32.5.1. Erster Entwurf
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vollständige Handlung
Für den ersten Treatmententwurf ist die wichtigste Aufgabe, die gesamte Geschichte einmal von vorne bis hinten durchzuerzählen. Keine Lücken, keine „und dann passiert irgendwas Spannendes“, keine abgebrochenen Handlungsstränge. Du schreibst die komplette Story in Prosatext, grob orientiert an deiner Struktur, aber ohne Drehbuchformat.
Stell dir dein Treatment wie eine „Film-Nacherzählung“ vor, die jemand lesen kann, ohne das Drehbuch zu kennen. Am Ende muss klar sein: Wer tut was, warum, wann, wo und mit welchen Konsequenzen.
Im ersten Treatmententwurf gilt: Lieber vollständig als perfekt.
Beginne in der Regel beim Setup und arbeite dich chronologisch durch die Akte. Nutze deine Beats, Sequenzen und deine Outline als Leitplanke. Wenn du merkst, dass etwas in der Outline nicht mehr passt, folgst du im Treatment der lebendigeren Variante, nicht der alten Notiz. Das Treatment ist kein reines Abschreiben der Outline, sondern ihre Weiterentwicklung.
Hilfreich ist eine grobe Ziel-Länge, damit du nicht zu kurz oder zu ausufernd wirst. Für einen Spielfilm liegen viele Treatments ungefähr in diesem Bereich:
| Projektumfang | Typische Treatmentlänge (Richtwert) |
|---|---|
| Kurzfilm 5–15 Min | 2–4 Seiten |
| Spielfilm 90–120 Min | 8–15 Seiten |
Das sind Richtwerte, keine Gesetze. Entscheidend ist, dass jede wichtige Handlung klar beschrieben ist und dass man die Entwicklung nachvollziehen kann.
Schreibe im Präsens und in einer schlichten, visuellen Sprache, so dass man sich Szenen vorstellen kann, ohne in Detailprosa abzurutschen. Gedanken und Innenleben der Figuren dürfen vorkommen, aber sie sollten immer in Verbindung mit konkret beobachtbarem Verhalten stehen, damit der Weg zum Drehbuch nicht verloren geht.
Wenn du merkst, dass du beim Schreiben große Sprünge machst, zum Beispiel „Nach einigen Hindernissen erreicht sie schließlich ihr Ziel“, ist das ein Warnsignal: Dir fehlen wahrscheinlich konkrete Konflikte oder Szenen. Fülle diese Lücken zunächst grob, auch wenn die Ausarbeitung noch nicht perfekt ist. Später kannst du verdichten oder streichen, aber der erste Entwurf sollte die Dramaturgie einmal vollständig abbilden.
Halte außerdem den Fokus konsequent auf deinem Protagonisten und dem Hauptkonflikt. Nebenhandlungen gehören hinein, aber nur, wenn sie klar mit der Hauptlinie verbunden sind. Jede größere Sequenz sollte erkennbar ein Ziel, ein Hindernis und ein Ergebnis haben. Wo das im Text noch unklar bleibt, markiere es dir, damit du in der Überarbeitung gezielt nachschärfen kannst.
Figurenentwicklung
Während du den ersten Treatmententwurf schreibst, arbeitest du nicht nur an der Handlung, sondern auch an den Figurenbögen. Es reicht nicht, dass deine Figuren am Ende „anders“ sind. Die Leserinnen müssen Schritt für Schritt nachvollziehen können, wie es zu dieser Veränderung kommt.
Nutze deine bisherigen Notizen zu Want und Need, falscher Überzeugung und innerem Konflikt und übersetze sie in konkrete Situationen. Anstatt nur zu schreiben, dass eine Figur ängstlich ist, beschreibe, in welchen Momenten sie aus Angst zögert, lügt oder flieht. Die Entwicklung entsteht durch Entscheidungen unter Druck, nicht durch nachträgliche Erklärungen.
Ein praktischer Ansatz für den ersten Entwurf ist, dir für die wichtigsten Figuren jeweils ein klares Vorher und Nachher zu notieren und dann gezielt nach Zwischenstufen zu suchen:
| Figur | Ausgangszustand | Schlüsselmomente der Entwicklung | Endzustand |
|---|---|---|---|
| Protagonist | falsche Überzeugung, Gewohnheiten, Defizite | Krisen, Wendepunkte, Entscheidungen, Verluste | neue Einsicht, verändertes Verhalten |
| Antagonist | Machtposition, Motivation, Strategie | Erfolge, Rückschläge, Entlarvung, Verschärfung | Sieg, Niederlage oder eigene Veränderung |
| zentrale Nebenfigur | Rolle im Leben des Protagonisten | Konflikte, Loyalitätsbrüche, Offenbarungen | gefestigte oder gebrochene Beziehung |
Im Treatment sollte bei allen Schlüsselmomenten der Handlung erkennbar sein, wie sich die Figuren innerlich und in ihren Beziehungen verschieben. Zeige zum Beispiel:
Eine Figur, die am Anfang Verantwortung meidet, übernimmt an einem Wendepunkt zum ersten Mal freiwillig Verantwortung für jemand anderen.
Zwei Figuren, die einander misstrauen, bekommen eine Szene, in der eine von beiden sich verletzlich macht und die andere darauf reagiert.
Eine scheinbar souveräne Figur verliert die Kontrolle und lässt eine Schwäche sichtbar werden, die bisher nur in Andeutungen vorhanden war.
Schreibe diese Entwicklung nicht als Analyse, sondern als beobachtbare Dramensituation. Statt „Sie lernt, anderen zu vertrauen“ beschreibst du: „Sie entscheidet sich, den Schlüssel doch zu übergeben, obwohl sie sicher ist, dass das ein Risiko ist.“
Regel für den Treatmententwurf: Innere Entwicklung immer mit äußerem Verhalten verknüpfen.
Achte auch darauf, dass der Protagonist aktiv bleibt. Im ersten Entwurf erkennst du schnell, ob deine Hauptfigur die Geschichte trägt oder nur reagiert. Sobald du merkst, dass andere Figuren die wichtigen Entscheidungen treffen, markiere diese Stellen. Häufig ist das ein Hinweis darauf, dass du Szenen so umstellen oder umdefinieren solltest, dass der Protagonist die Handlung vorantreibt.
Schließlich sollten im Treatment auch die Beziehungen einen klaren Bogen haben. Notiere dir beim Schreiben gelegentlich, wie die Beziehung zweier Figuren in einer Szene gerade aussieht und wie sie sich im Lauf der Geschichte verändert. Wenn du von Anfang bis Ende denselben Beziehungszustand beschreibst, fehlt dir wahrscheinlich ein Konflikt oder eine Entwicklung, die du im nächsten Durchgang ergänzen kannst.
Ende
Das Ende ist für den ersten Treatmententwurf besonders wichtig, weil es dir hilft, die gesamte Story rückwärts zu denken. Du musst wissen, wohin du willst, bevor du beurteilen kannst, ob die Entwicklung stimmig ist.
Formuliere dein Ende im Treatment klar und ohne Ausweichformeln. Verstecke dich nicht hinter Andeutungen wie „und so findet sie ihren Weg“. Beschreibe genau, wie der finale Konflikt aussieht, welche Entscheidung der Protagonist trifft, was konkret geschieht und was das Ergebnis ist, sowohl äußerlich als auch innerlich.
Im Treatment-Ende sollten mindestens diese Punkte klar erkennbar sein:
Ob der Protagonist sein äußeres Ziel erreicht oder scheitert.
Wie sich seine innere Haltung oder Überzeugung im Vergleich zum Anfang verändert hat.
Welche Konsequenzen die Auflösung für zentrale Nebenfiguren und die Welt der Geschichte hat.
Wie das Thema der Geschichte im Finale sichtbar wird, ohne dass du es erklärst.
Du kannst dir hier eine einfache Prüfung vorstellen: Wenn jemand nur das Ende deines Treatments liest, sollte er dennoch sagen können, was die Geschichte im Kern aussagt. Ideal ist es, wenn das Ende als notwendige Folge der vorherigen Ereignisse wirkt. Überraschend, aber rückblickend logisch.
Testfrage für dein Ende: Passiert es „deshalb“ und nicht nur „und dann“?
Beim ersten Entwurf musst du dich entscheiden, welche Form von Ende du erzählst: Sieg, Niederlage, bittersüßes Ergebnis, offenes Ende oder ironische Wendung. Diese Entscheidung hilft dir, die Figurentwicklung und die Konfliktlogik zu schärfen. Wenn du ein offenes Ende planst, achte darauf, dass es nicht unentschieden ist. Offene Enden lassen Fragen, aber sie klären die zentrale Bewegung der Figur: Sie hat sich entschieden oder eben bewusst nicht entschieden, und das hat spürbare Folgen.
Beschreibe im Treatment auch das letzte Bild oder den letzten Moment deiner Geschichte. Selbst wenn du später im Drehbuch daran noch arbeitest, zwingt dich ein klar formulierter Schlussmoment dazu, die emotionale Wirkung zu definieren, mit der das Publikum den Film verlassen soll. Ist es Erleichterung, Trauer, Hoffnung, Unbehagen, Inspiration? Dein Text sollte diesen Ton in der Handlung erkennen lassen, nicht nur in abstrakten Begriffen.
Am Ende des ersten Treatmententwurfs hast du dann drei Dinge: eine durchgehende Handlung, sichtbare Figurenbögen und ein klares Finale. Perfekt ist das noch nicht, aber du besitzt zum ersten Mal eine komplette erzählerische Version deiner Geschichte, auf deren Grundlage du gezielt überarbeiten kannst.
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