurde der neue Staat mit dem Namen Israel bezeichnet. Dieser Name knüpfte an biblische und historische Traditionen an und sollte die Verbindung der jüdischen Bevölkerung zu der Region betonen. Zugleich vermied die Erklärung eine genaue Festlegung der Staatsgrenzen. Dies war kein Zufall. Die Führung hatte den UN-Teilungsplan zwar politisch akzeptiert, die militärische Lage im Frühjahr 1948 war jedoch dynamisch. Beide Seiten versuchten, über die vorgesehenen Linien hinaus Territorium zu kontrollieren. Eine exakte Grenzbeschreibung hätte die Verhandler sowohl gegenüber der UNO als auch gegenüber der eigenen Bevölkerung eingeschränkt.
Rechtlich stützte sich die Erklärung auf mehrere Argumente. Genannt wurden historische Bindungen, die Entwicklung einer jüdischen Nationalbewegung, das internationale Mandat zur Schaffung einer "nationalen Heimstätte" und insbesondere die UN-Resolution zur Teilung des Mandatsgebiets. Damit sollte deutlich gemacht werden, dass die Staatsgründung nicht nur auf historischer Erinnerung, sondern auch auf Entscheidungen der damaligen internationalen Gemeinschaft beruhte. Zugleich ignorierte der Text die arabische Ablehnung der Teilung, was später ein zentraler Streitpunkt wurde.
Politische Struktur des neuen Staates
Mit der Ausrufung Israels entstand nicht sofort eine fertige Staatsverfassung. Stattdessen definierte die Unabhängigkeitserklärung provisorische Institutionen. Die bereits existierende jüdische Volksvertretung wurde zur provisorischen Regierung und zum provisorischen Staatsrat umgewandelt. Diese Organe sollten den Übergang von der Mandatsverwaltung zu einer souveränen Ordnung organisieren, Wahlen vorbereiten und die laufende Kriegsführung koordinieren.
Die Erklärung versprach demokratische Strukturen, die auf allgemeinen Wahlen, Gewaltenteilung und einer zivilen Regierung beruhen sollten. Konkrete institutionelle Details blieben offen und wurden in späteren Jahren Schritt für Schritt ausgearbeitet. So entstand ein System, das sich zwar an westlichen parlamentarischen Demokratien orientierte, aber stark von den gegebenen Sicherheitsbedenken und der prägenden Rolle einzelner politischer Bewegungen beeinflusst wurde.
Versprechen an Minderheiten in der Unabhängigkeitserklärung
Ein markantes Element der Erklärung waren die Abschnitte zu den nichtjüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern des neuen Staates. Es wurde zugesichert, dass der Staat allen seinen Einwohnern unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht gleiche soziale und politische Rechte gewähren werde. Dazu gehörten das Versprechen von Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Sprachfreiheit und der Schutz der heiligen Stätten aller Religionen.
Diese Zusagen hatten mehrere Funktionen. Nach außen sollten sie den internationalen Erwartungen an einen modernen Nationalstaat entsprechen und insbesondere gegenüber den Vereinten Nationen zeigen, dass der neue Staat bereit war, die Rechte der arabischen Bevölkerung und anderer Minderheiten zu achten. Nach innen sollten sie eine Grundlage bieten, auf der die im Land verbleibenden arabischen Einwohner als Bürger in den Staat integriert werden konnten. Wie weit diese Versprechen im Verlauf des Krieges und in den folgenden Jahren eingelöst wurden, ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten, gehört aber in andere Kapitel.
Reaktionen der jüdischen Gemeinschaft
Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Mandatsgebiet gab es eine breite, wenn auch nicht vollständig einheitliche Unterstützung für die Staatsgründung. Für viele war die Ausrufung Israels der Höhepunkt eines jahrzehntelangen politischen Projekts, das im Zionismus organisiert war. Sie verbanden damit die Hoffnung auf Sicherheit nach den Verfolgungen in Europa und auf Selbstbestimmung nach Jahren kolonialer Verwaltung.
Trotz der Euphorie gab es auch Spannungen. Verschiedene bewaffnete Gruppierungen hatten unterschiedliche Vorstellungen über politische Ordnung, Grenzen und Umgang mit der arabischen Bevölkerung. Die provisorische Regierung versuchte, diese Milizen in eine einheitliche Armee zu integrieren und ihre Autonomie zu begrenzen. Dieser Prozess war mit Konflikten verbunden und wurde zusätzlich durch die unmittelbare Kriegsgefahr erschwert. Die Ausrufung des Staates war daher nicht das Ende innerjüdischer Auseinandersetzungen, sondern verschob sie in einen neuen Rahmen.
Arabische Positionen zur Staatsausrufung
Von arabischer Seite wurde die Ausrufung des Staates Israel überwiegend als illegitim betrachtet. Führende Vertreter der arabischen Gesellschaft im Mandatsgebiet hatten den UN-Teilungsplan abgelehnt. Sie argumentierten, die jüdische Minderheit dürfe keinen eigenen Staat auf einem Land errichten, in dem die arabisch-palästinensische Bevölkerung die Mehrheit stellte. Die Staatsgründung wurde als Fortsetzung kolonialer Politik verstanden, in der die Interessen der einheimischen Bevölkerung ignoriert würden.
Auch mehrere arabische Nachbarstaaten wiesen die Gründung Israels zurück. Für ihre Regierungen stellte die Ausrufung nicht nur eine Verletzung der Rechte der arabischen Bevölkerung im Mandatsgebiet dar, sondern auch eine strategische Herausforderung im regionalen Machtgefüge. Die Staatsausrufung verstärkte die Bereitschaft, militärisch einzugreifen, was sich unmittelbar auf die folgende Kriegsentwicklung auswirkte. In den politischen Erklärungen dieser Zeit wird Israel häufig als "künstliches Gebilde" beschrieben, das keinen legitimen Platz in der Region habe. Diese Sichtweise beeinflusst bis heute Teile der regionalen und gesellschaftlichen Debatten.
Internationale Anerkennung und erste diplomatische Schritte
Wenige Minuten nach der Ausrufung erklärte die Regierung der Vereinigten Staaten die de facto Anerkennung des neuen Staates. Kurz darauf folgte die Sowjetunion mit einer de jure Anerkennung. Diese schnelle, wenn auch unterschiedlich weitgehende Anerkennung war von hoher symbolischer Bedeutung. Sie signalisierte, dass die beiden Großmächte des entstehenden Kalten Krieges bereit waren, mit Israel offizielle Beziehungen aufzunehmen, obwohl der völkerrechtliche Status vieler Fragen noch ungeklärt war.
Weitere Staaten schlossen sich nach und nach an. Manche unterstützten Israel aus historischer Verantwortung oder aus Sympathie für die Lage der jüdischen Bevölkerung nach der Shoah. Andere sahen in der neuen politischen Konstellation eine Chance, Einfluss in der Region zu gewinnen. Gleichzeitig gab es Staaten, die die Anerkennung verweigerten und stattdessen die arabische Position unterstützten. Die frühe diplomatische Einbindung Israels in die internationale Gemeinschaft trug dazu bei, seine staatliche Existenz zu festigen, während die fehlende Anerkennung in Teilen der Region die Konfliktlinien vertiefte.
Verknüpfung mit dem beginnenden Krieg
Die Ausrufung des Staates Israel stand nicht isoliert, sondern war unmittelbar mit dem bereits laufenden und sich ausweitenden Krieg verbunden. Noch während im Unabhängigkeitsdokument von Frieden, Kooperation und Entwicklung die Rede war, bereiteten sich die beteiligten Parteien auf umfangreiche militärische Auseinandersetzungen vor. Die provisorische Regierung Israels musste ihre symbolisch-politische Entscheidung sofort mit praktischen Maßnahmen unterlegen. Dazu gehörten die Mobilisierung von Kämpfern, der Erwerb und Einsatz von Waffen sowie die Organisation der Versorgung einer zunehmend kriegsbetroffenen Bevölkerung.
Auf arabischer Seite verstärkte die Staatsausrufung die Überzeugung, dass das verbliebene Mandatsgebiet mit Gewalt zurückgewonnen oder zumindest die Ausdehnung des neuen Staates begrenzt werden müsse. Die Trennungslinien zwischen Bürgerkrieg und zwischenstaatlichem Krieg verschwammen. In dieser Situation wurde die Gründung Israels von unterschiedlichen Akteuren entweder als Legitimation eines Verteidigungskrieges oder als Anlass eines Befreiungskrieges interpretiert. Die langfristigen Folgen dieser unterschiedlichen Deutungen begleiten die politischen Diskussionen bis in die Gegenwart.
Symbolik und Erinnerung an die Staatsgründung
Innerhalb Israels entwickelte sich die Ausrufung des Staates zu einem zentralen Element nationaler Erinnerungskultur. Der Tag wird jedes Jahr im Rahmen des Unabhängigkeitstages begangen, mit offiziellen Zeremonien, öffentlichen Feiern und Ansprachen der politischen Führung. In den offiziellen Erzählungen wird die Staatsgründung oft als Erfüllung eines historischen Traums verstanden und als Wendepunkt von Ohnmacht zu Selbstbestimmung beschrieben.
Auf palästinensischer Seite hingegen ist dieselbe historische Phase eng mit der Erinnerung an Vertreibung, Verlust und Krieg verbunden. Während in Israel der Text der Unabhängigkeitserklärung als Gründungsdokument positiv hervorgehoben wird, steht für viele Palästinenserinnen und Palästinenser der Beginn des Staates Israel für den Einschnitt, an dem ihr eigenes kollektives Schicksal eine dramatische Wendung nahm. Diese gegensätzlichen Deutungen ein und desselben Ereignisses sind ein wesentlicher Bestandteil der verschiedenen Narrative, die in anderen Kapiteln dieses Kurses ausführlicher behandelt werden.