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Überblick über die weltweiten Reaktionen
Die internationalen Reaktionen auf den Sechstagekrieg von 1967 waren schnell, emotional und oft widersprüchlich. Viele Staaten mussten ihr bisheriges Bild vom Nahen Osten neu ordnen. Der überraschend deutliche militärische Erfolg Israels, die Besetzung weiterer Gebiete und die Niederlage der arabischen Staaten lösten diplomatische Krisen, neue Bündnisse und langfristige politische Linien aus, die bis heute nachwirken.
Die Haltung der USA
Die Vereinigten Staaten standen 1967 bereits in einem engen, aber noch nicht völlig gefestigten Verhältnis zu Israel. Während des Krieges versuchten sie offiziell, sich als Macht zu präsentieren, die vor allem an Stabilität und Eindämmung der Eskalation interessiert war, auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und des Vietnamkrieges.
Einerseits gab es in der US-Öffentlichkeit und im Kongress große Sympathie für Israel. Viele betrachteten den Krieg als Abwehrschlacht eines kleinen Staates gegen überlegene Nachbarn. Präsident Lyndon B. Johnson und seine Regierung betonten jedoch öffentlich, man habe Israel nicht zum Angriff ermutigt und sei nicht direkt militärisch beteiligt gewesen, auch wenn die Geheimdienstkooperation bereits vor dem Krieg intensiv war.
Nach dem Krieg stand Washington vor der Frage, wie es mit der neuen territorialen Realität umgehen sollte. Die USA akzeptierten die Besetzung nicht als endgültige Grenzziehung, betrachteten aber Israel zunehmend als strategischen Partner im Nahen Osten. In den folgenden Jahren entstand schrittweise das Muster, dass die USA einerseits die Sicherheit Israels betonen, andererseits auf eine Verhandlungslösung mit den arabischen Staaten hinwirken.
Die Sowjetunion und der Ostblock
Die Sowjetunion hatte vor 1967 enge Beziehungen zu Ägypten und Syrien und lieferte Waffen und militärische Berater. Der schnelle Zusammenbruch der arabischen Armeen traf Moskau politisch hart. Die sowjetische Führung stellte sich klar auf die Seite der arabischen Staaten und verurteilte Israel als Aggressor.
Kurz nach Kriegsende brach die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Viele verbündete Staaten des Ostblocks folgten diesem Schritt. Moskau betonte besonders das Selbstbestimmungsrecht der Araber und sprach von einer Fortsetzung des Kolonialismus durch Israel und den Westen. Gleichzeitig nutzte die Sowjetunion den Konflikt, um ihren Einfluss in der arabischen Welt auszubauen. Sie versprach Ägypten und Syrien schnelle Wiederaufrüstung und Unterstützung bei der Vorbereitung auf einen möglichen neuen Krieg.
Die sowjetische Propaganda griff das Thema auch innenpolitisch auf und verband es gelegentlich mit antisemitischen Stereotypen, während sie zugleich den Antizionismus betonte. Diese Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus wurde zu einem festen Bestandteil der sowjetischen und später vieler linker Diskurse über den Konflikt.
Westeuropa: zwischen Schuld, Pragmatismus und Energieinteressen
In Westeuropa fielen die Reaktionen differenziert aus. Die historische Verantwortung für den Holocaust prägte besonders in der Bundesrepublik Deutschland und teilweise in anderen westlichen Staaten das Bild von Israel. In der ersten Reaktion sahen viele Regierungen und Medien den Krieg vor allem als gelungenen Verteidigungsschlag Israels gegen eine existenzielle Bedrohung.
Gleichzeitig waren europäische Staaten wirtschaftlich abhängig von arabischem Erdöl und handelten mit den arabischen Ländern. Diese Interessen nahmen nach dem Krieg an Bedeutung zu. Frankreich, das zuvor einer der wichtigsten Waffenlieferanten Israels gewesen war, änderte seine Linie. Präsident Charles de Gaulle verhängte ein Waffenembargo gegen die Kriegsparteien, das vor allem Israel traf, und entwickelte sich zu einem der deutlichsten Kritiker der israelischen Besatzungspolitik in Westeuropa. Er sprach öffentlich von der Gefahr einer „Besatzungspolitik der Unterdrückung“.
In der Bundesrepublik Deutschland blieb man offiziell zurückhaltend. Angesichts der NS-Vergangenheit und der noch jungen diplomatischen Beziehungen zu Israel wollte die Regierung nicht als Kritikerin Israels auftreten. Zugleich war man bemüht, die Beziehungen zu arabischen Staaten nicht zu gefährden. Diese ambivalente Haltung prägte die deutsche Nahostpolitik für viele Jahre.
Die Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen wurden direkt mit den Folgen des Krieges konfrontiert. Bereits während der Kampfhandlungen bemühten sich der Sicherheitsrat und der Generalsekretär um einen Waffenstillstand. Nach dem Krieg mussten die UN zur neuen Lage Stellung beziehen, besonders zur Frage der besetzten Gebiete, ohne dabei das detaillierte politische Lösungsmodell vorwegzunehmen.
Im November 1967 verabschiedete der Sicherheitsrat die Resolution 242. Diese Resolution wurde zum zentralen Bezugspunkt der internationalen Diplomatie im Nahostkonflikt. Sie sprach vom „unzulässigen Erwerb von Territorium durch Krieg“ und forderte einen Rückzug israelischer Streitkräfte „aus besetzten Gebieten“ sowie das Recht jedes Staates in der Region, „in Frieden innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen“ zu leben. Die bewusst gewählte Formulierung in der englischen Version ohne Artikel vor „occupied territories“ ließ Raum für verschiedene Interpretationen, ob ein vollständiger oder nur teilweiser Rückzug gemeint sei.
Die arabischen Staaten und Israel akzeptierten Resolution 242 schließlich als Grundlage für spätere Verhandlungen, wenn auch mit unterschiedlichen Lesarten. Für die Palästinenser blieb sie problematisch, weil sie zunächst nicht explizit als eigenständiges Volk mit eigenen Rechten genannt wurden. Dies sollte sich erst in späteren UN-Resolutionen ändern.
Die arabische Staatengemeinschaft und die „drei Nein“
Die unmittelbare Reaktion der arabischen Staaten auf ihre Niederlage war geprägt von Schock und Demütigung. Regierungen standen innenpolitisch unter Druck, weil sie mit großem Selbstbewusstsein in die Krise gegangen waren und dann eine klare Niederlage erlitten. Die Frage nach der Haltung zu Israel wurde zum Prüfstein für politische Glaubwürdigkeit.
Ende August 1967 trafen sich die arabischen Staats- und Regierungschefs in Khartum im Sudan. Das Abschlusskommuniqué ging als „Resolution von Khartum“ in die Geschichte ein und brachte die „drei Nein“ zum Ausdruck: kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels und keine Verhandlungen mit Israel. Gleichzeitig sagten wohlhabende Ölstaaten wie Saudi-Arabien finanzielle Unterstützung für Ägypten und Jordanien zu, damit diese ihre Armeen wieder aufbauen konnten.
Trotz der harten Rhetorik begann hinter den Kulissen bereits eine vorsichtige Diskussion über mögliche zukünftige Verhandlungen. Die offizielle Linie blieb jedoch jahrelang von der Khartum-Formel geprägt, was die internationale Diplomatie stark beeinflusste.
Die Rolle der Blockfreien und des Globalen Südens
Viele Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas hatten gerade erst ihre Unabhängigkeit errungen und betrachteten Konflikte weltweit durch die Brille von Kolonialismus und Dekolonisierung. Der Sechstagekrieg wurde von zahlreichen Regierungen des Globalen Südens als Auseinandersetzung zwischen einer vom Westen unterstützten Macht und unterdrückten Völkern gesehen.
In Foren der Blockfreien Bewegung und in der UN-Generalversammlung setzten sich viele dieser Staaten stärker für die arabische und später explizit für die palästinensische Sache ein. Israel wurde zunehmend als „Vorposten des Imperialismus“ kritisiert, während die sowjetische Darstellung des Konflikts in vielen anti-kolonialen Diskursen Anklang fand. Gleichzeitig pflegte Israel zu einigen neu unabhängigen Staaten in Afrika und Asien weiterhin diplomatische und technische Beziehungen, was die Lagerbildung komplexer machte.
Öffentliche Meinung und Medien in verschiedenen Ländern
Die mediale Darstellung des Krieges unterschied sich deutlich von Land zu Land. In vielen westlichen Staaten dominierten zunächst Bilder eines überlegenen israelischen Militärs, das sich gegen drohende Vernichtung behauptet habe. Zeitungen und Fernsehberichte stellten Israels Sieg oft als spektakuläre, fast heroische Leistung dar.
In arabischen Ländern hingegen richtete sich die Kritik nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen westliche Staaten, denen man vorwarf, Israel unterstützt oder zumindest politisch gedeckt zu haben. Die staatlich kontrollierten Medien versuchten, die Niederlage zu erklären, ohne die eigene Führung völlig zu diskreditieren. Dies trug zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen über westliche Komplotte bei.
Mit der Zeit rückte in internationalen Debatten ein weiterer Aspekt in den Vordergrund: die langfristigen Folgen der Besetzung für die palästinensische Bevölkerung. Während 1967 viele Berichte von der militärischen Dynamik des Krieges geprägt waren, entwickelte sich in den Jahren danach eine zunehmend kritischere Berichterstattung über die neue Realität in den besetzten Gebieten.
Langfristige diplomatische Folgen
Die internationalen Reaktionen von 1967 schufen Linien, die die Nahostpolitik vieler Staaten dauerhaft prägten. Die USA näherten sich Israel weiter an und wurden zu dem zentralen Vermittler, aber auch zum wichtigsten Schutzpatron. Die Sowjetunion band sich enger an Ägypten und Syrien und vertiefte damit die Einbindung des Konflikts in den globalen Ost West Gegensatz.
In den Vereinten Nationen und in regionalen Bündnissen wie der Arabischen Liga verfestigten sich Grundpositionen, von der Khartum-Formel über die Prinzipien der Resolution 242 bis hin zur regelmäßigen Verurteilung der Besatzungspolitik. Der Konflikt entwickelte sich so von einer regionalen Krise zu einem zentralen Thema internationaler Politik, an dem sich weltweite Gerechtigkeitsvorstellungen, Machtfragen und historische Erfahrungen mit Kolonialismus und Holocaust spiegelten.