KAHIBARO Bookshelves
Discord Login Register

17.1.2. Schreibplan

tägliche Ziele

Ein Schreibplan beginnt nicht mit großen Träumen, sondern mit kleinen, täglichen Einheiten. Für Drehbuchanfänger ist der wichtigste Schritt, Schreiben als Regelmäßigkeit statt Ausnahme zu etablieren. Tägliche Ziele helfen dir, die Einstiegshürde zu senken. Sie sollten so klein sein, dass du sie auch an einem müden, vollen Tag schaffen kannst, und gleichzeitig klar genug, um überprüfbar zu sein.

Unterscheide zwischen Produktzielen und Prozesszielen. Produktziele beziehen sich auf ein Ergebnis, etwa eine bestimmte Anzahl von Seiten oder Szenen. Prozessziele konzentrieren sich auf das Verhalten, zum Beispiel eine halbe Stunde konzentriert ohne Ablenkung am Projekt zu sitzen. Für absolute Anfänger ist es oft sinnvoll, mit Prozesszielen zu beginnen, weil sie den Druck vom Ergebnis nehmen. Du kannst dir zum Beispiel vornehmen, 25 Minuten mit Timer zu schreiben, egal wie gut die Sätze sind.

Wichtige Regel: Tägliche Ziele müssen erreichbar und konkret sein. „Heute am Drehbuch arbeiten“ ist zu vage. „Heute 20 Minuten an Szene 3 schreiben“ ist überprüfbar.

Hilfreich ist es, dir für jeden Tag exakt zu notieren, was du tun willst, zum Beispiel: Montag: Figurenbogen des Protagonisten überarbeiten. Dienstag: zwei neue Szenen grob skizzieren. Mittwoch: eine der beiden Szenen ausformulieren. So vermeidest du es, jeden Tag wieder neu überlegen zu müssen, wo du anfangen sollst. Je weniger Entscheidung du vor dem Schreiben treffen musst, desto leichter fällt der Start.

Erwarte nicht, dass du jeden Tag gleich produktiv bist. Es reicht, die Gewohnheit zu schützen. Manche Tage bringen vielleicht nur eine halbe Seite oder ein paar Notizen, aber sie halten die Verbindung zu deiner Geschichte lebendig. Das ist entscheidend, damit du nicht immer wieder bei Null einsteigen musst.

Seitenziele

Seitenziele sind im Drehbuchschreiben besonders praktisch, weil es eine grobe Faustregel gibt: Eine Seite Drehbuch entspricht etwa einer Minute Film. Für Einsteiger ist diese Umrechnung zwar nicht entscheidend, aber sie hilft dir, das Gesamtprojekt zu überschauen. Wenn du weißt, dass du ungefähr 90 Seiten brauchst, kannst du dir überlegen, wie viele Seiten du pro Woche oder pro Monat schreiben möchtest.

Arbeitsformel:
Wenn du $S$ Seiten schreiben willst und $T$ Tage Zeit hast, ergibt sich ein durchschnittliches Tagesziel von
$$\text{Seiten pro Tag} = \frac{S}{T}$$
Diese Zahl ist nur ein Orientierungspunkt, kein Zwang.

Ein Beispiel: Du planst ein 30-seitiges Kurzfilmdrehbuch in sechs Wochen zu schreiben. Das sind 42 Tage. Geteilt durch 30 kommst du auf ungefähr 0,7 Seiten pro Tag. Praktischer ist es, das in Wochenziele zu übersetzen. Du könntest dir vornehmen, pro Woche fünf Seiten Rohfassung zu schreiben. So hast du auch Raum für Tage, an denen nichts gelingt, und Tage, an denen du mehr schaffst als geplant.

Seitenziele sind besonders sinnvoll in der Phase des ersten Entwurfs, wenn es darum geht, das Material überhaupt erst auf Papier zu bekommen. In der Überarbeitungsphase verlieren sie etwas an Klarheit, weil du weniger neue Seiten schreibst, dafür alte umstellst, kürzt und erweiterst. Für Überarbeitungen kannst du Seitenziele daher indirekt verwenden, etwa: Heute zehn Seiten durchgehen und überarbeiten.

Für Anfänger ist es wichtig, Seitenziele flexibel zu handhaben. Wenn du merkst, dass dein Ziel dich blockiert, reduziere die Zahl. Wenn du es eine Woche lang mühelos übertriffst, kannst du sie vorsichtig erhöhen. Seitenziele sind ein Werkzeug, kein Maßstab für deinen Wert als Autor.

feste Zeiten

Ein Schreibplan gewinnt enorme Kraft, wenn du fest definierte Schreibzeiten einführst. Statt „wenn ich Zeit habe“ zu schreiben, reservierst du bestimmte Zeitfenster, in denen Schreiben Priorität hat. Das kann zum Beispiel morgens vor der Arbeit sein, in der Mittagspause oder abends eine Stunde, nachdem andere Verpflichtungen erledigt sind. Entscheidend ist, dass du diese Zeiten wie einen Termin mit dir selbst behandelst.

Viele Einsteiger unterschätzen, wie sehr die Qualität der Schreibzeit von der Umgebung abhängt. Wähle einen Ort, an dem du möglichst ungestört bist, und minimiere Ablenkungen. Handy weg, Benachrichtigungen aus, Browser-Tabs schließen. Ein klares Ritual kann helfen, in den Schreibmodus zu kommen, etwa immer mit der gleichen Tasse Tee anzufangen oder zuerst die letzte Szene kurz zu überfliegen und dann weiterzuschreiben.

Eine einfache Struktur ist, mit Zeitblöcken zu arbeiten. Zum Beispiel: 2 Blöcke à 25 Minuten mit 5 Minuten Pause dazwischen. In diesen Blöcken ist nur eine Aufgabe erlaubt, etwa das Schreiben des aktuellen Aktes oder einer bestimmten Szene. Recherchen, E-Mails und Notizen in sozialen Medien gehören nicht dazu. Du kannst sie außerhalb der Blöcke erledigen.

Wenn dein Alltag unregelmäßig ist, musst du trotzdem nicht auf feste Zeiten verzichten. Du kannst dir zum Beispiel für jede Woche im Voraus überlegen, an welchen Tagen du wie lange schreiben kannst, und das in einen Kalender eintragen. Wichtig ist, dass du die Entscheidung, „ob“ du schreibst, so früh wie möglich triffst. Je weniger du in der Situation verhandeln musst, desto höher ist die Chance, dass du dich wirklich hinsetzt.

Meilensteine

Tägliche Ziele halten dich in Bewegung, Meilensteine geben dir Orientierung und Motivation über längere Strecken. Meilensteine sind größere, klar definierte Zwischenziele, die ein spürbares Stück Projektfortschritt markieren. Beim Drehbuchschreiben können das zum Beispiel folgende Punkte sein: Figuren sind ausgearbeitet, Struktur steht, Beat Sheet ist fertig, erster Akt ist geschrieben, erste Rohfassung ist abgeschlossen.

Eine sinnvolle Planung verbindet Meilensteine mit groben Zeitrahmen. Du könntest dir etwa vornehmen, in zwei Wochen deine Hauptfiguren zu definieren, in den folgenden zwei Wochen die Struktur und das Beat Sheet zu erarbeiten und im Anschluss in sechs Wochen eine komplette Rohfassung zu schreiben. Solche Abschnitte helfen dir, jeweils nur auf den nächsten Schritt zu schauen statt auf den gesamten Berg.

Es ist hilfreich, Meilensteine schriftlich festzuhalten und nach Erreichen bewusst zu markieren, zum Beispiel in einer Tabelle.

MeilensteinZielterminTatsächlich erreichtBemerkungen
Figurenentwürfe fertig15. März
Drei-Akt-Struktur steht31. März
Rohfassung Akt I fertig15. April
komplette Rohfassung31. Mai

Solche Übersichten machen Fortschritt sichtbar, auch wenn sich der Alltag chaotisch anfühlt. Wenn du einen Meilenstein verfehlst, ist das kein Grund aufzugeben, sondern ein Anlass, deinen Plan zu prüfen. Vielleicht waren die Abschnitte zu groß gewählt, vielleicht brauchst du kleinere Zwischenschritte, etwa: „Auslösendes Ereignis definieren“ oder „Krisenszene skizzieren“.

Zentraler Grundsatz: Meilensteine dienen der Orientierung, nicht der Selbstbestrafung. Sie sollen dir zeigen, wo du stehst, und dir helfen, den nächsten sinnvollen Schritt zu wählen.

Schaffe dir kleine Belohnungen für erreichte Meilensteine, etwa einen freien Abend ohne schlechtes Gewissen oder einen Kinobesuch. So verknüpfst du den Prozess des Schreibens mit positiven Erfahrungen. In der Summe aller täglichen Ziele, festen Zeiten und Meilensteine entsteht dann ein Schreibplan, der dich zuverlässig von der ersten Idee bis zur vollständigen Drehbuchfassung tragen kann.

Views: 3

Comments

Please login to add a comment.

Don't have an account? Register now!