1.2.2. Ziele
Table of Contents
äußere Ziele
Äußere Ziele sind alles, was sich von außen beobachten oder messen lässt. Die Figur will etwas Konkretes erreichen, bekommen oder verhindern: den Job, die Flucht, den Wettkampf gewinnen, einen Mord aufklären, ein Raumschiff landen, ein Dorf retten. In einem Drehbuch muss dieses Ziel so formuliert sein, dass man im Bild klar erkennen kann, ob es erreicht wurde oder nicht.
Äußere Ziele geben der Handlung Richtung. Sie beantworten die Frage: Worum geht es praktisch, was tut die Figur die ganze Zeit? Wenn ein Protagonist einen Banküberfall plant, dann besteht sein äußeres Ziel nicht aus „Freiheit“ oder „Selbstfindung“, sondern zum Beispiel aus „eine bestimmte Summe Geld aus der Bank schaffen und entkommen“. Das Publikum folgt seinen Handlungen, weil jede Entscheidung überprüft werden kann: Bringt ihn das näher an dieses konkrete Ziel, oder weiter weg?
Für Einsteiger ist es hilfreich, äußere Ziele wie eine Prüfaufgabe zu formulieren: „Bestanden“ oder „nicht bestanden“. Sobald du Sätze verwendest wie „sie möchte ihr Leben in den Griff bekommen“, fehlt im Bild die klare Marke. Wenn du daraus machst „sie will ihre Tochter zurückgewinnen, bevor das Jugendamt die endgültige Entscheidung trifft“, wird das Ziel filmisch greifbar.
Ein äußeres Ziel sollte konkret, sichtbar und überprüfbar sein: Am Ende der Geschichte kann man klar sagen „ja“ oder „nein“.
innere Ziele
Innere Ziele betreffen das emotionale oder psychologische Wachstum einer Figur. Sie sind eng mit Bedürfnis, Selbstbild und falschen Überzeugungen verbunden, werden der Figur aber oft erst im Verlauf der Geschichte bewusst. Während das äußere Ziel „den Prozess gewinnen“ sein kann, lautet das innere Ziel vielleicht „lernen, sich nicht mehr nur über Erfolg zu definieren“.
Innere Ziele sind nach außen nicht so eindeutig messbar wie äußere, sie zeigen sich indirekt im Verhalten: in Entscheidungen, Beziehungen, Rückzügen, Geständnissen. Eine Figur, die am Anfang unfähig ist, Hilfe anzunehmen, könnte als inneres Ziel entwickeln, Vertrauen zu lernen. Der Moment, in dem sie sich im Finale bewusst an andere wendet, ist dann ein sichtbares Zeichen, dass das innere Ziel erreicht wurde.
Innere Ziele geben der Geschichte emotionale Tiefe, weil sie die dramatischen Veränderungen begründen. Das Publikum soll nicht nur sehen, ob jemand etwas schafft, sondern auch, was es innerlich mit ihm macht. In vielen Geschichten scheitert die Figur sogar am äußeren Ziel, erreicht aber ihr inneres Ziel, und genau darin liegt der berührende Kern.
Innere Ziele sind unbewusste oder anfänglich verdrängte Bedürfnisse, die sich im Verlauf der Geschichte in sichtbare Verhaltensänderungen übersetzen.
kurzfristige Ziele
Kurzfristige Ziele sind die kleinen, unmittelbaren Etappen, die sich aus dem größeren Ziel ergeben. Sie strukturieren einzelne Szenen und Sequenzen. Wenn das übergeordnete Ziel „aus dem Gefängnis fliehen“ lautet, können kurzfristige Ziele zum Beispiel sein: „den Plan vom Zellennachbarn erfahren“, „an die Schlüssel kommen“, „den Wärter ablenken“.
Diese kurzfristigen Ziele sind wichtig, weil sie den Figuren etwas Konkretes in jeder Szene zu tun geben. Ohne sie entstehen leicht Szenen, in denen Figuren nur „herumstehen und reden“. Sobald du dir für jede Szene fragst „Was will die Figur genau jetzt?“, definierst du ein kurzfristiges Ziel. Das macht Konflikte automatisch klarer, weil immer etwas auf dem Spiel steht, auch wenn es nur darum geht, eine Information zu bekommen, eine Lüge glaubhaft zu machen oder ein Date nicht zu vermasseln.
Kurzfristige Ziele erlauben außerdem schnelle Richtungswechsel. Wenn ein kurzfristiges Ziel scheitert, kann sich sofort ein neues formen, das die Figur in eine andere Bahn zwingt. So bleibt der Plot lebendig und reagiert auf Hindernisse, statt nur auf das ferne Endziel zuzusteuern.
langfristige Ziele
Langfristige Ziele sind die großen Vorhaben, die über die gesamte Geschichte tragen. Sie geben der Handlung einen roten Faden und sind meist eng mit der Prämisse verbunden. Eine Figur will ihre Familie retten, eine Revolution anführen, ein Heilmittel finden, ein Turnier gewinnen, eine Verschwörung aufdecken. Dieses langfristige Ziel ist häufig identisch mit dem äußeren Hauptziel des Protagonisten.
Während kurzfristige Ziele Szenen antreiben, ist das langfristige Ziel die übergeordnete Ausrichtung des gesamten Plots. Jeder größere Abschnitt der Geschichte sollte zeigen, wie weit die Figur vorankommt, wo sie zurückgeworfen wird, und wie sich ihre Strategie in Bezug auf dieses langfristige Ziel verändert. Wenn das Ziel zu schwach oder zu vage ist, verliert die Story an Fokus, weil nicht klar ist, worauf die Entwicklung hinausläuft.
Ein langfristiges Ziel braucht Konsequenzen. Es sollte nicht beliebig austauschbar wirken, sondern etwas bedeuten. Wenn der Protagonist sein Ziel verfehlt, muss das spürbare Folgen haben, die über eine bloße Enttäuschung hinausgehen. In der Kombination aus langfristigem Ziel und realen Konsequenzen entsteht die dramatische Spannung der gesamten Geschichte.
Ein langfristiges Ziel ist der rote Faden der Geschichte: Es zieht sich durch den gesamten Plot und bestimmt, welche Szenen wirklich notwendig sind.
konkurrierende Ziele
Konkurrierende Ziele entstehen, wenn eine Figur mehrere Ziele verfolgt, die sich gegenseitig im Weg stehen. Sie können zwischen verschiedenen Figuren bestehen, aber besonders interessant sind innere Konflikte einer einzelnen Figur mit zwei widersprüchlichen Anliegen. Zum Beispiel will jemand seine Karriere vorantreiben, aber auch mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Oder eine Ermittlerin will die Wahrheit ans Licht bringen, muss dafür aber ihre Loyalität zu einem geliebten Menschen verraten.
Konkurrierende Ziele verschärfen Konflikte automatisch, weil jede Entscheidung der Figur einen Preis hat. Sie kann nicht alles haben. In vielen Geschichten kollidieren äußere und innere Ziele: Der Protagonist glaubt, er müsse um jeden Preis gewinnen, um wertvoll zu sein, merkt aber nach und nach, dass er eigentlich lernen muss, Schwäche zu akzeptieren. Wenn er im Finale sein inneres Ziel verfolgt, gefährdet er oft sein äußeres oder opfert es sogar.
Auch zwischen Figuren sind konkurrierende Ziele ein zentraler Motor von Konflikten. Zwei Figuren können dasselbe äußere Ziel haben, aber aus unterschiedlichen Gründen, oder gegensätzliche Ziele, die sich gegenseitig ausschließen. Spannend wird es, wenn diese Ziele nicht rein abstrakt sind, sondern emotional aufgeladen, etwa durch Liebe, Schuld, Rivalität oder Abhängigkeit.
Konkurrierende Ziele erzeugen Dilemmata: Jede Entscheidung erfüllt ein Ziel, verletzt aber ein anderes. Daraus entstehen starke dramatische Situationen.
klare und unklare Ziele
Klare Ziele sind für das Publikum verständlich formuliert. Man weiß, was die Figur will, warum sie es will und woran man erkennt, dass sie es erreicht hat. „Sie will ihren Bruder finden, bevor der Zug die Grenze erreicht“ ist ein klares Ziel. Es enthält ein Objekt (Bruder), eine Handlung (finden) und oft eine Begrenzung wie Zeit oder Ort (bevor die Grenze erreicht ist).
Unklare Ziele sind vage und abstrakt formuliert, etwa: „Er will glücklich werden“, „sie sucht ihren Platz im Leben“, „er möchte, dass alles wieder gut wird“. Solche Formulierungen entsprechen oft einem inneren Zustand, sie liefern aber noch keinen konkreten Motor für Szenen. Für filmisches Erzählen müssen sie entweder in ein sichtbares äußeres Ziel übersetzt oder mit klaren Zwischenzielen verbunden werden, die im Bild überprüfbar sind.
Manchmal beginnt eine Geschichte ganz bewusst mit unklaren Zielen. Die Figur weiß noch nicht genau, was sie will, sie fühlt nur eine Unzufriedenheit oder Leere. Ein wichtiger Teil der Story besteht dann darin, dass das Ziel sich im Verlauf klärt und schärft. Dieser Prozess kann selbst dramatisch inszeniert werden, etwa durch Fehlentscheidungen: Die Figur jagt einem falschen Ziel hinterher, bis sie erkennt, was sie wirklich braucht.
Für Einsteiger ist es hilfreich, eine einfache Prüffrage zu nutzen: Könnte eine andere Figur am Ende der Geschichte objektiv sagen, ob das Ziel erreicht wurde? Wenn nicht, ist das Ziel als äußeres Handlungsmotiv noch zu unklar. Dann lohnt es sich, das abstrakte Begehren in eine konkrete Aufgabe zu überführen. So bleiben innere Themen erhalten, während die Handlung zugleich fokussiert und verständlich wird.
Views: 4