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Regionale Machtverhältnisse

Überblick über die neue regionale Ordnung

Nach dem Krieg von 1947 bis 1949 entstand im Nahen Osten eine neue politische Landkarte. Der Staat Israel existierte nun, die Waffenstillstandslinien waren gezogen, und Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser lebten als Flüchtlinge vor allem in den Nachbarstaaten. Die Zeit von 1949 bis 1967 war geprägt von einem komplexen Machtgefüge, in dem sich arabische Staaten, Israel und Großmächte neu positionierten. Militärische Stärke, ideologische Projekte und innere Stabilität bestimmten, wer in der Region Einfluss gewann oder verlor.

Ägypten: Vom Königreich zur revolutionären Führungsmacht

Ägypten war bevölkerungsreich, kontrollierte den Suezkanal und galt lange als kulturelles Zentrum der arabischen Welt. Nach der Niederlage von 1948 war das Ansehen des ägyptischen Königshauses beschädigt. 1952 stürzte eine Gruppe junger Offiziere, die sogenannten Freien Offiziere, den König. Aus dieser Bewegung ging Gamal Abdel Nasser als dominierende Figur hervor.

Nasser setzte auf ein Programm des arabischen Nationalismus und der Unabhängigkeit von westlicher Kontrolle. Die Verstaatlichung des Suezkanals 1956 war ein zentraler Schritt, der zum Suezkrieg führte. Dass Ägypten trotz der militärischen Überlegenheit Israels, Großbritanniens und Frankreichs politisch nicht zusammenbrach, stärkte Nassers Ansehen enorm. In den Augen vieler Araber wurde Ägypten zum politischen und symbolischen Zentrum des arabischen Widerstands gegen Israel und gegen westliche Dominanz.

Gleichzeitig blieb Ägypten wirtschaftlich verwundbar und militärisch auf sowjetische Unterstützung angewiesen. Die starke ideologische Rolle Nassers und die Größe des Landes verliehen Ägypten jedoch ein Gewicht, das andere arabische Staaten herausforderte oder in seinen Sog zog.

Jordanien: Kleiner Staat mit heikler Schlüsselposition

Jordanien war flächenmäßig groß, aber bevölkerungsarm. Durch den Krieg von 1947 bis 1949 hatte es das Westjordanland und Ostjerusalem unter seine Kontrolle gebracht. Damit gewann Jordanien Territorium und Palästinenser als neue Untertanen, was das demographische Gewicht der palästinensischen Bevölkerung stark erhöhte.

König Abdullah I. und später König Hussein verfolgten eine vorsichtige Politik. Jordanien war militärisch schwächer als Israel und Ägypten, aber es kontrollierte heilige Stätten in Jerusalem und besaß eine lange gemeinsame Grenze mit Israel. Das machte es sowohl verwundbar als auch unverzichtbar für jedes regionale Gleichgewicht.

Intern musste Jordanien zwischen der Loyalität seiner ostjordanischen Stammeseliten und den politischen Erwartungen der palästinensischen Mehrheit balancieren. Extern suchte es Absicherung durch enge Beziehungen zu Großbritannien und in gewissem Maß zu den USA. Jordanien bewegte sich damit eher im westlich orientierten Lager, was es in Konflikt mit radikalerem arabischem Nationalismus brachte, insbesondere mit Nassers Ägypten.

Syrien: Ideologische Ambitionen und politische Instabilität

Syrien grenzte direkt an Israel, verfügte aber im Vergleich zu Ägypten und sogar zu Jordanien über deutlich weniger Stabilität. Die 1950er und frühen 1960er Jahre waren in Syrien geprägt von Putschen, wechselnden Regierungen und einer starken Durchdringung der Politik durch das Militär.

Trotz der Instabilität spielte Syrien eine wichtige Rolle im arabischen Konfrontationskurs gegenüber Israel. Seine geographische Lage ermöglichte Artillerieangriffe von den Golanhöhen auf israelische Gebiete, und syrische Regierungen unterstützten palästinensische Gruppen, die Angriffe über die Grenze durchführten.

Mit dem Aufstieg der Baath-Partei, die Panarabismus und Sozialismus propagierte, suchte Syrien ideologisch an Nasser anzuknüpfen, stand aber in einem Konkurrenzverhältnis zu Ägypten um die Deutungshoheit des arabischen Nationalismus. Der Zusammenschluss Ägyptens und Syriens zur Vereinigten Arabischen Republik 1958 und ihre Auflösung 1961 spiegeln diesen Versuch und sein Scheitern. Syrien blieb damit ein wichtiger, aber schwer berechenbarer Akteur, der oft eine härtere Linie gegenüber Israel forderte als andere Staaten.

Irak: Entfernung von der Front, Nähe zur arabischen Frage

Irak war kein direkter Nachbar Israels, aber als rohstoffreiches Land mit einer bedeutenden Armee von Gewicht. Das haschemitische Königshaus stand in engem Verhältnis zu Jordanien und pflegte wie dieses zunächst eine prowestliche Orientierung.

Die Revolution von 1958, bei der die Monarchie gestürzt wurde, veränderte die Stellung des Iraks. Das neue Regime präsentierte sich als antikolonial und arabisch-nationalistisch, wenn auch nicht vollständig unter Nassers Einfluss. Irak beteiligte sich politisch und militärisch an der Konfrontation mit Israel und konkurrierte zugleich mit Ägypten um Führungsrollen in der arabischen Welt.

Auch wenn der Irak für militärische Auseinandersetzungen mit Israel durch die Entfernung weniger bedeutsam war, verstärkte sein Wandel die antiwestliche und antiisraelische Grundstimmung im arabischen Lager. Zusammen mit Syrien trug er zu einem Block von Staaten bei, die sich offen auf die sowjetische Seite zubewegten.

Saudi-Arabien und die Golfstaaten: Ökonomische Ressourcen, begrenzte Frontrolle

Saudi-Arabien war Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina und damit religiös besonders bedeutsam. In den 1950er und frühen 1960er Jahren begann der Ölreichtum seine Machtstellung auszubauen. Politisch verhielt sich Saudi-Arabien jedoch vorsichtig und konservativ.

Riad betrachtete mit Skepsis sowohl den radikalen arabischen Nationalismus Nassers als auch den westlichen Einfluss in der Region. Gegenüber Israel zeigte Saudi-Arabien klare Feindschaft, hatte aber keine gemeinsame Grenze und engagierte sich vor allem finanziell und diplomatisch. Direkte militärische Konfrontationen gehörten nicht zu seiner Machtstrategie.

Die kleineren Golfstaaten wie Kuwait oder Katar standen am Anfang ihrer ölgetriebenen Entwicklung und spielten in diesem Zeitraum nur eine begrenzte eigenständige Rolle. Dennoch begannen ihre wachsenden Ressourcen die langfristige ökonomische Machtbalance im Nahen Osten zu verschieben.

Israel: Militärische Stärke und diplomatische Isolation

Israel war territorial klein und umgeben von Staaten, die es nicht anerkannten. Diese sicherheitspolitische Lage prägte die israelische Strategie. Die Regierung setzte stark auf militärische Überlegenheit, schnelle Mobilisierung und präventive Schlagkraft. In mehreren militärischen Auseinandersetzungen und Grenzzwischenfällen zeigte Israel, dass es bereit war, hart zurückzuschlagen, etwa gegenüber ägyptischen und syrischen Stellungen oder Fedajin-Angriffen aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland.

Diplomatisch war Israel in der Region isoliert, gewann jedoch an Bedeutung für westliche Staaten, die in ihm einen Verbündeten im Kalten Krieg sahen. Gleichzeitig knüpfte Israel strategische Beziehungen zur Türkei und zum Schah-Regime im Iran, die beide zwar muslimische Länder, aber keine arabischen Staaten waren. Diese peripheren Allianzen sollten das Gefühl der Einkreisung abschwächen und die regionalen Machtverhältnisse indirekt beeinflussen.

Die militärische Leistungsfähigkeit Israels, sichtbar etwa im Suezkrieg 1956, verschob die Wahrnehmung von Stärke im Nahen Osten. Viele arabische Regierungen mussten erklären, warum ein kleiner, neuer Staat ihnen militärisch überlegen erscheinen konnte. Das verstärkte den Druck, aufzurüsten und interne Reformen anzukündigen, um Legitimität gegenüber der eigenen Bevölkerung zu sichern.

Großmächte: Kalter Krieg als Rahmen der regionalen Rivalitäten

Die regionalen Machtverhältnisse von 1949 bis 1967 lassen sich kaum ohne den Kalten Krieg verstehen. Die USA und die Sowjetunion suchten Einflusszonen, Stützpunkte und Verbündete. Der Konflikt um Israel und Palästina wurde damit Teil einer größeren Systemkonfrontation.

Die USA unterstützten vor allem Länder, die ihnen als Bollwerke gegen den sowjetischen Einfluss erschienen. Dazu gehörten Israel, aber auch Staaten wie Iran, Türkei, Jordanien und zeitweise Irak. Militärhilfe, wirtschaftliche Unterstützung und politische Rückendeckung in internationalen Organisationen stärkten diese Regierungen und verschoben die regionale Balance zu ihren Gunsten.

Die Sowjetunion wandte sich zunehmend Ägypten und Syrien zu, später auch dem revolutionären Irak. Sie lieferte Waffen, half beim Aufbau von Armeen und beim Ausbau von Infrastruktur. Die Verfügbarkeit moderner Waffen veränderte die militärische Balance im Nahen Osten und heizte das Wettrüsten an.

Der Suezkrieg 1956 markierte einen Wendepunkt. Die gemeinsame Operation Großbritanniens, Frankreichs und Israels gegen Ägypten wurde durch Druck der USA und der Sowjetunion gestoppt. Das schwächte die alten Kolonialmächte und machte deutlich, dass künftig Washington und Moskau die entscheidenden externen Akteure in der Region waren. Nasser konnte sich als Sieger präsentieren, obwohl seine Armee geschlagen war. Somit verschoben sich sowohl die innerarabischen Machtverhältnisse als auch die globale Einbettung des Konflikts.

Arabischer Nationalismus und innerarabische Rivalitäten

Neben militärischer und wirtschaftlicher Kraft spielte Ideologie eine große Rolle. Der arabische Nationalismus, besonders in seiner nassistischen und baathistischen Ausprägung, versprach Einheit und Stärke gegenüber Israel und dem Westen. In der Praxis führte die Frage, wer diese Einheit anführen sollte, allerdings zu Rivalitäten.

Ägypten, Syrien und später Irak stellten sich als Speerspitzen des antiisraelischen Kampfes dar. Konservative Monarchien wie Jordanien und Saudi-Arabien wurden von ihnen oft als zu zögerlich oder gar als Verräter kritisiert. Diese Spannungen schwächten die Fähigkeit der arabischen Staaten, koordiniert zu handeln, und erschwerten gemeinsame Strategien gegenüber Israel.

Der Versuch, mit der Vereinigten Arabischen Republik eine echte politische Vereinigung zu schaffen, scheiterte schnell. Das zeigte, wie schwer es war, ideologische Appelle in stabile institutionelle Strukturen zu übersetzen. Trotzdem blieb die Rhetorik von Einheit und Befreiung stark und übte auch auf die palästinensische Bevölkerung große Anziehung aus.

Die palästinensische Frage als Machtfaktor

Palästinensische Flüchtlinge lebten in Lagern im Libanon, in Syrien, Jordanien und im Gazastreifen, der unter ägyptischer Kontrolle stand. Sie hatten in dieser Zeit keine eigenständige Staatlichkeit und waren auf die Politik ihrer Aufnahmeländer angewiesen. Gleichzeitig war ihre Existenz ein dauernder Anklagepunkt gegen Israel und ein Mobilisierungsmittel für arabische Regime.

Arabische Regierungen nutzten die palästinensische Frage zur Stärkung ihrer eigenen Legitimität. Wer sich besonders radikal gegen Israel positionierte, beanspruchte moralische Führung im arabischen Lager. Das verschob das regionale Machtgefüge immer wieder, da Rivalen sich über ihre Haltung zur palästinensischen Sache profilierten.

Zugleich wuchs bei vielen Palästinenserinnen und Palästinensern die Einsicht, dass sie nicht nur Objekt der Politik anderer Staaten sein wollten. Die allmähliche Herausbildung einer eigenständigen palästinensischen Nationalbewegung, die in späteren Jahren institutionelle Form annahm, wurde von diesen Machtkonstellationen stark beeinflusst.

Vor dem Sechstagekrieg: Zuspitzung der Kräfteverhältnisse

In den Jahren unmittelbar vor 1967 beschleunigte sich das Wettrüsten. Syrien und Ägypten erhielten umfangreiche sowjetische Waffenlieferungen, Israel verstärkte seine Armee mit westlicher Hilfe. Grenzzwischenfälle, etwa entlang der syrischen Grenze oder im Gaza-Gebiet, nahmen zu. Gleichzeitig blieb die politische Koordination der arabischen Staaten begrenzt und widersprüchlich.

Die regionalen Machtverhältnisse kurz vor dem Sechstagekrieg waren durch mehrere Spannungen geprägt. Israel war militärisch stark, aber politisch isoliert. Ägypten hatte hohes symbolisches Kapital, war aber militärisch und wirtschaftlich überfordert. Syrien forderte eine harte Linie, war aber innen instabil. Jordanien war geografisch und demographisch exponiert und musste zwischen Druck aus der arabischen Welt und der Bedrohung aus Israel navigieren. Darüber lagen die Interessen der USA und der Sowjetunion, die versuchten, ihren jeweiligen Einflussbereich zu sichern.

In dieser Konstellation führten Misstrauen, Rüstungsdynamiken und innenpolitische Zwänge auf allen Seiten zu einer immer fragileren Balance. Die Machtverhältnisse, die sich seit 1949 herausgebildet hatten, bereiteten damit den Boden für die Eskalation, die im Sechstagekrieg von 1967 kulminierte.

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