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Der militärische Übergang zur Besatzung
Mit dem Ende der Kämpfe im Juni 1967 stand eine völlig neue Realität: Israel kontrollierte nun das Westjordanland mit Ostjerusalem, den Gazastreifen sowie weitere Gebiete. Dieser Machtwechsel verlief nicht in einem einzigen Moment, sondern in einer Abfolge militärischer Entscheidungen und Verwaltungsakte. Zunächst wurde die Kontrolle durch die Armee ausgeübt. Zivile Strukturen der vorherigen Herrscher, also Jordaniens im Westjordanland und Ägyptens im Gazastreifen, brachen weitgehend zusammen oder wurden entmachtet.
Für die lokale Bevölkerung bedeutete dies, dass plötzlich israelische Soldaten an den Straßenkreuzungen standen, neue Ausgangssperren galten und neue Befehle ausgeschrieben wurden. Der Übergang war von Unsicherheit und Desorientierung geprägt. Viele Menschen wussten in den ersten Tagen nicht, ob sie bleiben oder fliehen sollten und welche Regeln nun galten.
Militärverwaltung und Rechtsstatus der Gebiete
Nach dem Waffenstillstand richtete Israel in den neu eroberten Gebieten Militärverwaltungen ein. Diese sollten zunächst als vorläufige Regelung dienen, solange noch keine politische Entscheidung über die Zukunft der Gebiete gefallen war. Die Militärverwaltung erließ sogenannte Militärbefehle, die den Alltag regelten, von der Schulorganisation bis zu Landfragen. Formell blieben Teile des bisherigen lokalen Rechts in Kraft, wurden aber durch israelische Anordnungen ergänzt oder verändert.
International wurden Westjordanland und Gazastreifen als besetzte Gebiete betrachtet. Im israelischen innenpolitischen und juristischen Diskurs entstand jedoch eine eigene Terminologie. Besonders für das Westjordanland bürgerte sich im Hebräischen der Begriff „Judäa und Samaria“ ein, der auf biblische Landschaftsbezeichnungen verweist und bereits andeutete, dass es nicht nur um eine vorübergehende militärische Kontrolle ging, sondern auch um historische und religiöse Ansprüche.
Die Frage, ob es sich völkerrechtlich um eine klassische Besatzung handele, wurde von israelischen Regierungen unterschiedlich gerahmt. Nach außen wurde häufig betont, man sei zu defensiver Selbstverteidigung gezwungen gewesen, während nach innen gleichzeitig Überlegungen einsetzten, wie eine langfristige Verwaltung aussehen könnte. Diese Spannung zwischen provisorischer Besatzung und möglichen dauerhaften Ansprüchen prägte von Anfang an die Struktur der Herrschaft.
Ostjerusalem: Annexion und Stadtveränderung
Eine Besonderheit stellte Ostjerusalem dar. Hier ging Israel sehr viel weiter als in Westjordanland und Gazastreifen. Bereits kurz nach Kriegsende wurden die Stadtgrenzen Jerusalems weit nach Osten ausgedehnt. Große Flächen, die zuvor unter jordanischer Kontrolle standen, wurden in das nun „vereinigte“ Jerusalem eingegliedert.
Das israelische Parlament verabschiedete in rascher Folge Gesetze und Verordnungen, um israelisches Recht in Ostjerusalem anzuwenden. Dies wurde international als faktische Annexion verstanden, auch wenn der Begriff „Annexion“ in israelischen offiziellen Formulierungen zunächst vermieden oder abgeschwächt wurde. Für die palästinensischen Bewohner Ostjerusalems bedeutete dies eine neue rechtliche Stellung, die sich von derjenigen der Bewohner im übrigen Westjordanland unterschied. Sie erhielten in der Regel keinen israelischen Staatsbürgerstatus, sondern einen besonderen Status als „ständige Einwohner“ mit bestimmten Rechten, aber auch mit Unsicherheiten, etwa was ihren Aufenthaltstitel betraf.
Parallel veränderte sich die Stadt physisch. In der Altstadt wurden jüdische Einrichtungen wiedereröffnet oder neu gegründet, etwa im jüdischen Viertel, das unter jordanischer Herrschaft stark verändert worden war. Zugleich kam es zu Abrissen, insbesondere in Bereichen rund um die Klagemauer, um große offene Plätze für Pilger und Besucher zu schaffen. Dies geschah oft ohne Rücksicht auf die betroffenen palästinensischen Bewohner, deren Häuser geräumt oder zerstört wurden.
Die symbolische Bedeutung Jerusalems machte jede Maßnahme in Ostjerusalem zu einem hoch aufgeladenen Akt. Die israelische Seite sprach von Wiedervereinigung und Rückkehr, die palästinensische Seite von Verlust, Verdrängung und einer politisch motivierten Umgestaltung einer heiligen Stadt.
Westjordanland: Neue Grenzen und fragmentierter Raum
Im Westjordanland veränderte sich die alltägliche Geografie der Menschen schlagartig. Die frühere Grenze zu Israel, die sogenannte Waffenstillstandslinie von 1949, existierte zwar politisch weiter, wurde aber militärisch von Israel kontrolliert. Aus einer externen Grenze wurde eine innerisraelisch kontrollierte Linie mit Checkpoints, Übergängen und Sicherheitszonen.
Die Städte wie Nablus, Hebron, Ramallah oder Bethlehem blieben palästinensisch bewohnt, doch der übergeordnete Rahmen war nun israelisch-militärisch. Jede Bewegung zwischen Städten oder Dörfern konnte plötzlich der Genehmigung durch israelische Behörden unterliegen. Straßen, die zuvor nur lokale Bedeutung hatten, gewannen militärstrategische Relevanz. Die Landschaft wurde Stück für Stück in Zonen unterschiedlicher Kontrolle aufgeteilt, auch wenn diese Kategorisierungen erst später formell benannt wurden.
Gleichzeitig begannen Planungen und erste Schritte, um israelische Präsenz durch Siedlungen zu verankern. Auch wenn die umfangreiche Siedlungspolitik in anderen Kapiteln behandelt wird, ist für das Verständnis der Besatzung wichtig, dass die ersten Siedlungsgründungen im Westjordanland in den Jahren nach 1967 bewusst dort platziert wurden, wo sie militärisch, religiös oder historisch als besonders bedeutsam angesehen wurden. Dies trug zur Zersplitterung des Raums bei, da neben palästinensischen Ortschaften zunehmend israelische Siedlungen und ihnen dienende Straßen entstanden, die eine getrennte Infrastruktur schufen.
Gazastreifen: Dichte Bevölkerung unter neuer Kontrolle
Der Gazastreifen unterschied sich strukturell von Anfang an vom Westjordanland. Er war kleiner, dichter besiedelt und hatte bereits seit 1948 eine hohe Konzentration an palästinensischen Flüchtlingen, die in Lagern lebten. Mit der israelischen Besatzung veränderte sich nicht der Charakter als dicht bevölkerter Küstenstreifen, wohl aber die Art der Kontrolle.
Israelisches Militär übernahm die Verwaltung, während die palästinensische Bevölkerung weitgehend in ihren bestehenden Lagern und Stadtgebieten blieb. Die Enge des Raumes und die bereits bestehende Armut machten Maßnahmen wie Ausgangssperren, Razzien und Bewegungsbeschränkungen besonders einschneidend. Der Gazastreifen war leichter als Einheit zu überwachen, zugleich aber durch soziale Spannungen und die hohe Flüchtlingsquote besonders explosiv.
In den Jahren nach 1967 begann auch hier die Ansiedlung israelischer Zivilisten in bestimmten Gebieten des Streifens. Diese Siedlungen erhielten Straßen, Sicherheitszonen und militärischen Schutz, was die Trennung zwischen israelischer und palästinensischer Lebenswelt schärfer machte. Die palästinensische Bevölkerung erlebte die Besatzung daher nicht nur als abstrakte militärische Kontrolle, sondern konkret als territoriale Neuordnung in einem ohnehin sehr begrenzten Raum.
Auswirkungen auf Bevölkerung und Identität
Die Besetzung der Gebiete führte zu tiefgreifenden Veränderungen im Alltag der palästinensischen Bevölkerung. Arbeitswege, Schulwege und familiäre Kontakte wurden durch Sperren, Kontrollen und neue Regeln erschwert. Zugleich öffneten sich kurzfristig auch neue Möglichkeiten, etwa durch Arbeit in Israel, was jedoch immer von der Erteilung von Genehmigungen abhing und daher mit Abhängigkeiten und Unsicherheit verbunden war.
Für viele Palästinenser, die seit 1948 in Flüchtlingslagern im Westjordanland und Gazastreifen lebten, verstärkte sich das Gefühl, in einem „Zwischenstatus“ zu sein. Sie befanden sich nicht mehr unter jordanischer oder ägyptischer Verwaltung, erhielten aber auch keine staatsbürgerliche Integration in Israel. Ihr politischer und rechtlicher Status blieb damit unklar und wurde zum Kern künftiger Auseinandersetzungen.
Auch auf israelischer Seite veränderte die Besetzung das Selbstbild. Die Kontrolle über die heilig und historisch aufgeladenen Gebiete, insbesondere Ostjerusalem und Teile des Westjordanlands, wurde von vielen als Erfüllung nationaler und religiöser Hoffnungen wahrgenommen. Andere wiederum sahen früh das moralische und politische Problem, langfristig Millionen von Menschen ohne gleiche politische Rechte zu regieren. Die Besetzung wurde so zu einem dauerhaften innerisraelischen Konfliktthema.
Langfristige Weichenstellungen durch die Besetzung von 1967
Mit der Besetzung des Westjordanlands, des Gazastreifens und Ostjerusalems wurden grundlegende Weichen gestellt, die den Konflikt bis heute prägen. Grenzen, die zuvor nur politische Linien auf Karten waren, wurden durch Checkpoints, Militärposten und später durch Straßen und Sperranlagen zu konkreten Barrieren im Alltag. Aus einem überwiegend zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Israel und arabischen Nachbarstaaten entwickelte sich zunehmend ein Konflikt um Herrschaft, Rechte und Territorium zwischen Israelis und Palästinensern innerhalb derselben geografischen Räume.
Die unterschiedliche Behandlung Ostjerusalems im Vergleich zu Westjordanland und Gazastreifen schuf eine komplexe rechtliche und politische Landschaft. Während Ostjerusalem schrittweise in den israelischen Staatsrahmen integriert wurde, blieben die anderen Gebiete unter expliziter Militärverwaltung. Dadurch entstanden verschiedene Kategorien von Status und Zugehörigkeit für Palästinenser, je nachdem, wo sie lebten.
Diese Differenzierungen, die mit der Besetzung 1967 einsetzten, bilden den Hintergrund für spätere Entwicklungen wie Siedlungsausbau, Autonomieprojekte, Abriegelung des Gazastreifens und unterschiedliche städtische und ländliche Lebensrealitäten. Die eigentliche Kriegshandlung des Sechstagekriegs war zeitlich begrenzt, doch die daraus hervorgegangene Besatzungsordnung wurde zu einer dauerhaften Struktur, die politische Verhandlungen, Gewaltzyklen und gesellschaftliche Entwicklungen bis in die Gegenwart beeinflusst.