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Neuordnung von Territorium und Machtverhältnissen
Der Sechstagekrieg veränderte die Landkarte des Nahen Ostens tiefgreifend und dauerhaft. Israel kontrollierte nun das Westjordanland, den Gazastreifen, Ostjerusalem, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel. Auch wenn Sinai später an Ägypten zurückgegeben wurde, blieb die grundlegende Erfahrung bestehen, dass militärische Überlegenheit politische Realität schaffen konnte.
Diese neue Ausgangslage verschob die regionalen Machtverhältnisse. Arabische Regierungen verloren an Prestige, da sie die Niederlage nicht verhindern konnten. Israel gewann militärisches Ansehen und wurde für die USA zu einem wichtigen strategischen Partner in der Region. Die besetzten Gebiete wurden zugleich zu einem zentralen politischen, rechtlichen und moralischen Streitfeld, das bis heute anhält.
Die Besatzung als dauerhafter Rahmen
Mit der Eroberung des Westjordanlands, Gazas und Ostjerusalems begann eine militärische Besatzung, die sich von einer Übergangslösung zu einem langfristigen Zustand entwickelte. Was zunächst als vorübergehende Verwaltung gedacht war, wurde schrittweise zu einer stabilisierten Struktur aus Militärrecht, Kontrollpunkten und unterschiedlichen Rechtssystemen für verschiedene Bevölkerungsgruppen.
Die Besatzung veränderte das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern grundlegend. Aus einer primär zwischenstaatlichen Konfrontation wurde ein anhaltender Konflikt zwischen einem besetzenden Staat und einer unterworfenen Bevölkerung. Dieser Rahmen beeinflusste später sowohl Formen des palästinensischen Widerstands als auch israelische Innenpolitik, Sicherheitsdenken und Gesellschaftsstruktur.
Beginn und Ausbau der Siedlungspolitik
Unmittelbar nach dem Krieg begann Israel, in den neu kontrollierten Gebieten zivile Siedlungen zu errichten. Was mit wenigen militärisch oder symbolisch begründeten Standorten anfing, entwickelte sich zu einem großflächigen Siedlungsprojekt, das über Jahrzehnte weitergeführt wurde.
Die Siedlungen hatten langfristig mehrere Konsequenzen. Sie veränderten die Demografie, zerschnitten Territorien und schufen neue Fakten, die jede zukünftige Grenzziehung komplexer machten. Viele Israelis sahen in den Siedlungen die Verwirklichung historischer oder religiöser Ansprüche, viele Palästinenser erlebten sie als fortschreitende Enteignung und Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit.
Dadurch wurde die Frage der Siedlungen zu einem der schwierigsten Kernpunkte späterer Verhandlungen. Sie sind nicht nur eine Angelegenheit von Häusern und Straßen, sondern betreffen Landbesitz, Ressourcen, Sicherheit und die konkrete Gestalt einer möglichen Zwei-Staaten-Lösung.
Transformation der palästinensischen Frage
Vor 1967 stand die palästinensische Frage häufig im Schatten der Politik arabischer Staaten. Nach dem Krieg rückten Palästinenser als eigenständiger politischer Akteur stärker in den Vordergrund. Die Erfahrung, dass arabische Armeen Israel nicht besiegen konnten, förderte den Glauben, Palästinenser müssten ihre Sache selbst in die Hand nehmen.
Aus dieser Verschiebung erwuchsen langfristig neue Organisationsformen, etwa die Stärkung palästinensischer Gruppen, die auf eigene Strategien setzten. Gleichzeitig wurde das Leben unter Besatzung zum zentralen Bezugspunkt der palästinensischen Identität. Vertreibung, Enteignung und eingeschränkte Bewegungsfreiheit prägten eine Generation, deren politische Sozialisation in unmittelbarer Konfrontation mit dem israelischen Militär stattfand.
Das Bild der Palästinenser in der Weltöffentlichkeit veränderte sich ebenfalls. Sie wurden zunehmend nicht nur als Teil eines arabisch-israelischen Konflikts wahrgenommen, sondern als Volk mit eigenen Ansprüchen auf Selbstbestimmung.
Veränderung des israelischen Selbstbildes
Der militärische Sieg von 1967 festigte das Selbstvertrauen vieler Israelis. Ein Staat, der kaum zwei Jahrzehnte zuvor gegründet wurde und sich existenziell bedroht sah, hatte in kurzer Zeit mehrere Armeen besiegt. Dieses Gefühl von Stärke wirkte lange nach und beeinflusste, wie zahlreiche Israelis über Sicherheit, Risiko und Kompromissbereitschaft dachten.
Gleichzeitig brachte die Kontrolle über ein großes palästinensisches Gebiet ethische, politische und demografische Fragen mit sich. Die israelische Gesellschaft polarisierte sich zunehmend zwischen jenen, die die Gebiete dauerhaft behalten wollten, und jenen, die vor den Gefahren einer dauerhaften Herrschaft über eine andere Bevölkerung warnten.
Damit trug 1967 auch zur Herausbildung neuer politischer Lager und Bewegungen in Israel bei, die sich bis heute über die Zukunft der besetzten Gebiete und die Möglichkeit eines Kompromisses streiten.
Jerusalem als dauerhafter Streitpunkt
Mit der Einnahme Ostjerusalems veränderte sich der Status der Stadt tiefgreifend. Israel weitete seine Kontrolle über das gesamte Stadtgebiet aus und erklärte später Jerusalem zu seiner "vereinigten" Hauptstadt. Für viele Juden bedeutete dies die Rückkehr zu Orten mit großer religiöser und historischer Bedeutung.
Für Palästinenser dagegen war der Verlust Ostjerusalems ein schwerer politischer und symbolischer Schlag. Die Stadt gilt ihnen als künftige Hauptstadt eines eigenen Staates und als religiöses Zentrum. Diese doppelte Bedeutung machte Jerusalem zu einem der emotional aufgeladensten und zugleich schwierigsten Themen der Diplomatie.
Die nach 1967 vorgenommenen Veränderungen in Grenzen, Verwaltungsstrukturen und Bevölkerungszusammensetzung Jerusalems prägen bis heute jede Diskussion über mögliche Kompromisse, Statusfragen und Zugangsrechte zu heiligen Stätten.
Resolution 242 und der Rahmen der „Land für Frieden“-Logik
Kurz nach dem Krieg verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 242. Sie verband zwei Prinzipien, die die weitere Diplomatie prägten. Einerseits forderte sie den Rückzug Israels aus Gebieten, die im Krieg besetzt worden waren. Andererseits betonte sie das Recht aller Staaten in der Region auf sichere und anerkannte Grenzen.
Aus dieser Kombination entwickelte sich die Formel „Land für Frieden“. Sie besagte, dass ein Ausgleich durch israelische Gebietsabgaben und arabische Anerkennung und Sicherheitsgarantien möglich sein sollte. Diese Logik lag späteren Friedensabkommen und Verhandlungen zugrunde, etwa im Verhältnis zu Ägypten und Jordanien.
Gleichzeitig blieb die Auslegung von Resolution 242 umstritten, etwa über das Ausmaß des geforderten Rückzugs. Diese Unschärfen wirkten sich langfristig auf die Glaubwürdigkeit und praktische Umsetzung völkerrechtlicher Rahmenbedingungen im Konflikt aus.
Veränderung der Rolle externer Mächte
Der Krieg von 1967 verstärkte die Einbindung des Konflikts in die Weltpolitik. Im Kontext des Kalten Krieges rückten die USA und die Sowjetunion noch stärker als zuvor auf unterschiedliche Seiten. Israel entwickelte sich zunehmend zum wichtigsten Verbündeten der USA im Nahen Osten, während mehrere arabische Staaten ihre Beziehungen zur Sowjetunion vertieften.
Langfristig beeinflusste diese Konstellation Waffenlieferungen, diplomatische Schutzschirme und wirtschaftliche Unterstützung. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges blieb die enge Verbindung zwischen Israel und den USA ein zentraler Faktor, der die Dynamik von Verhandlungen, Vetos in internationalen Gremien und Sicherheitsgarantien prägte.
Für die arabischen Staaten bedeutete 1967 zudem, dass sie ihre regionalen Strategien überdenken mussten. Dies mündete später in sehr unterschiedliche Wege von Konfrontation bis hin zu Normalisierungs- und Friedensabkommen mit Israel.
Vom zwischenstaatlichen Krieg zum anhaltenden Konflikt um Territorium und Rechte
Vor 1967 standen klassische Kriege zwischen Staaten im Vordergrund. Nach dem Sechstagekrieg verschob sich der Schwerpunkt zunehmend zu einem dauerhaften Konflikt um Territorium, politische Rechte und nationale Selbstbestimmung, insbesondere im Westjordanland und Gaza.
Diese Verschiebung hatte mehrere langfristige Folgen. Statt klar abgegrenzter Fronten entstanden Zonen alltäglicher Konfrontation, in denen Militärpräsenz, Siedlungen und palästinensische Städte und Dörfer eng miteinander verflochten waren. Gewalt, Kontrolle und Widerstand wurden in den Alltag integriert, etwa in Form von Checkpoints, Hausdurchsuchungen oder Angriffen auf Zivilisten.
Der Konflikt erhielt damit eine neue Qualität. Er wurde weniger durch seltene große Kriege und mehr durch fortwährende Spannungen, wiederkehrende Eskalationen und sporadische Verhandlungsphasen geprägt.
Dauerhafte Prägung der künftigen Konfliktverläufe
Viele spätere Schlüsselereignisse im israelisch-palästinensischen Konflikt sind ohne 1967 kaum zu verstehen. Die Intifadas, die Entstehung bestimmter palästinensischer Organisationen, die Debatten um Rückzug, Grenzverläufe und Sicherheitsmauern, sowie die Struktur von Autonomiearrangements in Teilen der Gebiete: all dies knüpft direkt an die Realität an, die durch den Sechstagekrieg geschaffen wurde.
Die langfristige Konsequenz ist ein Konflikt, der sich nicht nur um historische Ansprüche dreht, sondern sehr konkret um Land, Souveränität, Bewegungsfreiheit und politische Gleichberechtigung in den seit 1967 kontrollierten Gebieten. Solange diese Fragen ungelöst bleiben, wirkt der Sechstagekrieg als Ausgangspunkt vieler aktueller Auseinandersetzungen weiter.