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Überblick und Zeithorizont
Der Sechstagekrieg fand im Juni 1967 statt und dauerte, wie der Name sagt, nur wenige Tage. Trotz der kurzen Dauer veränderte er den israelisch palästinensischen Konflikt und die gesamte Region grundlegend. In diesem Kapitel geht es darum, wie es gerade zu dieser Eskalation kam, wie der Krieg militärisch verlief und warum die Ergebnisse bis heute nachwirken. Die ausführliche Vorgeschichte und die längerfristigen Folgen werden in eigenen Kapiteln behandelt, hier steht der Krieg von 1967 selbst im Zentrum.
Die regionale Lage vor Ausbruch des Krieges
In den Jahren vor 1967 hatten sich die Spannungen zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten Ägypten, Syrien und Jordanien verstärkt. Es gab immer wieder Vorfälle an den Grenzen, etwa Beschuss über die Demarkationslinien, Angriffe nichtstaatlicher Akteure und Vergeltungsaktionen des israelischen Militärs. Gleichzeitig hatten sich die politischen Lager in der Region verhärtet. Arabische Regierungen standen innenpolitisch unter Druck, ihre Entschlossenheit gegenüber Israel zu zeigen. Israel wiederum sah sich von feindlichen Staaten umgeben und verfolgte eine Sicherheitsdoktrin, die auf Abschreckung und militärische Überlegenheit setzte.
Die militärische Aufrüstung auf beiden Seiten verstärkte das Gefühl, dass ein größerer Krieg nur eine Frage der Zeit sei. Obwohl es immer wieder Vermittlungsversuche gab, fehlte das Vertrauen, dass Kompromisse dauerhaft Sicherheit bringen könnten. So entstand eine Situation, in der kleinere Zwischenfälle leicht eskalieren konnten.
Unmittelbare Auslöser und Eskalationsdynamik
Im Frühjahr 1967 verschärfte sich die Lage schnell. Es kam zu Gefechten zwischen Israel und Syrien, unter anderem um demilitarisierte Zonen. Gleichzeitig spielte sich ein diplomatisches Ringen ab, in dem Fehlinformationen und Missverständnisse eine große Rolle spielten. Falsche oder übertriebene Meldungen über Truppenbewegungen verstärkten die gegenseitige Bedrohungswahrnehmung.
Ein entscheidender Schritt war die Verlegung ägyptischer Truppen in den Sinai und der Abzug der UN Truppen, die dort seit den 1950er Jahren stationiert gewesen waren. Damit fiel ein wichtiger Puffer weg, der bisher direkte Konfrontationen erschwert hatte. Kurz darauf sperrte Ägypten die Straße von Tiran, einen Seeweg, den Israel als lebenswichtig für seinen Zugang zum Roten Meer betrachtete. In israelischer Sicht war dies ein gravierender Akt, der nicht hingenommen werden konnte, ohne die eigene Abschreckung zu verlieren.
Auf arabischer Seite wuchs der politische und symbolische Druck, sich gegenüber Israel geschlossen zu zeigen. Es wurden gegenseitige Verteidigungspakte geschlossen, etwa zwischen Ägypten und Jordanien. Die Rhetorik radikalisierte sich, Reden und öffentliche Erklärungen vermittelten den Eindruck, ein großer Entscheidungskampf stehe bevor. Zugleich versuchten internationale Akteure, die Lage zu entschärfen, allerdings ohne einvernehmliche Lösung.
So entstand eine sogenannte Sicherheitsdilemma Situation. Jede Seite deutete die Maßnahmen der anderen als Vorbereitung auf einen Angriff und reagierte mit eigenen Schritten, die ihrerseits bedrohlich wirkten. Innerhalb weniger Wochen verengte sich der Handlungsspielraum, bis politische Führungen den Eindruck hatten, entweder militärisch handeln oder eine strategische Niederlage hinnehmen zu müssen.
Strategische Überlegungen und Kriegsplanung
Auf israelischer Seite wurde intensiv über einen Präventivschlag diskutiert. Militär und Regierung sahen die Konzentration feindlicher Truppen als unmittelbare Gefahr. Israels geographische Enge und die geringe Tiefe des Territoriums spielten dabei eine wichtige Rolle. Aus israelischer Perspektive konnte ein gegnerischer Angriff schnell zu einer existenziellen Bedrohung werden.
Die israelische Militärführung entwickelte daher einen Plan, zuerst die gegnerischen Luftstreitkräfte auszuschalten, um anschließend am Boden mit starker Überlegenheit vorgehen zu können. Ziel war es, möglichst schnell eine neue militärische Ausgangslage zu schaffen, bevor ein koordinierter Angriff mehrerer Staaten erfolgen konnte.
Auf arabischer Seite bestanden große Erwartungen an eine künftige militärische Konfrontation. Gleichzeitig gab es Rivalitäten und Abstimmungsprobleme zwischen den verschiedenen Armeen. Die Verteidigungspläne gingen oft von einem israelischen Angriff aus, aber die konkrete Koordination blieb begrenzt. Dadurch entstand eine Diskrepanz zwischen der starken öffentlichen Rhetorik und der tatsächlichen militärischen Vorbereitung.
Kriegsbeginn und Luftschlacht
Der Krieg begann im Juni 1967 mit einem massiven israelischen Luftangriff. Innerhalb weniger Stunden griff die israelische Luftwaffe zahlreiche ägyptische Flugplätze an. Viele ägyptische Flugzeuge wurden noch am Boden zerstört. Damit verlor Ägypten einen Großteil seiner Luftwaffe, bevor es überhaupt zu größeren Luftkämpfen kam.
Diese Anfangsphase war entscheidend. Da Israel die gegnerischen Luftstreitkräfte weitgehend neutralisieren konnte, gewann es die Kontrolle über den Luftraum. Das erleichterte den folgenden Vormarsch am Boden und schwächte die Fähigkeit der arabischen Armeen, ihre Truppen zu schützen und zu versorgen. Auch die Luftstreitkräfte von Syrien und Jordanien gerieten schnell unter Druck.
Aus militärischer Sicht stand und fiel der Sechstagekrieg mit dieser ersten, konzentrierten Operation. Die Kombination aus Überraschung, detaillierter Planung und Ausnutzung von Verwundbarkeiten bildete die Grundlage für den weiteren Verlauf.
Bodenkämpfe auf der Sinai Front
Nach der Zerstörung eines Großteils der ägyptischen Luftwaffe begann die israelische Armee eine Bodenoffensive im Sinai. Die ägyptischen Verbände waren zwar zahlreich, gerieten jedoch unter starken Druck, da sie kaum Luftunterstützung hatten und ihre Versorgungswege bedroht waren. In kurzer Zeit eroberte Israel mehrere strategisch wichtige Positionen.
Die Kämpfe im Sinai waren gekennzeichnet durch schnelle Bewegungen, Angriffe auf Nachschub und den Versuch, gegnerische Verbände einzukesseln. Gleichzeitig kam es zu chaotischen Rückzügen. Die ägyptische Führung stand unter enormem Zeit und Entscheidungsdruck. Militärische Niederlagen wirkten sich direkt auf die politische Stabilität aus, was zusätzliche Hektik in die Entscheidungsprozesse brachte.
Bereits nach wenigen Tagen kontrollierte Israel den größten Teil der Sinai Halbinsel. Damit verschob sich die Frontlinie weit vom israelischen Kerngebiet weg. Für Israel bedeutete dies aus militärischer Perspektive ein Sicherheitsgewinn, für Ägypten einen schweren strategischen Verlust.
Die Westjordanland Front und Ostjerusalem
Parallel zu den Kämpfen im Sinai eskalierte der Konflikt zwischen Israel und Jordanien. Nach Beginn der israelisch ägyptischen Kämpfe nahm Jordanien an den Feindseligkeiten teil. Es kam zu Gefechten um Jerusalem und entlang der damaligen Waffenstillstandslinie im Westjordanland.
Die Kämpfe um Ostjerusalem hatten dabei eine besondere symbolische Bedeutung. Jerusalem ist für verschiedene Religionen und Identitäten zentral. Die militärische Auseinandersetzung in und um die Stadt war deshalb nicht nur ein taktisches, sondern auch ein emotional aufgeladenes Ereignis. Innerhalb kurzer Zeit gelang es israelischen Truppen, die jordanischen Streitkräfte zurückzudrängen und Ostjerusalem einzunehmen.
Im weiteren Verlauf besetzte Israel das gesamte Westjordanland. Städte und ländliche Gebiete, die bis dahin unter jordanischer Verwaltung standen, gingen unter israelische Kontrolle. Damit veränderte sich die politische und rechtliche Situation der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung grundlegend, was in späteren Kapiteln vertieft wird.
Die syrische Front und die Golanhöhen
An der syrischen Grenze spielte sich eine weitere wichtige Phase des Krieges ab. Bereits vor 1967 war es dort immer wieder zu Beschuss und kleineren Gefechten gekommen. Die Golanhöhen hatten militärische Bedeutung, weil sie topographisch eine beherrschende Position über das nördliche Israel bieten.
Nach einigen Tagen, in denen der Schwerpunkt zunächst auf Ägypten und Jordanien lag, rückte die syrische Front stärker in den Fokus. Israelische Truppen griffen syrische Stellungen auf den Golanhöhen an. Die Offensive führte innerhalb kurzer Zeit zur Eroberung dieses Gebiets.
Die Einnahme der Golanhöhen verschob die militärische Balance im Norden. Von israelischer Seite wurde dies als Verringerung der Verwundbarkeit angesehen, von syrischer Seite als schmerzlicher Verlust von Territorium und als Demütigung. Auch hier wirkte sich die topographische Struktur direkt auf die militärische und politische Bewertung aus.
Waffenstillstand und Kriegsende
Nach nur sechs Tagen intensiver Kämpfe willigten die beteiligten Staaten in Waffenstillstände ein, die schrittweise durch Vermittlung der Vereinten Nationen zustande kamen. Die Kämpfe endeten, aber viele Fragen blieben offen. Es gab keinen umfassenden Friedensvertrag, sondern lediglich Vereinbarungen zur Einstellung der Feindseligkeiten.
Die Frontlinien des Waffenstillstands unterschieden sich deutlich von den Linien vor Kriegsbeginn. Israel kontrollierte nun den Sinai, das Westjordanland einschließlich Ostjerusalem, den Gazastreifen und die Golanhöhen. Damit hatte sich das von Israel militärisch kontrollierte Gebiet erheblich vergrößert. Gleichzeitig existierten keine einvernehmlichen politischen Regelungen über den Status dieser Gebiete.
Diese neue Realität bildete die Grundlage für spätere rechtliche, diplomatische und politische Auseinandersetzungen, die in anderen Kapiteln behandelt werden. Der Waffenstillstand markierte somit keinen Abschluss, sondern eher den Beginn einer neuen Phase des Konflikts.
Internationale Reaktionen und erste Bewertungen
Die unmittelbaren Reaktionen der internationalen Gemeinschaft waren ambivalent. Viele Staaten waren beeindruckt von der Geschwindigkeit des israelischen Sieges, zugleich jedoch besorgt über die langfristigen Folgen der Gebietsveränderungen. In internationalen Gremien, besonders in den Vereinten Nationen, begann bald eine intensive Diskussion darüber, wie mit den neuen Verhältnissen umzugehen sei.
Es entwickelten sich unterschiedliche Deutungen des Kriegsbeginns. In israelischen Darstellungen stand oft die Bedrohungslage vor dem Krieg und das Motiv der Selbstverteidigung im Mittelpunkt. In arabischen und palästinensischen Narrativen wurde der Krieg eher als Folge längerfristiger Machtasymmetrien und als weiterer Schritt in einem Prozess der Entrechtung gesehen. Diese verschiedenen Perspektiven prägten auch die diplomatischen Debatten.
Die internationale Diplomatie bemühte sich, Grundsätze für eine künftige Regelung zu formulieren. Dabei ging es um Begriffe wie territoriale Integrität, Unzulässigkeit der gewaltsamen Aneignung von Gebiet und das Recht auf sichere Grenzen. Die konkrete Ausgestaltung blieb jedoch umstritten.
Auswirkungen auf die Gesellschaften während und unmittelbar nach dem Krieg
Obwohl der Sechstagekrieg militärisch kurz war, hinterließ er tiefe Spuren in den betroffenen Gesellschaften. Für viele Menschen bedeuteten die wenigen Tage intensive Angst, Fluchtbewegungen, den Verlust von Angehörigen oder Gefangenschaft. Die Bilder von Panzern in Städten, zerstörter Infrastruktur und der schnellen Verschiebung von Fronten prägten sich ein.
In Israel entstand nach dem Sieg ein starkes Gefühl von Stärke und Selbstsicherheit, aber auch neue Fragen. Wie sollte mit den eroberten Gebieten umgegangen werden. Welche Verantwortung ergab sich gegenüber der Bevölkerung, die dort lebte. Diese Debatten gewannen in den folgenden Jahren an Bedeutung.
In arabischen Ländern und unter Palästinensern war der Schock über die Niederlage groß. Viele hegten zuvor ausgeprägte Hoffnungen auf einen militärischen Erfolg oder zumindest auf eine Abschreckung Israels. Der rasche Verlust von Gebiet und die Hilflosigkeit gegenüber der eigenen militärischen Schwäche führten zu Frustration, Selbstkritik und auch zu innergesellschaftlichen Spannungen.
Bedeutung des Sechstagekriegs im weiteren Verlauf des Konflikts
Der Sechstagekrieg markiert einen Wendepunkt, weil er die territorialen, militärischen und psychologischen Rahmenbedingungen des Konflikts grundlegend veränderte. Die Entstehung einer langfristigen Besatzung, die Diskussionen über Siedlungen, die veränderte Rolle verschiedener palästinensischer und israelischer Akteure und spätere Friedens und Kriegsphasen sind ohne dieses Ereignis kaum zu verstehen.
In der Erinnerungskultur beider Seiten hat der Krieg von 1967 einen festen Platz. Er wird in Schulbüchern, Medien und politischen Reden häufig als Schlüsselereignis dargestellt, allerdings mit sehr unterschiedlichen Bewertungen. Ob er als notwendige Verteidigungsmaßnahme, als vermeidbare Eskalation oder als Ursprung dauerhafter Ungerechtigkeiten gesehen wird, hängt stark von der jeweiligen Perspektive ab.
Dieses Kapitel hat den konkreten Verlauf und die unmittelbare Dynamik des Sechstagekriegs skizziert. Die rechtliche Einordnung der darauf folgenden Besatzung, die Entwicklung der Siedlungspolitik, die Veränderungen in der palästinensischen Gesellschaft und die späteren Friedensbemühungen werden an anderer Stelle ausführlich behandelt.