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Gesellschaftliche Ausgangslagen nach 1949
Zwischen 1949 und 1967 veränderte sich der Alltag der Menschen in Israel und den arabischen Staaten tiefgreifend, auch wenn sich dies nicht überall in gleicher Weise zeigte. Der Krieg von 1948 hatte neue Grenzen, neue Flüchtlingsgemeinschaften und neue politische Realitäten geschaffen. Für viele Menschen begann ein Leben in provisorischen Verhältnissen, begleitet von Unsicherheit, aber auch vom Versuch, Normalität aufzubauen.
In dieser Zeit entwickelte sich Israel zu einem eigenständigen Staat mit sich festigenden Institutionen, die umliegenden arabischen Staaten standen zugleich vor der Aufgabe, palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen und eigene politische Krisen und Umbrüche zu bewältigen. Dadurch prägten unterschiedliche Erfahrungen von Nationenbildung, Vertreibung und ökonomischer Entwicklung den Alltag.
Alltag in Israel: Einwanderung und Aufbau
Für die Einwohnerinnen und Einwohner Israels war die Zeit nach 1949 von starkem Bevölkerungswachstum geprägt. Juden aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten wanderten ein, oft unmittelbar nach eigener Verfolgung, Diskriminierung oder Vertreibung. In Israel trafen sehr unterschiedliche Sprachen, religiöse Traditionen und Lebensweisen aufeinander, was den Alltag im jungen Staat stark prägte.
Viele Neuankömmlinge lebten zunächst in Übergangslagern, den sogenannten Maʿabarot. Das Leben dort war von beengten Wohnverhältnissen, unzureichender Versorgung und Abhängigkeit vom Staat geprägt. Zelte oder einfache Blechbaracken boten nur einen provisorischen Schutz, die sanitäre Infrastruktur war mangelhaft, und das Arbeitsleben musste häufig ganz neu organisiert werden. Schritt für Schritt wurden diese Lager in Stadtviertel oder neue Ortschaften umgewandelt, doch für viele Familien blieb der Start von materieller Unsicherheit begleitet.
Parallel entstanden landwirtschaftliche Kollektive wie Kibbutzim und Moshavim, die nicht nur Produktionsstätten waren, sondern auch Alltag, Erziehung und soziale Beziehungen prägten. In vielen dieser Gemeinden lebten Menschen gemeinsam, aßen in Speisesälen, organisierten Kinderbetreuung kollektiv und erlebten ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Der Alltag war von harter körperlicher Arbeit bestimmt, aber auch von dem Ideal, ein neues Leben in einem als national empfundenen Rahmen zu gestalten.
In den entstehenden Städten entwickelte sich ein anderer Alltag. Tel Aviv wuchs und gewann zunehmend den Charakter einer modernen Metropole mit Cafés, Theatern und einem säkular geprägten urbanen Leben. Gleichzeitig fehlte es in vielen Stadtvierteln an ausreichend Wohnraum, und die Unterschiede zwischen wohlhabenderen, oft europäisch geprägten Einwanderern und neu ankommenden jüdischen Gemeinschaften aus arabischen Ländern machten sich im täglichen Leben bemerkbar.
Soziale Spannungen und Integration in Israel
Die Vielfalt der Herkunftsländer führte zu deutlichen sozialen Spannungen. Viele Einwanderer aus Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sahen sich mit Benachteiligungen konfrontiert. Sie wurden überproportional in entlegenen Entwicklungsstädten angesiedelt, fanden häufig nur einfache oder schlecht bezahlte Arbeit und erlebten, dass Bildungschancen ungleich verteilt waren.
Dies wirkte sich direkt auf den Alltag aus. Wer in einer Entwicklungsstadt lebte, war oft weit entfernt von wirtschaftlichen Zentren und kulturellen Angeboten. Öffentliche Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Schulen und Verkehr waren weniger gut ausgebaut. Kinder wuchsen in einem Umfeld auf, das von materieller Knappheit geprägt war, zugleich aber von einem starken Familienzusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung.
In Städten mit gemischten Einwanderergruppen kam es zu einer langsamen Vermischung von Sprachen, Küchen und Bräuchen, aber auch zu Vorurteilen und Hierarchien. Im Alltag beschränkte sich dies nicht auf abstrakte Debatten, sondern zeigte sich in Nachbarschaften, in Schulen und auf dem Arbeitsmarkt.
Der Staat versuchte, durch Hebräischunterricht, Schulpflicht und Militärdienst eine gemeinsame Identität zu formen. Der Wehrdienst spielte für viele junge Menschen eine zentrale Rolle. Er brachte verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammen, vermittelte ein Gefühl der Zugehörigkeit, konnte aber bestehende Ungleichheiten nicht vollständig aufheben. Im täglichen Leben blieben Spannungen zwischen religiösen und säkularen Juden, zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und zwischen Stadt und Land spürbar.
Sicherheit, Grenzen und Militär im israelischen Alltag
Die Nähe zur Grenze und die Erinnerung an den Krieg prägten in Israel das Alltagsgefühl von Sicherheit. In manchen Regionen lebten Menschen in unmittelbarer Reichweite bewaffneter Zwischenfälle. Alarme, Schutzräume und Berichte über Zwischenfälle an den Waffenstillstandslinien gehörten für viele zum Hintergrundrauschen des täglichen Lebens.
Der Militärdienst war nicht nur ein institutioneller Rahmen, sondern Teil der Lebensplanung ganzer Generationen. Familien richteten sich auf die Zeit ein, in der Söhne und später auch Töchter zum Dienst eingezogen wurden. Dies beeinflusste Ausbildung, Berufswahl und persönliche Beziehungen. Gleichzeitig spielte das Militär in der öffentlichen Kultur eine große Rolle, ob in Gedenkfeiern, Liedern oder Filmen.
Trotz dieser Sicherheitslage versuchten viele Menschen, ein möglichst normales Leben zu führen. Kinder gingen zur Schule, Familien gründeten kleine Geschäfte, universitäre Einrichtungen begannen sich zu entwickeln, und Freizeitaktivitäten wie Strandbesuche, Sport und kulturelle Veranstaltungen waren Teil des Alltags. Die Spannung zwischen einem Gefühl ständiger Bedrohung und dem Wunsch nach Normalität war charakteristisch für das Leben im Land.
Arabische Staaten: Aufnahme von Flüchtlingen und innere Umbrüche
In den arabischen Staaten gestaltete sich der Alltag stark unterschiedlich, je nachdem, ob Menschen Bürger des jeweiligen Staates waren oder als palästinensische Flüchtlinge lebten. Staaten wie Libanon, Jordanien, Syrien und Ägypten sahen sich vor die Aufgabe gestellt, große Flüchtlingszahlen aufzunehmen. Dies beeinflusste ihre Städte, ihr Sozialsystem und ihre politische Kultur.
Für viele palästinensische Flüchtlinge begann ein Leben in Lagern, das oft als vorübergehend gedacht war, aber jahrelang anhielt. Zelte und später einfache Bauten ersetzten die verlassenen Dörfer und Städte. Die Lebensbedingungen waren von beengten Räumen, mangelnder Infrastruktur und Abhängigkeit von Hilfsorganisationen geprägt. Kinder wuchsen in einem Umfeld auf, das von Erzählungen über die verlorene Heimat, von provisorischen Schulen und von eingeschränkten Zukunftsperspektiven bestimmt war.
Gleichzeitig erlebten die arabischen Staaten eigene politische Umbrüche. Monarchien wurden gestürzt, Militärregime etabliert oder gefestigt, und in vielen Ländern dominierten nationalistische Projekte, die auf Unabhängigkeit und Modernisierung zielten. Diese Entwicklungen betrafen das tägliche Leben durch Veränderungen in Bildungssystemen, Wirtschaftsplanung und öffentlichem Diskurs.
Alltag der palästinensischen Flüchtlinge in arabischen Staaten
Das Leben in den Flüchtlingslagern prägte eine eigene soziale Welt. Familien versuchten, Alltagsroutinen zu schaffen, auch wenn viele davon ausgingen, dass die Rückkehr in absehbarer Zeit möglich sein würde. Häuser wurden zunächst nur notdürftig errichtet, doch mit der Dauer der Situation entstanden stabilere Gebäude, improvisierte Straßen und eine Art lokaler Infrastruktur.
Kinder erhielten Unterricht in provisorischen Schulen, in denen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch die Erinnerung an die Herkunftsorte eine große Rolle spielte. Viele Jugendliche wuchsen mit einem Bewusstsein auf, dass ihre Familien nicht vollständig zu den Gesellschaften gehörten, in denen sie lebten. Dies zeigte sich in rechtlichen Einschränkungen, zum Beispiel im Zugang zu bestimmten Berufen oder zu Staatsbürgerschaft, und im alltäglichen Umgang mit Behörden.
Die ökonomische Situation war zwiespältig. Einige Flüchtlinge fanden Arbeit in den Städten der Aufnahmestaaten oder im Ausland und unterstützten ihre Familien mit Geldtransfers. Andere lebten in dauerhafter Unsicherheit, abhängig von Löhnen im Niedriglohnbereich oder von Hilfsleistungen. Das Lagerleben war von Solidarität und familiären Netzwerken geprägt, zugleich aber von Enge, fehlenden Freiräumen und wiederkehrenden Spannungen.
Die Erfahrung von Vertreibung und Entrechtung wirkte sich stark auf das Selbstverständnis aus. Im Alltagsgespräch, in Liedern und in Gedenkveranstaltungen blieb die Erinnerung an frühere Dörfer und Städte lebendig. Dadurch blieb die Vergangenheit ein ständiger Bezugspunkt, der die Gegenwart in den Lagern strukturierte.
Gesellschaftlicher Wandel in Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon
Auch unabhängig von den palästinensischen Flüchtlingen erlebten die arabischen Staaten tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. In Ägypten zum Beispiel veränderten Revolution und spätere Reformen das Leben vieler Menschen. Landreformen, der Ausbau staatlicher Bildung und Industrialisierungsprojekte beeinflussten das Verhältnis zwischen Stadt und Land, Besitzenden und Besitzlosen sowie traditionellen und modernen Lebensweisen.
Für die städtische Bevölkerung in Kairo oder Damaskus war die Zeit von wachsender Verstaatlichung, neuen Berufschancen im öffentlichen Sektor und verstärkter politischer Mobilisierung geprägt. Zeitungen, Radio und später Fernsehen transportierten nationalistische Botschaften, aber auch Debatten über soziale Gerechtigkeit, Rolle der Frau und die Zukunft der arabischen Welt.
In Jordanien prägte die Aufnahme einer großen Zahl palästinensischer Flüchtlinge das demografische und soziale Gefüge. In den Städten lebten palästinensische und jordanische Bevölkerungsgruppen nebeneinander, in Schulen, auf Märkten und in Behörden trafen verschiedene Erfahrungen von Herkunft und Zugehörigkeit aufeinander. Dies führte sowohl zu neuen Formen der Zusammenarbeit als auch zu Spannungen, die sich im Alltag bemerkbar machten.
Im Libanon war das gesellschaftliche Leben stark von einem komplexen konfessionellen System geprägt, das verschiedenen religiösen Gruppen bestimmte politische Positionen zuwies. Die Präsenz palästinensischer Flüchtlinge fügte dieser ohnehin vielfältigen Gesellschaft eine weitere Gruppe hinzu, die oft an den Rand gedrängt war, zugleich aber in Städten und Lagern eigene soziale und kulturelle Räume entwickelte.
Medien, Bildung und öffentliche Meinungen
Zwischen 1949 und 1967 spielten Medien und Bildungssysteme in Israel und den arabischen Staaten eine wachsende Rolle in der Prägung des Alltagsbewusstseins. Zeitungen, Radiosendungen und später erste Fernsehprogramme vermittelten Bilder des Konflikts, Vorstellungen von nationaler Identität und Deutungen der eigenen Geschichte.
In israelischen Schulen lernten Kinder eine Erzählung, in der der Aufbau des Staates, die Rückkehr in ein als historisch wahrgenommenes Heimatland und der Kampf ums Überleben wichtige Themen waren. Schulbücher und Gedenktage strukturierten das Jahr und prägten, wie die junge Generation die eigenen Erfahrungen und die der Eltern verstand.
In arabischen Staaten vermittelten Bildungssysteme häufig einen Diskurs, in dem Kolonialismus, Unabhängigkeitskampf und die Situation in Palästina wichtige Bezugspunkte waren. Für viele Schülerinnen und Schüler verschränkten sich eigene nationale Geschichten mit der Erzählung über Vertreibung und Unrecht im Zusammenhang mit Palästina. Dies war nicht nur Unterrichtsstoff, sondern beeinflusste Gespräche in Familien, in Universitäten und in politischen Gruppierungen.
Die Medien verstärkten oft Gefühle von Solidarität, Bedrohung oder Hoffnung. Im Alltag bedeutete dies, dass Nachrichten über Grenzzwischenfälle, Reden politischer Führer oder Gedenkveranstaltungen die Stimmung prägten, Gespräche bestimmten und Erwartungen über die Zukunft formten.
Ökonomische Unterschiede und Lebensstandard
Während Israel in diesen Jahren wirtschaftliches Wachstum erlebte, blieben innerhalb des Landes deutliche Ungleichheiten bestehen. Städte wie Tel Aviv oder Haifa boten relativ gut ausgebaute Infrastruktur und wachsende Arbeitsmärkte, während Entwicklungsstädte und ländliche Regionen mit geringerer Investition zu kämpfen hatten. Für die Bewohner solcher Gebiete bedeutete dies längere Wege zu Arbeitsplätzen, weniger kulturelle Angebote und oft beschränkte Aufstiegschancen.
In den arabischen Staaten war das Bild ebenfalls uneinheitlich. Manche Länder verfügten über begrenzte Ressourcen und kämpften mit hoher Arbeitslosigkeit und schwacher Industrialisierung. Andere investierten in Großprojekte, versuchten, Bildung zu verbreitern und staatliche Dienstleistungen auszubauen. Für die Menschen zeigte sich dies in der Verfügbarkeit von Schulen, Gesundheitsdiensten und öffentlichem Verkehr, aber auch in der Frage, ob sie in ländlicher Subsistenzwirtschaft oder in städtischen Angestelltenverhältnissen lebten.
Für palästinensische Flüchtlinge waren die ökonomischen Rahmenbedingungen zusätzlich durch ihren rechtlichen Status geprägt. Der Zugang zu sicheren Arbeitsverhältnissen, zu Eigentum und zu Sozialleistungen war oft eingeschränkt, was ihren Alltag stärker von Unsicherheit bestimmte als den vieler Staatsbürger im selben Land. Diese Ungleichheiten prägten die Wahrnehmung von Gerechtigkeit und Zugehörigkeit und wirkten in Familien- und Generationenbeziehungen nach.
Zwischen Normalität und schwelendem Konflikt
Zwischen 1949 und 1967 versuchten Menschen in Israel und in den arabischen Staaten, trotz der ungelösten politischen Fragen ein Leben mit möglichst viel Normalität zu führen. Kinder wurden eingeschult, Ehen geschlossen, neue Häuser gebaut, kulturelle Veranstaltungen organisiert. Zugleich blieb der Konflikt als Hintergrund konstant präsent, ob in Schutzmaßnahmen, in der Präsenz von Soldaten, in den Erinnerungen an Vertreibung oder in öffentlichen Gedenkpraktiken.
Im Alltag zeigte sich dieses Spannungsfeld in kleinen und großen Dingen. Eltern erklärten ihren Kindern, warum bestimmte Orte jenseits von Grenzen lagen, warum Verwandte in anderen Ländern lebten oder warum Uniformen und nationale Symbole so wichtig waren. Gespräche über die Zukunft schwankten zwischen Hoffnung auf Veränderung und der Erwartung weiterer Spannungen.
Auf diese Weise formten die Jahre von 1949 bis 1967 eine Generation, deren Leben von Aufbau, Vertreibung, Modernisierung und politischer Unsicherheit zugleich geprägt war. Die Erfahrungen dieser Zeit wirkten weit über ihre eigene Gegenwart hinaus, da sie Einstellungen, Erzählungen und gesellschaftliche Strukturen prägten, die in späteren Phasen des Konflikts weiterwirken sollten.