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Ursachen und Verlauf des Krieges

Vorbemerkung zu Ursachen

In diesem Kapitel geht es darum, welche konkreten Entwicklungen zum Ausbruch des Sechstagekrieges führten und wie der militärische Ablauf des Krieges aussah. Allgemeinere Hintergründe des Konflikts, die schon vor 1967 bestanden, werden in anderen Kapiteln behandelt. Hier steht die Eskalationsdynamik in den Monaten vor Juni 1967 sowie die militärische Chronologie der sechs Kriegstage im Mittelpunkt.

Regionale Spannungen in den Jahren vor 1967

Nach den Kriegen von 1948 und 1956 blieb die Region stark militarisiert. Zwischen Israel und seinen Nachbarn Egypten, Syrien und Jordanien kam es immer wieder zu Zwischenfällen an den Waffenstillstandslinien. Insbesondere die Demilitarisierte Zone an der israelisch-syrischen Grenze war ein häufiger Schauplatz von Gefechten. Syrien unterstützte dort palästinensische Gruppen, die aus den Nachbarländern Angriffe auf Israel unternahmen. Israel reagierte häufig mit Vergeltungsangriffen.

In dieser Atmosphäre entstand ein Gefühl wachsender Unsicherheit auf allen Seiten. Israel sah sich von mehreren feindlichen Staaten umgeben, die arabischen Regierungen hingegen betonten öffentlich das Ziel, Israel zu schwächen oder zu beseitigen, auch wenn ihre tatsächlichen militärischen Vorbereitungen und Absichten unterschiedlich waren.

Die Rolle Ägyptens und die Schließung der Straße von Tiran

Ein zentraler Faktor war die Politik des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Ägypten hatte seit 1956 unter der Präsenz von UN-Truppen im Sinai einer gewissen Beruhigung zugestimmt. Diese UNO-Truppen sollten als Puffer zwischen Israel und Ägypten dienen. Im Mai 1967 forderte Ägypten jedoch den Abzug dieser Truppen. Das war ein deutliches Signal, dass sich die Lage ändern würde.

Kurz darauf kündigte Ägypten die Schließung der Straße von Tiran für israelische Schiffe und für Schiffe mit strategischen Gütern nach Israel an. Diese Meerenge am Zugang zum Roten Meer war für Israels Handel und Rohstoffversorgung, insbesondere Öl, wichtig. Israel hatte bereits nach 1956 erklärt, dass eine erneute Blockade der Straße von Tiran für es einen Kriegsgrund bedeuten würde. In Jerusalem wurde die ägyptische Maßnahme daher als direkte Bedrohung nationaler Interessen verstanden.

Während Nasser sich in der arabischen Öffentlichkeit als Führer im Kampf gegen Israel präsentierte, stand er zugleich unter Druck, seine Rhetorik mit Taten zu untermauern. Die Verlegung ägyptischer Truppen in den Sinai und die Blockade sollten Stärke demonstrieren, erhöhten aber das Risiko eines offenen Krieges.

Syrien, die Sowjetunion und Fehlinformationen

Parallel dazu spielte sich eine weniger sichtbare, aber bedeutende Entwicklung ab. Die Sowjetunion übermittelte im Frühjahr 1967 Berichte an Ägypten und Syrien, Israel habe Truppen an der Grenze zu Syrien zusammengezogen und plane einen Angriff. Historikerinnen und Historiker sind sich weitgehend einig, dass diese Berichte übertrieben oder falsch waren. Dennoch beeinflussten sie die Entscheidungen in Kairo und Damaskus.

Nasser wollte nicht den Eindruck erwecken, Syrien im Falle eines israelischen Angriffs im Stich zu lassen. Die vermeintliche Bedrohung Syriens war ein wichtiger Grund für den ägyptischen Truppenaufmarsch im Sinai. Syrien seinerseits verschärfte seine anti-israelische Rhetorik und befürwortete eine härtere Linie. Auf beiden Seiten wuchs das Gefühl, dass eine militärische Konfrontation näher rückte.

Jordanien, Verteidigungsbündnisse und die Bildung einer Front

Ein weiterer Schritt zur Eskalation war das Verteidigungsabkommen zwischen Ägypten und Jordanien Ende Mai 1967, später ergänzt durch den Irak. König Hussein von Jordanien stand innenpolitisch unter starkem Druck, sich nicht von den arabischen „Frontstaaten“ zu distanzieren. Durch das Bündnis unterstellte er wesentliche Teile seiner Truppen einem gemeinsamen arabischen Oberkommando, das von einem ägyptischen General geführt werden sollte.

Damit stand Israel im Falle eines Konflikts vor der Aussicht eines Mehrfrontenkrieges gegen Ägypten im Süden, Jordanien im Osten und Syrien im Norden. Obwohl manche arabische Regierungen defensiv dachten und eher abschrecken wollten, entstand in Israel der Eindruck einer strategischen Einkreisung.

Mobilisierung, Kriegsängste und diplomatische Sackgasse

Ende Mai und Anfang Juni 1967 mobilisierten alle Seiten große Truppenverbände. In Israel wurden Reservisten einberufen, was das zivile Leben erheblich beeinträchtigte und die Nervosität in der Bevölkerung verstärkte. Die Erinnerung an die Shoah spielte für das Sicherheitsgefühl vieler Jüdinnen und Juden eine große Rolle. In Teilen der israelischen Gesellschaft wurden die Entwicklungen als mögliche existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Diplomatisch wurde versucht, vor allem über die USA und die Vereinten Nationen, eine Lösung für die Straße von Tiran und die Truppenbewegungen zu finden. Vorschläge zu internationalen Konvois oder neuen UN-Missionen kamen jedoch nicht rechtzeitig voran. Während sich die Lage an den Grenzen weiter zuspitzte, wuchs in der israelischen Führung die Überzeugung, dass ein präventiver Angriff notwendig sei, bevor die arabischen Staaten ihre militärische Position weiter verbessern könnten.

Der Entschluss zum Präventivschlag

Innerhalb der israelischen Regierung und des Militärs gab es Debatten über das richtige Vorgehen. Einige Politiker wollten noch mehr Zeit für die Diplomatie geben, während die Armeeführung auf einen schnellen Schlag drängte. Man befürchtete, dass ein langes Warten Israels militärischen Vorteil schwächen würde.

Am Ende setzte sich die Position durch, die auf einem Überraschungsangriff auf die ägyptische Luftwaffe beruhte. Die militärische Logik war einfach. Wer die gegnerische Luftwaffe am Boden zerstört, kontrolliert den Luftraum und erlangt damit einen großen taktischen Vorteil für alle weiteren Operationen.

Beginn des Krieges: Luftangriff auf Ägypten

Am Morgen des 5. Juni 1967 begann Israel ohne formelle Kriegserklärung mit einer großangelegten Luftoperation gegen Ägypten. Fast die gesamte israelische Luftwaffe startete in mehreren Wellen Angriffe auf ägyptische Flugplätze. Man nutzte den Überraschungseffekt, wählte Flugrouten in niedriger Höhe, um Radarerfassung zu erschweren, und griff vor allem Startbahnen und am Boden stehende Flugzeuge an.

In wenigen Stunden wurde ein großer Teil der ägyptischen Luftwaffe zerstört. Israel erreichte damit die Luftüberlegenheit über dem Sinai. Ägyptische Bodentruppen, die sich dort in Vorwärtspositionen befanden, verloren ihre wichtigste Deckung aus der Luft. Dieser erste Tag legte den Grundstein für den schnellen Verlauf des gesamten Krieges.

Der Sinai: Vorstoß bis zum Suezkanal

Nach dem Luftangriff rückten israelische Bodentruppen tief in den Sinai vor. Es kam zu heftigen Gefechten mit ägyptischen Einheiten an wichtigen Verkehrsknotenpunkten und Verteidigungslinien. Die israelische Strategie zielte darauf, ägyptische Verbände zu umgehen, ihre Nachschubwege zu unterbrechen und sie so zum Rückzug oder zur Kapitulation zu zwingen.

Die ägyptische Führung verlor schnell den Überblick über die Lage. Es zirkulierten Falschmeldungen über angebliche israelische Verluste oder ägyptische Erfolge, während tatsächlich viele ägyptische Einheiten ins Hinterland zurückwichen oder eingekesselt wurden. Innerhalb weniger Tage erreichten israelische Truppen den Suezkanal. Praktisch der gesamte Sinai geriet unter israelische Kontrolle.

Die Öffnung der Ostfront: Jordanien und Jerusalem

Noch am 5. Juni kam es auch an der jordanischen Front zu schweren Kämpfen. Jordanien hatte sich verpflichtet, im Falle eines Krieges an der Seite Ägyptens zu handeln. Von jordanischem Gebiet aus wurden israelische Städte im Zentrum des Landes beschossen. Israel reagierte mit Luftangriffen auf jordanische Militärziele und mit einem Bodenangriff in Richtung Westjordanland.

In und um Jerusalem fanden intensive Gefechte statt. Israelische Truppen konzentrierten sich auf die Einnahme strategisch wichtiger Hügel und Stadtviertel. Am 7. Juni erreichten israelische Einheiten die Altstadt und übernahmen die Kontrolle über Ostjerusalem. Das hatte nicht nur militärische, sondern auch symbolische und religiöse Bedeutung, auf die ein eigenes Kapitel eingehen wird. Zugleich besetzten israelische Truppen weite Teile des Westjordanlands, bis hinunter zum Jordan.

Die Nordfront: Syrien und die Golanhöhen

Zunächst konzentrierte sich Israel auf Ägypten und Jordanien. An der syrischen Grenze blieb es in den ersten Kriegstagen bei Artilleriegefechten und Luftangriffen. Syrien beschoss israelische Ortschaften in Galiläa, Israel antwortete mit Gegenfeuer. Eine Bodenoffensive auf die stark befestigten syrischen Stellungen der Golanhöhen wurde erst später begonnen.

Am 9. und 10. Juni griffen israelische Truppen die syrischen Positionen an. Die Golanhöhen boten Syrien bis dahin einen erheblichen taktischen Vorteil, da sie hoch über israelischem Gebiet lagen. Die syrischen Verteidigungsanlagen waren schwer befestigt, doch der gleichzeitige Druck an anderen Fronten und die massiven israelischen Angriffe führten dazu, dass syrische Einheiten sich zurückzogen. Am Ende des sechsten Kriegstages hatte Israel weite Teile der Golanhöhen erobert.

Waffenstillstände und Ende der Kampfhandlungen

Während der sechs Tage wurden schrittweise Waffenstillstände vereinbart. Zuerst zwischen Israel und Ägypten, dann mit Jordanien und schließlich mit Syrien. Die Vereinten Nationen spielten bei der Vermittlung eine Rolle, allerdings kam der Druck zum Einstellen der Kampfhandlungen vor allem dann zum Tragen, als die militärische Lage für die arabischen Staaten aussichtslos geworden war.

Am 10. Juni 1967 endeten die intensiven Kämpfe. Die Waffenstillstandslinien waren nun völlig anders als vor Beginn des Krieges. Israel kontrollierte den Sinai, das Westjordanland einschließlich Ostjerusalems, den Gazastreifen und die Golanhöhen. Die politischen und rechtlichen Fragen, die sich aus dieser neuen Situation ergaben, sowie die internationalen Reaktionen und langfristigen Konsequenzen werden in den folgenden Kapiteln detailliert behandelt.

Zusammenfassung der Eskalationslogik

Die Ursachen des Sechstagekrieges lagen weniger in einem einzigen Ereignis als in einer raschen Verkettung von Entscheidungen und Fehleinschätzungen in einem ohnehin angespannten Umfeld. Der Abzug der UN-Truppen aus dem Sinai, der ägyptische Truppenaufmarsch und die Blockade der Straße von Tiran, Verteidigungsbündnisse zwischen arabischen Staaten, sowjetische Fehlinformationen und gegenseitige Drohungen schufen eine Lage, in der alle Seiten sich bedroht fühlten.

Vor diesem Hintergrund entschied Israel sich für einen Präventivschlag, der vor allem durch die Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe den weiteren Verlauf des Krieges bestimmte. Der eigentliche Krieg dauerte nur sechs Tage, veränderte aber die territoriale Karte und die politische Struktur des Konflikts auf eine Weise, deren Folgen bis heute spürbar sind.

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